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„In diesen Erzählungen schrumpft die Welt“

Ute Schaeffer (49) begab sich unter Pseudonym zwei Jahre lang in die Internet-Welt Radikaler, Rechter und diverser Populisten. Ihre Erfahrungen schildert die Journalistin in ihrem aktuellen Buch „Fake statt Fakt“ und eines ihrer Erkenntnisse lautet, dass sich eine immer größer werdende Gegenöffentlichkeit in eigenen Echokammern bildet. Auszublenden, was dort diskutiert wird, sei aber ein großer Fehler: „Uns entgeht dann ein Teil der Meinungsbildung und wir würden wichtige Themen den Rändern überlassen.“

Sie folgten im Internet zwei Jahre lang Rechten, Autoritären und Populisten. Und sagen heute: „Es war mir zuvor undenkbar, dass eine solche Masse menschenfeindlicher Erzählungen kursiert.“

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist kein digitales Phänomen, sie ist Teil politischer Kommunikation. Denn jede populistische Erzählung braucht Begriffe wie Opfer und Täter, Helden und Feiglinge, braucht aber auch eine Gruppe, von der man sich unterscheidet. Und diese Gruppen sind Muslime, Zuwanderer, Homosexuelle, Grünen-Wähler oder andere. Ganze Gruppen werden stigmatisiert, gegen ganze Gruppen wird gehetzt. Es werden ihnen Eigenschaften angedichtet, wie wir es auch aus einer Stigmatisierung in einem gar nicht digitalen Zeitalter kannten. Das gab es immer schon. Doch durch das Netz verbreitet sich diese gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in einem Tempo, das mir mitunter den Atem genommen hat. Und sie wird von einer wachsenden Zahl von Akteuren auch sehr gezielt in Kampagnen im Netz eingesetzt, die auf das Grundverständnis unserer Gesellschaft und der Demokratie zielen.

Was zeigte Ihnen dieser Selbstversuch?

Die zersetzende Wirkung, die diese Menschenfeindlichkeit verursacht! Es bleibt nicht ohne Folgen, wenn man den ganzen Tag einschlägige Bilder sieht, einschlägige Meldungen liest: Ich habe gemerkt, das sich der Blick auf bestimmte Gruppen tatsächlich zu verschieben beginnt. Wer nur auf diesen Seiten und in diesen Foren unterwegs ist, sich also ausschließlich dem Nachrichtenrauschen der Rechten, Autoritären und Populisten aussetzt, der gewinnt fast zwangsläufig den Eindruck, dass der Staat die Sicherheit tatsächlich nicht mehr garantieren kann! Er gewinnt den Eindruck, dass Fremde tatsächlich allerorts Gewalt ausüben. Wer sich in diesen Netzwerken informiert, beginnt unwillkürlich, bestimmte Gruppen auf einmal durch eine andere Brille wahrzunehmen. Und das verändert auch die Begegnung mit anderen.

Woher die Wut? Warum die Aggression? Haben Sie eine Erklärung gefunden?

Am Ausgangspunkt der Wut steht aus meiner Sicht die eigene Angst. Die Angst vor dem sozialen Abstieg, die Angst vor dem Fremden und das Gefühl, dass einen die etablierten Parteien nicht mehr repräsentieren. Diese Menschen sagen sich: Es wird Politik über meinen Kopf hinweg gemacht und Medien stellen meine Fragen nicht. All das ist Auslöser für andere Emotionen. Diese Sorgen und Ängste werden von den Akteuren, um die es in meinem Buch geht, ganz gezielt genutzt und durch entsprechende Botschaften gesteuert. Den Menschen wird eine einfache Zielscheibe vorgesetzt. Solche Geschichten der Angst, der Empörung oder der Wut verteilen sich im Netz messbar besser als Fakten. Sie werden öfter geteilt als Fakten. Durch die Kommunikation unter Geleichgesinnten in den sozialen Medien gibt ein Wort das andere, auf Hetze folgt Hetze. Das ist eine Eskalationsschleife. Ohne dass es ein Korrektiv gibt – oder eine andere Information. Denn in einer solchen Kommunikation der Gleichgesinnten – die betreffenden Facebook-Gruppen sind sehr geschlossen – widerspricht ja keiner. Eine Eskalation der Wut, der Empörung und des Hasses entsteht – und wird durch niemanden gebremst!

