Gerald A. Matt

Kunstmanager, Publizist und Gastprofessor an der Universität für angewandte Kunst Wien

„Hirn- und freudlose Korrektheitsdiktate“

November 2019

Heinz Sichrovsky gilt heute als einer der bekanntesten und wichtigsten österreichischen Kulturjournalisten. Sein pointiertes Urteil hat Gewicht. Als Kritiker verteidigte er beherzt Thomas Bernhards „Heldenplatz“ und Elfriede Jelineks „Raststätte“ gegenüber ungerechtfertigter Kritik.
Seit 1992 arbeitet Sichrovsky als Gründungschefredakteur und -kulturchef beim Wochenmagazin News. Sichrovsky gestaltet auch Künstlergespräche, musik- und literaturwissenschaftliche Veranstaltungsreihen und moderiert seit 2010 das Fernseh-Buchmagazin „erLesen“. Für die Kronenzeitung schreibt er die satirisch-kritische Kolumne Unkorrekt. Gerald A. Matt traf ihn zum Gespräch.

„Dichtende Journalisten sind fast immer die Pest.“

Die Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke ist wegen seiner Haltung im Jugoslawienkrieg heftiger Kritik ausgesetzt. Hat Handke den Preis zu Recht erhalten? 

Die Frage erübrigt sich. Einer der bedeutendsten lebenden Autoren hat den bedeutendsten Literaturpreis bekommen. Die neue, frische, mutige und kundige Schwedische Akademie, die das vergreiste Gremium aus Grapschergattinnen und Provinzsonderlingen ersetzt, hat eine großartige Wahl getroffen und den Preis nach Jahren teils mutloser, teils hilflos aktionistischer Entscheidungen – Bob Dylan – wieder dorthin vergeben, wo er zu selten war: zur Weltliteratur. 

Was macht einen großen Autor aus? Was macht Peter Handke zu einem einzigartigen, herausragenden Autor? 

Peter Handke ist ein Beschreiber wie kein zweiter heutzutage. Seine Sprache, die immer das Zentrum bildet, ist von leuchtender, schwebender Schönheit, die mit Spannung aufgeladene Langsamkeit seiner Texte ein großartiger Gegenentwurf zum Wellmade-Gezwitscher vor allem des amerikanischen Erzählens, für das der Nobelpreis immer wieder und immer aggressiver reklamiert wird. Schon die alte Akademie hat – einer ihrer wenigen Vorzüge – dem Drängen nicht stattgegeben, und dabei bleibt es hoffentlich.

Was läuft für Dich in der Debatte um Handke schief? Was sagt sie über den heutigen Literaturbetrieb, ja den Kunstbetrieb aus?

Alles läuft schief, weil es um alles andere als um Literatur geht, es aber um nichts anderes gehen dürfte. Aber wenn wir die Debatte schon führen müssen: Dass südosteuropäische Provinzwojwoden Einspruch erheben, sei ihnen als Laien mit nachvollziehbaren Motiven nachgesehen. Das jämmerlichste Bild aber gibt schon, wie seinerzeit in den Neunzigerjahren, das Feuilleton ab. Jeder einzelne Kritiker kann nur in jedem einzelnen Fall seine gesamte Erfahrung, sein gesamtes Gespür, seine gesamte Intuition zusammennehmen und dann beten, dass er nicht zu weit daneben liegt. Im Fall Handkes aber agiert das Feuilleton wie die Prozessionsspinnerraupe, die sich an das Gesäß der Vorderraupe ansaugt und dann als langer Wurm in eine Richtung zieht, bis die erste Raupe die Richtung ändert und die Prozession in die Gegenrichtung trottelt. Handke hat nie Kriegsverbrechen bagatellisiert oder gar gutgeheißen. Er hat sich nur gegen die Kollektivschuldzuweisungen der Nato an Serbien gewendet. In einem Krieg, in dem serbische Tschetniks, bosnisch-moslemische Fundamentalisten, kroatische Ustascha-Nazis und albanische Mafia-Clans aufeinanderkrachen, könne nicht nur einer schuld sein. Das Feuilleton hat sich überwiegend dem Nato-Diktat unterworfen, eine Schande, die seinerzeit nicht einmal ein Student im ersten Semester auf sich geladen hätte. Alles mit dem Adverb „zweifellos“, das Handke hasst wie nur wenig sonst. 

Der Fall Relotius erschütterte unlängst die Medienwelt und an seinen Nachwirkungen leidet die Glaubwürdigkeit des Spiegels, aber auch der gesamten Qualitätsmedien bis heute. Wie konnte das passieren, und was sagt es über Arbeitsmethoden und Arbeitsethos von Medien überhaupt aus?

