Andreas Dünser

Chefredakteur "thema vorarlberg" (andreas.duenser@themavorarlberg.at)

„Die Welt von den Ränder her betrachtet"

November 2019

Der Kommunikationswissenschaftler Walter Hömberg (75) ist Begründer einer recht ungewöhnlichen Wissenschaft: der Marginalistik. Nun liegt ein neuer Almanach vor, herausgegeben von Hömberg und voll mit unterschiedlichen Beiträgen unterschiedlicher Autoren, die eines eint: der Blick, der auf scheinbare Nebensächlichkeiten gerichtet ist.

Was ist denn Marginalistik, Herr Professor?

Die Marginalistik betrachtet die Welt von den Rändern her. Der Marginalist richtet seinen Blick auf scheinbar nebensächliche Ereignisse und Sachverhalte, die bei näherer, in die Tiefe gehender Betrachtung exemplarisch und erkenntnisleitend sind. Randgestalten und Randgruppen finden ebenso Aufmerksamkeit wie Randphänomene in Geschichte und Gegenwart.

Sie, der Begründer dieser Wissenschaft, verwenden im Vorwort zum aktuellen Almanach den schönen Satz: „Wer sich in den Mahlstrom des Zentrums begibt, verliert den Überblick.“ 

Das ist ein Zitat von Dietrich Schwarzkopf, der viele Jahre Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens war und von Beginn an Autor in unseren Sammelbänden ist. Schwarzkopf schrieb: „Wer sich in den Mahlstrom des Zentrums begibt, verliert den Überblick. Er verliert vor allem die Einsicht, dass es die Ränder sind, welche die Welt zusammenhalten.“ Und er fuhr dann fort: „Allein das Unendliche ist randlos. Alles andere hat Ränder, die aneinandergrenzen, aufeinanderstoßen, die Bausteine der Welt voneinander abgrenzen und sie zugleich miteinander verbinden. Nur vom Rande her kann man über den Rand hinaus in den Bereich schauen, den der Nachbarrand begrenzt.“

Details, die also scheinbar ohne Bedeutung sind, lassen bei genauerer Betrachtung also auf das Große und Ganze schließen? 

Als Antwort auf Ihre Frage verweise ich auf ein Beispiel aus dem ersten Jahrbuch, das wir vor knapp zwei Jahrzehnten veröffentlicht haben: Unser Autor, ein bekannter Mediziner, Direktor der Augenklinik an der TU München, stößt in seiner täglichen Praxis auf ganz unterschiedliche Formen der Fehlsichtigkeit. Er begnügt sich nicht mit allfälligen Augenoperationen und dem Verschreiben von Sehhilfen, sondern fragt nach den individuellen und kollektiven Bedingungen und Beziehungen der Refraktionsanomalien. Dabei stößt er nach Auswertung der internationalen Forschungsliteratur und der Exportstatistiken von Brillengläsern nicht nur auf bestimmte Persönlichkeitsmerkmale der Patienten, sondern auch auf statistisch nachweisbare nationale und globale Zusammenhänge. Das Resümee: Es gibt sowohl kurzsichtige als auch weitsichtige Völker. Der Beitrag mündet in der Forderung, dass den Refraktionsanomalien in der Geschichtsschreibung mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte.

Nehmen wir ein weiteres Beispiel?

Gerne! Im Herbst 1958 sieht der steirische Landwirt Franz Gsellmann in seiner Heimatzeitung eine Abbildung vom Atomium, dem Wahrzeichen der damals in Brüssel veranstalteten Expo. Er schultert seinen Rucksack und fährt mit einem der nächsten Züge dorthin, um das futuristische Bauwerk vor Ort in Augenschein zu nehmen. Nach der Rückkehr beginnt er auf seinem kleinen Bauernhof in der Oststeiermark mit dem Bau einer Maschine, deren Zentrum ein in Brüssel erstandenes Modell des Atomiums ist. Mehr als 22 Jahre arbeitet er wie besessen an seiner Maschine - „Gsellmanns Weltmaschin´“, wie sie inzwischen heißt. Während das Atomium in der europäischen Hauptstadt längst seine Attraktivität eingebüßt hat, fasziniert das Werk des kauzigen Mannes am Rande der Steiermark noch immer Besucher aus aller Welt. So viel zum manchmal paradoxen Verhältnis zwischen dem Marginalen und dem Zentralen.

Was treibt Marginalisten an? Die Gier nach Erkenntnis? 

In der Tat. Hier sehen wir uns in der Tradition der Aufklärung, die ja auch die Publikationsform des „Almanachs“ hervorgebracht hat. Der wichtigste Antrieb ist allerdings wohl die Neugier, die im Lateinischen „curiositas“ genannt wurde. Kein Wunder, dass gerade Kuriositäten den Marginalisten bis heute besonders reizen.

