Martin Rümmele

Der gebürtige Vorarlberger ist langjähriger Gesundheits- und Wirtschaftsjournalist und lebt und arbeitet in Wien und Kärnten. Er ist Autor mehrerer kritischer Gesundheitsbücher u.a. „Zukunft Gesundheit“ und „Medizin vom Fließband“ und wurde mehrfach für seine Arbeiten über Zusammenhänge von Wirtschaft und Medizin ausgezeichnet. Er ist zudem Herausgeber des ganzheitlichen Gesundheitsmagazins „lebensweise“.

Echte Gesundheitsprobleme

April 2018

Chronische Schmerzen, Rückenprobleme, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, psychische Erkrankungen, Diabetes, Krebs und Raucherschäden: Diese „Volkskrankheiten“ verursachen bis zu 80 Prozent der Gesundheitsausgaben und Milliarden an volkswirtschaftlichen Zusatzkosten durch Arbeitsunfälle, Frühpensionierungen und Todesfälle. Präventionskonzepte finden sich bisher wenig in den Plänen der Regierung.

Ein hoher Zuckerkonsum fördert Übergewicht und Diabetes. Das ist bekannt, dennoch ist es für den Einzelnen nicht einfach gegenzusteuern. Ähnlich ist es mit dem Rauchen. Auch hier sind Folgeerkrankungen wie COPD, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Lungenkrebs wissenschaftlich belegt. Gesundheitsexperten empfehlen deshalb präventive Maßnahmen durch die öffentliche Hand. Das aktuell diskutierte Rauchverbot in der Gastronomie hat in allen Staaten Europas, die das umgesetzt haben, zu einem Rückgang der Erkrankungen geführt. Während Österreich hier aktuell bekanntermaßen weiter bremst, gehen Länder wie Großbritannien und Frankreich bereits einen Schritt weiter und besteuern zuckerhaltige Speisen und Getränke.

Experten schätzen, dass in Österreich bis zu 600.000 Menschen von Diabetes Typ 2 – besser bekannt unter dem Laienbegriff „Zuckerkrankheit“ – betroffen sind. Wie nun bekannt wurde, haben in Großbritannien Hersteller bereits vor Inkrafttreten der Steuer Anfang April den Zuckergehalt in ihren Getränken bis zur Hälfte gesenkt. Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) kann sich die Einführung einer Zuckersteuer auch für Österreich vorstellen. Das stehe aber nicht im Regierungsprogramm und sei auch kein Thema beim Regierungspartner ÖVP, sagt sie.

Acht von zehn Menschen, die über 65 Jahre alt sind, sind in Österreich von chronischen Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Rückenproblemen, Schmerzen und psychischen Störungen betroffen. Für die Behandlung dieser Erkrankungen werden etwa 70 bis 80 Prozent des Gesundheitsbudgets aufgewendet. Längst gibt es eine Fülle Daten und Studien, wie chronische Erkrankungen verhindert beziehungsweise auch betreut werden können. Denn neben den direkten Gesundheitsausgaben verursachen chronische Erkrankungen auch massive volkswirtschaftliche Zusatzkosten. Etwa durch Arbeitsausfälle für Krankenstände und Rehabilitation, Frühpensionierungen oder Todesfälle von jungen Menschen, die noch im Arbeitsprozess stehen. Genaue Daten für Österreich gibt es dazu kaum, doch europäische Analysen zeigen die enormen Dimensionen: Rund 50 Millionen Menschen sind in der EU mehrfach chronisch krank, und über eine halbe Million Menschen im erwerbsfähigen Alter sterben jedes Jahr an solchen Krankheiten. Die jährlichen Kosten für die Volkswirtschaften in der Europäischen Union schätzt die EU-Kommission auf jährlich 115 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Das aktuelle Budget der Republik Österreich sieht Ausgaben von rund 77 Milliarden Euro vor, jenes der Sozialversicherungen 60 Milliarden Euro.

