Herbert Motter

Die wundersame Rückkehr zum Analogen

November 2018

Manch einer nimmt Reißaus von der digitalen Welt, die von ständiger Abwechslung und Unterbrechung geprägt ist.
Das Analoge ist das Besondere geworden. Vinyl, Papier, analoge Fotografie und Brettspiele, Trend zu handgeschriebenen Briefen und Postkarten sind neue „alte“ Methoden zur Entdeckung der Langsamkeit.

Wir erleben gerade das Upgrade auf die nächste Evolutionsstufe der Menschheit. Was einst die Industrialisierung war, ist heute die Digitalisierung. Sie durchdringt so gut wie alle Bereiche unseres Lebens und verändert es damit weit stärker als frühere wirtschaftliche Umbrüche. In keiner Phase ihrer Geschichte haben Menschen Tag für Tag so viel Kontakt zu anderen gehabt, und niemals zuvor konnten sie in so kurzer Zeit so viele Daten und Fakten über den Zustand der Welt mitbekommen. Die rasend schnell und sofort mögliche Interaktion ist zu einer Regel unseres Alltags geworden. Was auf den ersten Blick wie ein progressives Leben aussieht, entpuppt sich für manchen als Strapaze, die permanent überfordert. Insbesondere die virtuelle Welt wurde durch Smartphones ganz neu definiert. „Digitales Leben“ verändert und prägt immer mehr und subtil nicht nur die reale Welt. Das reale Leben passt sich dem digitalen an und nicht mehr umgekehrt. Ursprünglich waren Internet und Facebook so gestaltet, dass es „Leben“ und „Treffen“ möglichst realitätsnah abbildet. Heute wird das reale Leben immer öfter und akzentuierter auf „Gefällt mir“ oder „Gefällt mir nicht“ reduziert. 

Digitale Entgiftung

Permanente Verfügbarkeit erhöht den Druck, tätig zu sein, umgehend zu reagieren. Doch die Zahl derer, die sich gegen das Tempodiktat der Technik, gegen die Geschwindigkeit wenden, die uns die Smartphones geradezu aufzwingen, nimmt zu. 2018 entwickelt sich zum Jahr des „Techlash“. Die Wortschöpfung aus Technologie und „Backlash“ (Gegenreaktion), umfasst drei Phänomene: die Kritik an der Marktmacht von Internet-Konzernen wie Google, Amazon und Facebook. Das Unbehagen über die sozialen Folgen von Smartphone-Dauernutzung und den ruppigen Ton im Netz. Und die Furcht vor Zukunftstechnologien wie künstlicher Intelligenz und Robotik. Datenmissbrauch, Marktmacht, Fake News: Nach 20 Jahren grenzenloser Euphorie erleben wir eine Phase einer digitalen Ernüchterung, besonders im privaten Bereich. 
Viele Menschen versuchen daher, ihre tägliche Informationsflut einzudämmen. Es geht um bewussten Medienkonsum, um die Chance, seinem Gehirn Pausen zu gönnen und das analoge Sein wieder zu entdecken. Es ist die Kunst, sich voll und ganz an Dingen zu erfreuen, die ganz und gar analog sind. Im Fachjargon wird es Digital Detox, digitale Entgiftung, genannt. John Gray, ein britischer Philosoph, schreibt in seinem Buch „Von Menschen und anderen Tieren. Abschied vom Humanismus“: „Kaum ein Klischee ist abgegriffener als die Klage, der ethische Fortschritt hinke dem wissenschaftlichen hoffnungslos hinterher. Wären wir nur klüger oder moralisch gefestigter, dann würden wir die Technologie ausschließlich konstruktiv nutzen“. Das ist längst zur zentralen Herausforderung in allen Lebensbereichen geworden. Trotz des Megatrends der Digitalisierung macht sich die Sehnsucht nach dem Sinnlichen, dem Konkreten, dem Persönlichen bemerkbar. Der Trendforscher Matthias Horx sieht bei vielen Menschen eine „Offline-Sehnsucht“. „Wir sind und bleiben analoge Wesen“, da ist sich Horx sicher.

Gemeinschaft als Anker

Florian Kondert, Zukunftsforscher und eben erst Gastvortragender in Bregenz, glaubt nicht, dass die Digitalisierung etwas Böses ist oder etwas Böses will. Vielmehr ortet er eine Identitätskrise. „Alles, was laut, schrill und leicht verwertbar ist, ist uns näher als das, was klein, leise und komplex zu greifen ist.“ Digitalisierung bedeutet ein Mehr an potenziellen Schnittstellen. Somit steigt die Komplexität. „Soziologisch betrachtet braucht es eine sogenannte Wirkzeit. Wir werden etwa 100 Jahre brauchen, um mit diesen Neuerungen Frieden zu schließen, sodass sich das nicht mehr komisch anfühlt, sodass wir das nicht mehr lange thematisieren müssen und wir wissen, was wir mit dieser Neuerung anstellen sollen“, erklärt Kondert. Aber dort, wo die digitale Technik menschliche Schwächen verstärkt, da entstehen eben ganz neue Probleme. Für Anbieter wie Nutzer. Der Kommunikationsmanager Christof Ehrhart schreibt in seinem Blog-Beitrag „Renaissance oder Techlash? – Die digitale Revolution frisst ihre Kinder“: „Sollte sich ein Mediennutzungsmodell durchsetzen, das dem einzelnen Bürger nur noch die Informationen zuleitet, die seinen algorithmisch ermittelten Erwartungen oder seiner ganz archaischen Sensationslust entsprechen, dann ist die plurale Gesellschaftsordnung in Gefahr und mit ihr die demokratische Meinungsbildung genauso wie wertschöpfendes Unternehmertum.“
In Zeiten dieser Komplexität kann für Zukunftsforscher Kondert die Gemeinschaft ein Anker sein. „Wir müssen wieder lernen, Entscheidungs- und Beteiligungsprozesse auf diffizile und komplexe Art und Weise anzudenken und uns fragen: Haben wir überhaupt eine Dialog- und Diskurskultur, die das ermöglicht, oder wollen wir noch weitere zehn Jahre über das Thema Digitalisierung reden?“
Die Sehnsucht nach dem Haptischen ist kein flüchtiger Retrotrend und wird doch eine Nische bleiben. Konrad Paul Liessmann erklärt das am Beispiel des Buchmarkts: „Die digitale Technik bedroht das Taschenbuch, das billige Massenprodukt, während das aufwendig gestaltete, teure Hardcover eine Renaissance erlebt. Das ist ein Statussymbol, ein Geschenk, das sich nicht jeder leisten kann oder will.“ Analoger Besitz, also eine elitäre Angelegenheit? Ja, sagt der Philosoph – und findet das gar nicht schlimm. „Es ist wichtig, dass Menschen, die aufgrund einer sozialen privilegierten Stellung die Möglichkeit dazu haben, sich mit Dingen umgeben, die eine menschliche Wertigkeit besitzen.“ Er glaubt sogar: Aus dieser Nische werden die entscheidenden kulturellen Impulse kommen, nicht aus der uniformen digitalen Welt. 
Analog kann also längst als Aufruf verstanden werden, analoge Gemeinschaftsgüter wie Theater, Bibliotheken, Museen wertzuschätzen und zu schützen. Analog ist nicht passiver Ausstieg, sondern aktives Weiter- und Andersmachen. Denn die Welt ist mehr als digital.

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