Diese besondere Wissenschaft richtet sich ja ausdrücklich „an die Freunde fröhlicher Wissenschaft“ … 

Der Leser sollte „open minded“ sein und Sinn für Humor haben. Freude an Überraschungen, Lust auf Irritationen und Gespür für die Übergänge von Fakt und Fiktion werden vorausgesetzt. Von der Herkunft des Wortes her bedeutet „Witz“ so viel wie „heller, lebendiger Verstand“, französisch: Esprit. Der Titel einer Komödie von Christian Dietrich Grabbe, die 1886 am Wiener Akademietheater uraufgeführt wurde, trifft unsere Intention recht gut: „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“. Ein Beispiel? Der österreichische Publizistikprofessor Roland Burkart hat in einem unserer früheren Bände die Kommunikationstheorie des Philosophen Jürgen Habermas ins Wienerische übertragen.

Habermas auf Wienerisch? Wie klingt das?

Ich zitiere auszugsweise: „‚Waun a Politika im Fernsehn sein Mund aufmocht, daun red a die meiste Zeit an Topfn. Net olle, oba de meisten. Bei denan stimmt afoch vü z vü net vo dem, wos de sogn. “ 
Burkart wollte mit Alltagswienerisch die sehr anspruchsvoll formulierten Gedanken des Philosophen leichter zugänglich machen. Es ist die Komponente des Augenzwinkerns also recht oft dabei, manchmal ist auch der Übergang von Fakt zu Fiktion recht fließend. Marginalistik wendet sich eben an die Freunde fröhlicher Wissenschaft. Dies geht im Grund auf die Formel „Nutzen und Vergnügen“ von Horaz zurück. Der griechische Dichter hatte das einst auf die Poetik bezogen, aber man kann das auch auf die Publizistik anwenden: Information und Unterhaltung.

Wie kamen Sie eigentlich auf den Gedanken, sich mit derlei Marginalien zu beschäftigen?

Mich hat der Begriff gereizt. Im Mittelalter wurden an den Rand der biblischen Texte oder anderer Buchseiten diese Marginalien geschrieben, als Randnotizen. Im Laufe der Zeit wandelte sich dann der Begriff, er wurde vor allem für Nebensächlichkeiten verwendet, abwertend gemeint. Doch fand ich es sinnvoll, sich mit Randgestalten und Randphänomenen zu befassen; ich wollte den Begriff aufwerten, indem er in den Mittelpunkt gestellt wird. Die ersten Bände habe ich dann mit meinem ehemaligen Studienkollegen Eckart Roloff herausgegeben.
Auch große Schriftsteller würden die Welt vom Rande her betrachten, sagen Sie. 
In der Literaturgeschichte lassen sich viele Beispiele finden: Georg Christoph Lichtenberg, Jean Paul und Arno Schmidt gehören dazu. In der Gegenwart sind vor allem Botho Strauß und der aktuelle Nobelpreisträger Peter Handke zu nennen. Die Schwedische Akademie hat ihn für sein „einflussreiches Werk“ geehrt, „das mit sprachlichem Einfallsreichtum die Ränder und Besonderheiten der menschlichen Erfahrung erkundet hat.“ Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino, im vergangenen Dezember verstorben, hat es ebenso knapp wie treffend formuliert: „Im Schreiben ist immer ein Abstand eingebaut. Man ist einer, der auf etwas schaut. Wer im Zentrum steht, kann das Zentrum ja nicht mehr sehen.“ 

Wir haben auch ein Zitat gefunden, das wohl sehr gut zu Ihrer Forschung passt. Arthur Conan Doyle sagte einmal: „Es war immer mein Grundsatz, dass die kleinen Dinge im Leben die wichtigsten sind.“ 

Das ist kein schlechtes Motto. Allerdings: Das Zentrale und das Marginale – sie gehören untrennbar zusammen. Was wäre die Weihnachtsgeschichte nur mit Jesus und Maria – ohne Stiefvater Josef, den großen Schweiger? Kein Roman, kein Theaterstück ohne Haupt- und Nebenfiguren. Und keine Präsidentenlimousine ohne Begleitfahrzeuge …

Sie rufen in Ihrer Einleitung auch aus: „Von Randständigen kommen frische Impulse, neues Wissen entsteht an den Rändern!“

Neue Erkenntnisse entstehen in der Tat häufig an den Rändern der alten Wissenschaftsdisziplinen: Biochemie, Psycholinguistik, Neurobiologie – schon die Begriffskopulationen deuten darauf hin. Und nicht zuletzt Außenseiter und Exzentriker haben Wissenschaft und Kunst vorangebracht und bedeutende Impulse für den Fortschritt der Menschheit gegeben.

Ist das auch ein Gegenentwurf zum vorherrschenden Mainstream der heutigen Zeit? Dass der Marginalist ganz bewusst abweicht von dem, was alle sehen? Was alle sehen wollen?

Ja. Der abweichende Blick ist das Besondere. Und wer sich darauf einlässt, betrachtet scheinbare Nebensächlichkeiten künftig mit anderen Augen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person

WALTER HÖMBERG war Lehrstuhlinhaber für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an den Universitäten Bamberg und Eichstätt. Seit zwanzig Jahren lehrt er als Gastprofessor an der Universität Wien. Er hat zahlreiche Studien zur Geschichte und Gegenwart des Journalismus veröffentlicht und mehrere Buchreihen herausgegeben.

Buchtipp

„Marginalistik. Almanach für Freunde fröhlicher Wissenschaft“
Walter Hömberg (Hrsg.), Allitera Verlag, 2019

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