Sie verwenden da den Satz: „In deren Erzählungen schrumpft die Welt.“

Nicht nur Rechtspopulisten, auch andere Akteure, die Desinformation verbreiten, geben den Menschen eine gewisse Zahl an Erzählungen an die Hand, mit denen sich die Komplexität der Welt reduzieren lässt. Ein solches Narrativ ist: Unser Land steht am Abgrund! Oder: Wir sind Bürger zweiter Klasse! Oder: Die Systemmedien und die Systemparteien belügen uns! Wenn der Mensch nun durch einen solchen Filter auf das schaut, was ihm im Alltag passiert, kann selbst Kompliziertes ganz schnell einfach gedeutet werden. Aus einer komplexen Wirklichkeit wird eine ganz einfache Umwelt – in der sich andere gegen mich verschworen haben, in der ich ohnehin verliere, in der ich mich mit Gleichgesinnten im Widerstand verbünden muss, um mich gegen das System zu wehren. Die komplexe Realität wird einfach. Ein Beispiel für solche Weltvereinfachungsformeln: Ich bekomme nicht, was mir zusteht. Weil die ganzen Steuergelder für Sozialleistungen der Flüchtlinge ausgegeben werden.

Sie sagen: „Die Themen der einen sind nicht die Themen der anderen. Wer sich in der einen Informationsblase bewegt, der kennt die Themen und Diskurse der anderen nicht.“

Das ist ein zentraler Punkt, das gilt in beide Richtungen. Ich bin Journalistin, ich wollte sehen und verstehen, was in dieser anderen Echokammer diskutiert wird. Und ich habe dabei ja auch einiges gelernt! Ich habe beispielsweise nachvollzogen, welche Fragen sich die Menschen in dieser anderen Echokammer stellen, was ihre Ängste und ihre Sorgen sind. Journalisten, Redaktionen, Medien sind in der Regel nicht Teil dieser Echokammern – die Diskussionen, die dort geführt werden, finden in den Redaktionen eher nicht statt. Die Fragen oder auch Desinformationen, die dort kursieren, finden keinen Einlass in die Themensuche oder in Recherchen. Das aber ist durchaus Teil unseres Jobs – denn Medien sollen schließlich ein Produkt fertigen, das die Fragen möglichst vieler Menschen abbildet. Nur dann werden sie im digitalen Wettbewerb standhalten.

Es sind ja nicht nur die Rechten, die das Netz für ihre Zwecke nutzen. Sie bieten in Ihrem Buch auch die Erklärung an, warum beispielsweise der im Westen so umstrittene Erdogan bei Auslandstürken in Österreich und in Deutschland enorme Zustimmung genießt.

Ja, es ist wichtig zu betonen, dass die schnelle Verbreitung antidemokratischer Ideen, von Hetze gegen Menschen im Netz, keineswegs ein ausschließlich digitales Phänomen ist. Der Nährboden für all das ist sehr analog – in unserer Gesellschaft, im politischen Raum, in unserem sozialen Miteinander. Da existiert, was sich im Netz mit einer immensen Dynamik – getrieben von bestimmten Akteuren – neu verteilt.

Das gilt auch für die Informationspolitik der Türkei – die digitale Kommunikation ist nur ein Teil der Geschichte. Es gibt politische Verbände und Moscheegemeinden, die Erdogan besonders treu sind, es gibt auch immer auch ein analoges Pendant. Und: Die Türkei – und auch Russland – haben ihre digitalen Kommunikationsstrategien für das Ausland massiv ausgebaut und gleichzeitig im Inland eigentlich alle unabhängigen Medien geschlossen, zensiert oder eng an den Staat angebunden. Auch in der Auslandskommunikation wird über digitale Kanäle so gut wie ausschließlich staatstreue Propaganda verbreitet wird. Und eine große Zahl der Deutschtürken nutzt türkischsprachige Medien – viele sogar ausschließlich. Auch hier besteht das Problem, dass sich bestimmte Gruppen nahezu ausschließlich über bestimmte Medien und in bestimmten Internet-Foren informieren.