16 Prozent der Erwachsenen sind heute innerhalb der EU fettleibig. Im Jahr 2000 waren es nur elf Prozent. 20 Prozent der Erwachsenen raucht nach wie vor. In Österreich waren zuletzt 14,7 Prozent fettleibig, dafür rauchten fast 25 Prozent. Gerade chronische Krankheiten bedeuten enorme Produktivitätsverluste für die Wirtschaft. Die Bertelsmann-Stiftung erhob zuletzt für Deutschland, dass die deutsche Volkswirtschaft bis zu 20 Milliarden Euro zusätzlich erwirtschaften könnte, wenn chronisch kranke Arbeitnehmer bei der Bewältigung und Behandlung von Depressionen, Asthma, Rückenschmerzen, Bluthochdruck und Rheuma besser unterstützt würden. Krankheitsbedingte Ausfälle ließen sich um bis zu 27 Prozent durch Programme in den Betrieben senken, die Betroffene entlasten.

Konkrete und aktuelle Zahlen gibt es in Österreich etwa im Hinblick auf die Volkskrankheit Nummer eins: Rückenschmerzen. Rund sechs Milliarden Euro betragen in die jährlichen direkten und indirekten Kosten. Interessantes Detail: Sozial schwächere Menschen empfinden häufiger und stärker Schmerzen als Menschen mit einem höheren Sozialstatus. Dabei handelt es sich aber nur um die sozioökonomischen Kosten von Rückenschmerzen. „Berechnet man die volkswirtschaftliche Belastung, die allgemein durch chronische Schmerzen wie Kopfschmerz und Migräne, neuropathische Schmerzen, Krebsschmerzen oder Schmerzen durch Unfälle entsteht, dann übertreffen sie sogar die sozioökonomischen Kosten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, rechnete kürzlich Hans Georg Kress, Vorstand der Abteilung Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie an der Universitätsklinik am Wiener AKH, anlässlich der Österreichischen Schmerzwochen vor.

Was Prävention bringen kann, zeigen auch Daten zum Rauchverhalten: Der Konsum von Tabakwaren stellt heute in Industrieländern das bedeutendste einzelne Gesundheitsrisiko für Atemwegs-, Herz-Kreislauf- sowie Krebserkrankungen dar und ist somit laut Weltgesundheitsorganisation die größte vermeidbare Todesursache moderner Gesellschaften. Maßnahmen zur Raucherentwöhnung und zum Nichtraucherschutz sind deshalb ein wichtiger Bestandteil nationaler Gesundheitspolitik. Andererseits profitiert der Staat vor allem durch die fiskalischen Einnahmen aus der Tabaksteuer. Das Institut für Höhere Studien hat Kosten und „Nutzen“ im Detail durchgerechnet. Betrachtet man allein die höheren Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben von Rauchern, so belaufen sich die medizinischen Kosten von Rauchern jährlich auf 1,2 Milliarden oder 3,3 Prozent der Gesundheitsausgaben. Berücksichtigt man zusätzlich die höhere Lebenserwartung von Nichtrauchern, nicht-medizinische Kosten wie Pflege- und Krankengelder sowie Invaliditätspensionen und schwer quantifizierbare Kostenaspekte wie Arbeits- und Verkehrsunfälle, Sachbrände, Wohnraumadaptionen sowie Produktivitätsverluste aufgrund von Warte- und Wegzeiten für medizinische Behandlungen, Rauchpausen während der Arbeitszeit sowie unbezahlte Pflegeleistungen der Angehörigen und rechnet das gegen mit Einnahmen aus der Tabaksteuer und „Einsparungen“ im Bereich der Pensionszahlungen, zeigt sich, dass Raucher unter dem Strich volkswirtschaftliche Kosten in der Höhe von rund 700 Millionen Euro pro Jahr verursachen. Zum Vergleich: Durch die Zusammenlegung der Sozialversicherungen will die Regierung pro Jahr rund 150 Millionen Euro sparen.

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