Hans-Peter Metzler

Präsident der Wirtschaftskammer Vorarlberg, Herausgeber „Thema Vorarlberg“

(Foto: ©Markus Gmeiner)

Was es brauchen wird

April 2021

Vorarlbergs Modellversuch ist nur eine Momentaufnahme in dieser unseligen Zeit, aber es ist eine schöne Momentaufnahme: Die leichten Lockerungen in der Gastronomie, in der Kultur und im Jugendsport sind einzigartig in weitem Umkreis und bis dato erfolgreich, sie werden von der Bevölkerung mit Freude angenommen, sie sind ein Stück Normalität in einer Zeit, die eben alles andere als normal ist. Auch wenn Medien bevorzugt den moralisierenden Zeigefinger auf die wenigen richten, denen alles egal ist, zeigt sich, dass sich das überwiegende Gros der Menschen in Vorarlberg an die Vorgaben hält. Allein in einer Woche hatten sich nach Angaben des Landes 134.075 Menschen testen lassen, eine Steigerung von 27 Prozent binnen Wochenfrist, landesweit gibt es mittlerweile 136 Teststationen. Das zeigt zum einen, dass die Zuständigen im Land im Unterschied zu ihren Kollegen in anderen Bundesländern mehr handeln, denn reden; es zeigt aber auch, dass es um die Eigenverantwortung der Vorarlberger gut bestellt ist. Und das ist bemerkenswert.
Denn der Staat, der in den Jahren vor der Pandemie auf Bevormundung gesetzt und den eigenverantwortlich handelnden Bürger mehr mit Skepsis denn mit Wohlwollen betrachtet hatte, ist in der Krise nun auf Eigenverantwortung der Menschen angewiesen. Es wird sich diese Pandemie nur mit Hilfe der Medizin und mit eigenverantwortlichem Handeln der Menschen bezwingen lassen. Das richtige Verhalten kann nicht verordnet, es kann nur freiwillig befolgt werden. Ein geflügeltes Wort besagt, dass Einsicht in eine Notwendigkeit bereits der halbe Erfolg sei, und vom deutschen Aphoristiker Helmut Glaßl stammt das Zitat: „Einsicht in die Notwendigkeit erreicht man nur mit Aussicht auf die Zukunft.“ 
Und das ist bestes Stichwort: Denn die Menschen brauchen eine Perspektive. Die Politik ist nach über einem Jahr der Pandemie dringender denn je gefordert, eine solche Perspektive zu benennen und sich dabei nicht nur auf Mathematiker und Modellierer, Virologen und Epidemiologen zu stützen. Es braucht die Einbindung aller gesellschaftlich relevanten Kräfte, die alleinige Reduktion auf Gesundheitspolitisches lässt psychologische Auswirkungen, soziale Verwerfungen und wirtschaftliche Konsequenzen außer Acht. 
Testen, impfen, eigenverantwortlich handeln, solidarisch agieren, aber endlich auch eine Perspektive vor Augen zu haben: Nur so wird sich diese Krise meistern lassen. Und die Politik ist gut beraten, diesem Ziel alles unterzuordnen – und Sach- vor Parteipolitik zu stellen.

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