Umso wichtiger wäre es, auch Medien zu lesen, die nicht unbedingt dem eigenen Weltbild entsprechen – um entdecken zu können, dass es auch zwei Seiten einer Wahrheit geben kann!

Ja. Das wäre sehr wichtig. Dafür muss ich als Nutzerin wissen, wie ich Desinformationen erkenne, wo ich Fakten überprüfen kann, wie zuverlässig bestimmte Quellen oder Medien sind. Wichtig wäre es zu wissen, wie man sich seinen eigenen Informationsraum so organisiert, dass man auch noch alternative Informationen bekommt. Das ist Medienkompetenz! Und für mich ist das angesichts der wachsenden Bedeutung von digitaler Information ein Schlüsselthema für unsere Gesellschaften. Leider spielt es eine noch viel zu geringe Rolle. Man müsste dieses Thema im schulischen Bereich aber auch in der Erwachsenenbildung wesentlich stärker forcieren.

Sie geben aber auch etablierten Meinungsmachern eine Mitschuld, wenn sie feststellen, dass Parteien und Medien vielfach auch einen Bogen um strittige Themen machen …

Es ist meine Beobachtung, dass jedes Thema, das zu schnell oder ohne Diskussionen politisch und medial abgefertigt wird, in den Quellen, in denen ich im Zuge der Recherche unterwegs war, sehr große Resonanz ausgelöst hat. In dem Moment, in dem man sich schüchtern, oder um Schlagzeilen zu vermeiden, um bestimmte strittige Themen herumdrückt, sind sie schon im Netz. Das Thema der Obergrenze war so eines. Die „Ehe für alle“-Entscheidung oder das Netz-Durchsetzungsgesetz sind weitere Beispiele. Beide sind hochkomplex. Im einen Fall geht es um Datensicherheit und den Schutz der Persönlichkeit, im anderen Fall um ein Wertethema, das in der Gesellschaft ganz unterschiedliche Reaktionen und auch Punktionen auslöst. Beiden Themen hat man für eine breite gesellschaftliche Diskussion nicht den Raum gegeben. Also wurden sie sehr schnell von Radikalen und auch von populistischen Netzen erobert. Und das ist bedauerlich. Die politischen Debatten halten oft nicht Schritt mit dem, was uns politisch herausfordert. Wir hätten eine breite demokratische Debatte gebraucht! Und da sind wir wieder bei dem Thema, was Journalismus zu leisten hätte und politische Kommunikation.

Soll heißen?

Journalistisch zu arbeiten, heißt, zu sehen, was in der Gesellschaft diskutiert wird. Und wenn nun etwas in sozialen Netzwerken dermaßen für Aufregung sorgt, dann kann das eben auch ein Kriterium sein, dieses Thema nachrichtlich abzudecken. Und mit Fakten zu versehen. Ich glaube, dass wir da einiges besser machen können – journalistisch und politisch. Dann ließe sich der digitale Informationsraum auch ins Positive verändern, ihn etwa für mehr direkte Bürgerbeteiligung zu nutzen.

Es gibt aber auch Medien, die sich in ihrem Pädagogik-Journalismus gefallen, die sich mehr an Volkserziehung und weniger an sachlicher Information orientieren …

Auf Dauer wird ein journalistisches Produkt nur bestehen, wenn es einen Unterschied hinsichtlich der Qualität, der Ausgewogenheit, auch der Klarheit über Quellen macht. All das muss zuverlässig sein, sonst werden diese Medienangebote weiter Nutzer verlieren. Wenn wir für Demokratie streiten wollen, auch für Meinungsvielfalt, wenn wir uns dafür einsetzen, dass nicht mit Hass ganze Gruppen von Menschen stigmatisiert werden, dann müssen wir das auch konsequent in unserer journalistischen und politischen Kommunikation berücksichtigen. Und dann müssen wir die Fragen, die Menschen im Netz bewegen, auch beantworten. Ich halte das tatsächlich für geboten!

