Helmut Kramer

(*1939 in Bregenz) war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ab 1990 Honorar­professor an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Rektor der Donau-Universität Krems sowie Mitglied des Vorstands der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen ÖPIA.

Vorarlbergs Wirtschaft als Exportmeister

Dezember 2020

Außenhandelstheorie über Trump hinaus

Vor mehr als einem Jahr kam ich bei einem Empfang der Bundeswirtschaftskammer dazu, wie der damals noch amtierende Präsident Leitl einen jungen Studenten mit der Frage begrüßte: „Was studieren Sie denn?“ Der antwortete voll Stolz: „Volkswirtschaft“. Leitl, etwas brüsk: „Volkswirtschaft gibt es ja gar nicht mehr. Es gibt nur noch Weltwirtschaft.“ Später konnte ich den jungen Kollegen trösten: „Erstens: Präsidenten haben immer recht. Zweitens: Leitl vereinfacht einen komplexen Sachverhalt auf das Wesentliche.“ 
Wir haben uns über Jahrzehnte seit der Nachkriegszeit daran gewöhnt, dass Exporte besonderen Anforderungen genügen müssen, um auf ausländischen Märkten zum Zug zu kommen. Die Öffentlichkeit in Deutschland beruhigte sich lange auch in krisenhaften Zeiten damit, dass Deutschland immerhin „Exportweltmeister“ sei. Die deutschen Ausfuhren übertrafen die Einfuhren regelmäßig um einige hundert Milliarden Euro. Die Devisenüberschüsse mussten als Kredite in Schuldnerländern investiert werden. Die aus rein nationalstaatlicher Sicht scheinbar anzustrebenden Exportüberschüsse wurden auf Dauer jedoch zum internationalen Problem, weil ja niemals alle Länder Exportüberschüsse erzielen können. Donald Trump war nicht der Einzige, der das nicht begreifen wollte und damit in Wirklichkeit der amerikanischen Wirtschaft schadete. Ganz abgesehen davon, dass mittlerweile China Deutschland als „Exportweltmeister“ abgelöst hat. 
Sowohl Exporte wie Importe sind im laufenden Jahr unter dem Einfluss der Pandemie stark gesunken. Es ist derzeit nicht viel mehr als eine vage Hoffnung, dass sich der Rückgang nicht 2021 noch fortsetzt. Erste Daten, die bis ins Sommerquartal reichen, lassen annehmen, dass sich Vorarlbergs Wirtschaft auch unter dem verheerenden Einfluss der Corona-Krise im Vergleich zu anderen Bundesländern relativ gut behaupten konnte. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass sie ihren nutzbaren Wirtschaftsraum weit über die Landesgrenzen hinaus erstreckt hat. 
Vorarlbergs Wirtschaft, vor allem seine Industrie, ist seit Jahren gleichfalls ein Exportmeister: Kein anderes Bundesland erzielt einen so hohen Anteil seiner Wertschöpfung im Ausland. Und das keineswegs, weil seine Exporte gerade nur zu den Anrainern am anderen Ufer von Rhein und Bodensee gingen. Tatsächlich ist bewundernswert, wie Güter „Made in Vorarlberg“ in allen Teilen der Erde gefragt sind und dort auch vielfach feste Niederlassungen für den Vertrieb und sogar für die Fertigung begründet haben: in den USA und Kanada, in China, in Australien und Brasilien. Die räumlich weit entfernten Märkte unterscheiden sich in vieler Hinsicht von dem kleinen Binnenmarkt: Unterschiede der Sprache, der Rechtsverhältnisse, variable Wechselkurse, Steuern, ungeschriebene Gewohnheiten, politische Einflüsse müssen neben eigentlichen Handelshindernissen, also Zöllen oder Mengenbeschränkungen, erst überwunden werden. 
Bis zur schrittweisen Integration Österreichs in den europäischen Binnenmarkt, besonders seit dem Beitritt zur Europäischen Union und zur Währungsunion, wurden die Handelsschranken nahezu vollständig abgebaut. (Dass unverständliche und unverantwortliche Politik in London sie wieder errichtet, müssen wir gerade miterleben).
