Martin Rümmele

Der gebürtige Vorarlberger ist langjähriger Gesundheits- und Wirtschaftsjournalist und lebt und arbeitet in Wien und Kärnten. Er ist Autor mehrerer kritischer Gesundheitsbücher u.a. „Zukunft Gesundheit“ und „Medizin vom Fließband“ und wurde mehrfach für seine Arbeiten über Zusammenhänge von Wirtschaft und Medizin ausgezeichnet. Er ist zudem Herausgeber des ganzheitlichen Gesundheitsmagazins „lebensweise“.

Der Bill Gates der Pharmabranche

April 2015

Da soll noch einer Wälderwitze machen: Der gebürtige Mellauer Norbert Bischofberger ist einer der erfolgreichsten Arzneimittelforscher der Welt – und lehrt derzeit mit einem neuen, innovativen Medikament die Gesundheitspolitiker der ganzen Welt das Fürchten. Denn das Mittel kostet 1000 Dollar – pro Tablette.

Zeiten ändern sich: Würde heute ein 14-Jähriger beim Dorfdrogisten Chemikalien wie Unkrautsalz kaufen und mit anderen Zutaten am elterlichen Dachboden mischen, um dann damit den Briefkasten des Dorfs in die Luft zu sprengen, kämen in Zeiten von Terrorbedrohungen manche sogar auf die Idee, sofort die Polizei einzuschalten. Vor 50 Jahren war das noch anders.

Und so gab es auch nicht wirklich Konsequenzen für den heute 61-jährigen Mellauer Norbert Bischofberger, der am elterlichen Dachboden ein Geheimlabor eingerichtet hatte, seine ersten chemischen Experimente machte und eben eines Tages den Dorfbriefkasten sprengte. Warum das heute noch eine Erzählung wert ist, liegt an der Person. Nach der Matura studierte Bischofberger zuerst an der Universität Innsbruck Chemie, danach an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und wanderte dann 1983 in die USA aus – und machte dort eine pharmazeutische Karriere, die ihresgleichen sucht. Norbert Bischofberger gilt heute in Branchenkreisen als eine Art Bill Gates der Pharmaforschung.
Bekannt und nicht zuletzt vermögend wurde der gebürtige Mellauer Norbert Bischofberger als Erfinder des nicht unumstrittenen Grippe-Medikaments Oseltamivir – besser bekannt als Tamiflu. Das Mittel, das Bischofbergers Firma Gilead Sciences an den Pharmakonzern Roche verkauft hatte, sorgte 2006 für Schlagzeilen, als
die Welt in Panik vor einem Ausbruch einer möglicherweise verheerenden Vogelgrippe-Pandemie tonnenweise Tamiflu einkaufte. Die staatlichen Aufträge – auch in Österreich lagern noch zig Fässer in Bundesheerbunkern – bescherten Roche satte Gewinne.

Bischofberger indes forschte weiter, und sein Unternehmen kaufte selbst vor wenigen Jahren ein Unternehmen mit einem vielversprechenden Produkt gegen Hepatitis C. Im Vorjahr kam nun das Medikament mit dem Namen Sovaldi auf den Markt und sprengt seither nicht nur alle Rekorde, sondern auch die Kassen der Kassen. Spricht man mit Pharmaunternehmen, hört man derzeit nicht selten Unmut über die Entwicklung im Fall des Hepatitis-C-Medikaments Sovaldi und sogar die Bezeichnung „Sündenfall“. Allerdings nicht, weil die Krankenkassen hier zu sparen versuchen, sondern weil die Unternehmen ob der Preispolitik des Konkurrenten Gilead Sciences sauer sind. Andere vermuten dahinter einfach Neid: Denn die einzelne Tablette kostet rund 1000 Dollar. Das sei sie wert, sagen die einen – immerhin heile das Medikament Hepatitis C binnen drei Monaten und erspare damit auch teure Operationen bis hin zu Lebertransplantationen. Doch so eine Drei-Monats-Therapie kostet bis zu 150.000 Euro – und das ist für nahezu alle Krankenversicherungen der Welt kaum zu finanzieren. Allein die Wiener Gebietskrankenkasse kostete die Therapie im Vorjahr 50 Millio­nen Euro. Anders formuliert: 16.000 Euro für eine Packung zu verlangen, das hat sich bisher noch kein Pharmaunternehmen getraut. International suchen nun Gesundheitspolitiker nach Auswegen – nicht zuletzt um zu verhindern, dass andere Arzneimittelhersteller bei neuen, innovativen Produkten dem Beispiel folgen. Andere Pharmaunternehmen, die nicht so innovative Produkte auf dem Markt haben, fürchten einen generellen Sparkurs, der dann vor allem die Kleineren der Branche treffen würde.

Bischofberger selbst erzählt immer wieder, dass ihn solche Dinge gar nicht interessieren. Er habe den Antrieb, die Medizin zu verändern. „Sollte das nicht der Grund sein, zur Arbeit zu gehen – etwas zu entwickeln, was der Menschheit hilft?“, fragte der 61-Jährige bereits vor einigen Jahren bei den Alp­bacher Gesundheitsgesprächen. Er habe dabei nicht das Ziel, Milliardär zu werden. „Immer nur mehr und mehr zu wollen, macht keinen Sinn.“

Im Vorjahr wurde Bischofberger zum Auslandsösterreicher des Jahres gewählt und betonte dabei, er sei einfach ein Forscher, der einen Beitrag für die Gesundheit der Menschen leisten wolle. Star will er aber keiner sein. Tatsächlich ist er das aber längst, und mit seinem neuen Projekt – er will künftig sein Augenmerk in der Forschung auf das Thema Alzheimer legen – könnte der Ruhm sogar noch steigen.

Privat hält der Forscher, der seit über 30 Jahren in den USA lebt, nach wie vor Kontakt zu Österreich und Vorarlberg. Vor einigen Jahren kaufte Bischofberger zusammen mit seiner Frau das Hotel Sonne im Zentrum von Mellau, das früher seinen Eltern gehört hat. Mutter Margarethe hat das Haus über Jahre geführt und war als „singende Sonnenwirtin von Mellau“ eine Legende im Bregenzerwald, für die der Gast immer König war. Nach der Übernahme ließ Sohn Norbert das Stammhaus generalsanieren und den Hotelkomplex zum 4-Sterne-Superior-Hotel ausbauen.

Norbert Bischofberger ist übrigens nicht das einzige Mitglied seiner Familie, das Karriere gemacht hat: Seine Schwester Conny Bischofberger ist Starkolumnistin der „Kronen Zeitung“.

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