Um was zu erreichen?

Es gilt nicht nur für die Neue Rechte, sondern auch für die anderen Akteure, die über Propaganda die Meinung in unserer Gesellschaft beeinflussen: Sie alle arbeiten daran, die Grenzen des Sagbaren zu verschieben. Und verschiebt sich die Grenze des Sagbaren, verschiebt sich auch die Grenze des politisch Diskutierbaren und damit letztlich auch die Grenze des Machbaren. Die Begriffe und Erzählungen haben längst auch die Medien- und Politiksprache erobert. Und digital verbreitete Propaganda und Desinformation haben dramatische und sichtbare Folgen: wer Asylheime anzündet, wer Abgeordnete oder Nachbarn mit dem Tod bedroht, oder verheerende Attentate in Europa plante – diese Akteure radikalisierten sich auch über das Netz. Und in den Echokammern organisiert sich die Gegenöffentlichkeit, in beachtlicher Dimension mittlerweile – und immer schneller.

In diesen Echokammern feinden unterschiedlichste nichtdemokratische Akteure das demokratische System mit seinen Akteuren und Institutionen an. Sie erzeugen durch Desinformation und Propaganda, Hetze und Kampfbegriffe Resonanz für ihre Ideen. Sie übermalen die Realität durch Verschwörungstheorien, Vereinfachungsformeln, Falschinformationen. Die Dekonstruktion des Faktischen ist ihre politische Strategie – und Kernelement ihrer Desinformation und Propaganda.

Sie warnen davor, dass sich „größer werdende gesellschaftliche Gruppen von den Diskursen und den Realitäten in unserem Land abkoppeln“.

Fake verbreitet sich im Netz messbar schneller als Fakt. Jede fünfte Twitter-Meldung vor der Bundestagswahl war eine offensichtliche Falsch-Information. Und das ist noch wenig im Vergleich mit den USA. Dort war es jede zweite Twitter-Meldung! Wir stehen am Anfang einer Entwicklung, die in Deutschland und Österreich durch unsere plurale Medienlandschaft, durch eine immense Vielfalt von Angeboten, noch stark abgefedert wird. Aber die große Gefahr ist, dass sich Menschen immer mehr in ihrem eigenen digitalen Informationsraum einschließen. Und sind wir alle gefordert, notwendige Begegnungen zu schaffen, um Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen wieder in Diskussion bringen zu können. Und es gibt noch eine entscheidende Frage …

Welche denn?

Die Frage, wie wir uns wieder auf gemeinsame Begriffe verständigen können. Denn der Angriff auf die Demokratie beginnt mit einem Angriff auf die Sprache. Mainstream-Medien. Lügenpresse. Das Migranten-Desaster. Die Altparteien. Das alles sind Begriffe geworden, die wir im Alltag nutzen, die aber von gewissen Gruppen ganz bewusst in Umlauf gebracht worden sind. Man sollte sich also sehr genau überlegen, welches Wort welche Deutung hat, man sollte sich nicht gemein machen mit jenen, die diese Bezeichnungen gezielt schufen.

Muss man sich Sorgen um die Demokratie machen?

Demokratie ist kein Netzphänomen, Demokratie lebt von einer starken Zivilgesellschaft, lebt von der Gewaltenteilung, lebt von den starken Institutionen. Was im Netz zu beobachten ist, in dieser Gegenöffentlichkeit, ist, dass das sehr genau die Punkte sind, an denen man Zweifel säen will. Da müssen wir wachsam sein. Wir müssen diesen Desinformationen aufmerksam begegnen und Fakten entgegensetzen. Und da wäre es ein Fehler, das hasserfüllte Rauschen im Netz auszublenden. Wenn wir diese Räume nicht betreten, wissen wir nicht, was ein Teil der Menschen in unserem Land denkt, fühlt oder welche Ängste und Befürchtungen bestehen. Dann entgeht uns ein Teil der politischen Meinungsbildung. Und wir würden die Realität wohl endgültig denen überlassen, welche sie nur übermalen, interpretieren und instrumentalisieren.

Vielen Dank für das Gespräch!

02.06.2018

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