Den Mitgliedern der EU sind in dieser Hinsicht die Schweiz und die Länder des Europäischen Wirtschaftsraums Liechtenstein, Norwegen und Island weitgehend gleichgestellt. Im Einzelfall mag jedoch die tatsächliche Praxis im Vergleich zum Freihandelsprinzip durch Einflüsse von Bürokratie oder kurzfristiger Aktualität nicht immer gut durchschaubar sein. Unter anderem dabei leistet die Außenhandelsorganisation der Handelskammer wertvolle Hilfestellung. 
Der europäische Markt ist für Anbieter aus Vorarlberg im Wesentlichen offen. Ebenso allerdings auch umgekehrt der eigene Heimatmarkt für die Konkurrenz anderer Europäer. Damit hat das Faktum „Export“ viel von seiner Bedeutung als besondere unternehmerische Herausforderung verloren. Nicht alles: Noch immer gibt es national unterschiedliche Regelungen: Wir beobachten das gerade an den von den betroffenen Ländern überstürzt etablierten nationalen Hilfsmaßnahmen zur Bewältigung der Pandemie. Hier schaltet sich nun unter dem Titel Wettbewerbspolitik die Europäische Kommission ein. 
Weitere Probleme sind durch die Pandemie und die Klimaproblematik unter dem Stichwort Globalisierung stärker denn je bewusst geworden: Einerseits kann weltweiter Außenhandel besondere Risiken bedeuten. Just-in-time-Lieferungen mit minimalen Vorproduktlagern sind zwar im Normalfall kostengünstig, aber sie sind dem Risiko der Unterbrechung von Lieferketten ausgesetzt, wenn der eigenen Standfestigkeit und der Reservehaltung zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das spricht nicht grundsätzlich gegen den internationalen Warenverkehr, sondern ist Sache der unternehmerischen Risikokalkulation („Resilienz“ nennen das die Volks-, pardon, die Weltwirtschafter).
Zweitens kann weltweiter Warenverkehr Umweltschäden und deren Folgen für das Klima verstärken. Hochseetransporte auf riesigen Containerschiffen und Tankern belasten die Umwelt, jedenfalls, solange diese Belastung nicht in den Treibstoffkosten unberücksichtigt bleibt. Und, noch schlimmer: Wenn Produktionsstufen in Länder verlegt wurden, nicht nur weil dort die Arbeitskosten niedriger sind, sondern auch die Umweltauflagen weniger anspruchsvoll, dann ist es eine ökologische Selbsttäuschung zu behaupten, man produziere nun in Europa „sauberer“ in Bezug auf die Umweltbelastung. In dieser Hinsicht irritieren einige Argumente zugunsten des von der EU vorgelegten „Green Deal“: Umweltbelastende Vorstufen der Produktion müssten der ökologischen Bilanz der europäischen Industrien zugerechnet werden. 
In einem Land wie Vorarlberg, das seine Wertschöpfung überdurchschnittlich stark jenseits der Grenze erwirtschaftet, ist es jedenfalls unverantwortlich und kurzsichtig, für den Rückzug hinter den provinziellen Gartenzaun zu plädieren, wie das nun da und dort anklingt. Vorarlberg liegt inmitten eines wirtschaftlich hochentwickelten und in sich stark verflochtenen Teils Mitteleuropas. Auch der Aufbau von Beziehungen zu Unternehmen und Konsumenten in St. Gallen oder Memmingen vermittelt Erfahrungen und Ideen, die die Basis schaffen können, größere und weiter gesteckte Ziele erfolgreich anzusteuern. 
In diesem Zusammenhang kann nicht auf Fragen des sozialen Ausgleichs, der Einkommensverteilung und der Schlupflöcher der Besteuerung eingegangen werden. Dieser Mangel haftet der Außenhandelstheorie seit zweihundert Jahren (David Ricardo 1817) an.
Allem Anschein nach steht die Diskussion darüber im 21. Jahrhundert auf der Tagesordnung, in einer weltpolitischen Situation, die die Antwort auf solche Grundsatzfragen nicht gerade erleichtert. 

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