Thomas Feurstein

Studium der Germanistik und Geografie, Bibliothekar an der Vorarlberger Landesbibliothek, Schwerpunkte: Landeskunde, Schule und Bibliothek

(Foto: © Gerhard Kresser/Vorarlberger Landesbibliothek)

 

Gefangen in der Finsternis

Januar 2020

Die Tragödie im Gemeindekotter von Höchst erschütterte im April 1979 nicht nur Vorarlberg.

In einer Sammlung moderner Sagen „Die Spinne in der Yuccapalme“ wird ein Gerücht wiedergegeben, das von einem jungen Mann im Bodenseeraum berichtet, der wegen eines Verkehrsdelikts inhaftiert wurde und dann viele Tage in einer Zelle vergessen wurde. Man habe ihn schließlich völlig erschöpft, aber lebend gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Es wird dort sogar eine Parallele zu einer Volksballade aus dem 19. Jahrhundert gezogen, bei der ein Bauer wegen Steuerrückständen in einen Turm gesperrt und erst nach einem Jahr tot entdeckt wurde. Dem Autor des Buches ist offensichtlich entgangen, dass es sich bei dem Vorfall mit dem jungen Mann nicht um eine gut erzählte, fiktive Geschichte handelt, sondern dass sich der Vorfall tatsächlich im Gemeindearrest von Höchst zugetragen hat. Der Vorfall ist sogar im Guinessbuch der Rekorde verzeichnet, da nach den dortigen Angaben kein Mensch länger ohne Essen und Trinken überlebt hat, als eben Andreas M. im Höchster Kotter. Die Vor­arlberger Zeitungen kommentierten damals empört: „Und nun der Skandal von Höchst, der einem als Beifahrer (!) nach einem Verkehrsunfall mit Sachschaden ins ‚Loch‘ geworfenen jungen Menschen beinahe das Leben gekostet hätte. Missstände werden hier offenkundig, die man vielleicht im ‚fernen Osten‘ für möglich hielt, aber doch nicht im ‚Musterbundesland‘ Vorarlberg.“ Die Tragödie erschütterte im April 1979 nicht nur Vorarlberg, sondern sie fand auch großes Echo in den internationalen Medien. 
Dabei hatte alles so harmlos begonnen: Die Höchster Gendarmen baten am 1. April 1979 die Harder Kollegen um Unterstützung bei einem kleineren Zwischenfall, da sie gerade mit der Aufnahme eines schweren Unfalls mit acht beteiligten Personen beschäftigt waren. Um den zweiten Unfall in Fußach kümmerte sich dann also die Patrouille aus Hard, die nahe der Unfallstelle zwei verdächtige Männer aufgriff, die mit ihrem Wagen im Graben einer Baustelle gelandet waren und sich danach aus dem Staub machen wollten. Die Harder Beamten brachten die Burschen nach Höchst, wo beim Fahrer ein Alkoholtest durchgeführt wurde, der positiv verlief. Die beiden Männer wurden getrennt, der alkoholisierte Lenker einvernommen, der Beifahrer „vorübergehend“ im Kotter, der sich im Keller des Gemeindeamts befand, weggesperrt. Der „Häftling“ wurde dann schlichtweg vergessen und musste insgesamt 18 Tage ohne Essen und Trinken ausharren. Auch die Vermisstenmeldung und die beharrlichen Nachfragen der Mutter blieben ergebnislos. Unglücklicherweise musste während dieser Zeit niemand in den Keller, weder in den Arrest noch in das angrenzende Depot für gestohlene Fahrräder.
Beim Höchster Kotter handelte es ich um ein 15 Quadratmeter großes mannshohes Gewölbe, ein ehemaliger Mostkeller, der mit zwei Pritschen und einem Plastikkübel ausgestattet war. Das ursprüngliche Fenster war zugemauert worden, die Belüftung und gleichzeitig die Heizung hatten die Beamten vergessen einzuschalten, als sie den Häftling in der totalen Finsternis zurückließen. Die kühlen Temperaturen retteten Andreas M. wahrscheinlich das Leben, da dadurch der Flüssigkeitsverlust verringert wurde. Das Martyrium, das der Inhaftierte zu durchleben hatte, wurde damals in den Vorarlberger Nachrichten von seiner Mutter genau beschrieben: „Sechs Tage lang hat er noch ein Zeitbewusstsein gehabt, auch an Ostern glaubt er sich noch erinnern zu können, weil die Kirchenglocken so lange geläutet haben. Aber schließlich war er so schwach, dass er Tag und Nacht nicht mehr unterscheiden konnte. Weil er nichts zu essen bekam, hat er den Lederbesatz seiner Jeans abgebissen und gekaut.“ Dass der Häftling gerade noch rechtzeitig gefunden wurde, ist „makabren Umständen zu danken.“ Denn als er aus dem Kübel Urin trinken wollte, glitt ihm der Eimer vor Schwäche aus der Hand und sein Inhalt ergoss sich bis unter die Kellertüre. Als der Höchster Gemeindepolizist zufällig im Keller zu tun hatte, nahm der den Geruch wahr und befreite den jungen Mann, der inzwischen 24 Kilo abgenommen hatte. Er war sehr geschwächt und wurde ins Krankenhaus nach Bregenz eingeliefert. Nach ein paar Tagen wurde vermeldet, dass sich der Gesundheitszustand von Andreas M. rasch gebessert hätte. Das „Kuratorium sicheres Österreich“ sagte spontan 50.000 Schilling Unterstützung zu, und auch die Vorarlberger Nachrichten richteten für den „vergessenen Häftling“ ein Hilfskonto ein, noch bevor ihm später von einem Gericht Schadenersatz zugesprochen wurde.
Als Konsequenz aus dem Skandal erließ der damalige Innenminister Erwin Lanz die Weisung, nach der in ganz Österreich Gemeindearresträume nur mehr verwendet werden dürfen, wenn es eine Klingeleinrichtung gibt, mit der sich Häftlinge bemerkbar machen können.
Die Berichterstattung im Jahre 1979 über den Skandal unterscheidet sich sehr von dem, was wir heute in ähnlichen Fällen gewohnt sind. Datenschutz war damals kein Thema, so wurden etwa alle Beteiligten mit vollen Namen genannt und sogar Fotos des geschwächten jungen Mannes im Krankenbett wurden in den Zeitungen veröffentlicht. Fotograf war damals Harald Pilecky, ein freier Pressefotograf, der vor kurzem sein umfangreiches Archiv der Vorarlberger Landesbibliothek übergeben hat. Es handelt sich dabei um mehrere Tausend Fotos, die alle Bereiche des öffentlichen Lebens abdecken.

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