Relotius hat der an ihren Gewissheiten verzweifelnden linksaufgeklärten Öffentlichkeit gegeben, wonach sie sich sehnt: sozialkitsche und Gut-Böse-Befunde, die längst nicht mehr treffen. Heute kann man unter dem Vorwand des Anti-Israelismus wieder Antisemit sein; selbstverständlichen feministischen Positionen, die in den Sechzigerjahren erkämpft wurden, droht die Relativierung beispielsweise durch islamische Einflüsse. Das verwirrt und führt zu hirn- und freudlosen Korrektheitsdiktaten und massiver Denunziation. In Relotius’ Märchen war noch alles, wie es sein soll. Der Bobo konnte aufatmen. 

Erzählung und Wirklichkeit, Fakten und Fiktion, Information und Unterhaltung, Journalismus und Literatur, Vernunft und Emotion, ein fortwährender Widerspruch in der Arbeit eines Journalisten? Oder haben nicht gerade die Autoren des „new journalism“ von Truman Capote über Gay Talese bis Tom Wolfe gezeigt, dass Substanz auch Stil haben kann? Wo ziehst Du für Dich die Grenze?

Dichtende Journalisten sind fast immer die Pest. Ein Journalist verhält sich zu einem Schriftsteller wie ein Möbeltischler zu einem Bildhauer, das sollte er in Demut zur Kenntnis nehmen. Die wenigen Grenzgänger, zu denen ich auch Egon Erwin Kisch zählen will, sind Ausnahmen. Handke hat nicht zu Unrecht über den Nobelpreis für die tüchtige Dokumentaristin Elena Alexieva gespottet – als nächstes wäre ein Sportreporter dran.

Fake News scheinen heute zum politischen Handwerkszeug zu gehören. Ist das eine Chance für seriösen, um Objektivität bemühten Journalismus? 

Was ist das? Das Qualitätsfeuilleton, das an Handke versagt? Gute Journalisten, die mehr wissen als andere, die sich Vertrauen geschaffen haben, daher erstklassig informiert sind und mit diesem Kapital verantwortungsvoll umgehen – denn einen guten Journalisten erkennt man auch an dem, was er nicht schreibt –, gibt es in jedem Segment unseres Berufs.

Welche elementaren Veränderungen hast Du in Deiner Zeit als Kritiker im Medien- und Zeitungswesen erlebt? Michael Fleischhacker hat ein Buch unter dem Titel „Die Zeitung, ein Nachruf“ geschrieben. Gibt es überhaupt ein Rezept gegen das Zeitungssterben? Wird es in 20 Jahren noch Printmedien geben?

Es wird sie geben, und sie werden aufblühen, wenn den Lesern der nicht endende, halbalphabetisierte Blödsinnswust aus den Foren und sozialen Medien zu dumm wird. Oder wenn diese Denunziationsmaschinen endlich so rigoros reguliert und mit drakonischen Strafen belegt sind, wie es nötig ist. Um zu publizieren, muss man Grundanforderungen genügen, die schon mit der korrekten Handhabung der Sprache beginnen müssten.

Was hat sich in all Deinen Kunstkritikerjahren in Kunstkritik geändert? 

Sie ist marginalisiert worden, hat schon quantitativ ihren Platz verloren, weshalb es den gefürchteten, aber untadelig kompetenten Großkritiker nicht mehr gibt. Die Folgen sieht man am Umgang mit Handke.
Du machst nicht nur Kunstsendungen und schreibst Bücher, Du schreibst auch für die  Krone, wie schafft man den Spagat zwischen Hochkultur und Boulevard oder ist das längst ein künstlicher Gegensatz?
Den Gegensatz kenne ich nicht. Relotius hat nicht bei der „Krone“ geschrieben, und so etwas wie die selbstergriffenen, moralisierenden Feuilletondenunzianten wünsche ich keiner gelesenen, erfolgreichen Zeitung. Meine ganze Bewunderung gilt den erstklassigen Chronik-Redakteuren, die am Tatort sind und einem sagen, was stattgefunden hat, statt sich am Schreibtisch zu blähen.

Du hast das letzte Interview mit Helmut Qualtinger und gemeinsam mit Conny Bischofberger eines der letzten Interviews mit Thomas Bernhard geführt, ist so etwas eine Sternstunde für einen Kunstjournalisten?

Sicher. Ich zähle dazu auch mein letztes Interview mit der Weltschriftstellerin Christine Nöstlinger, die meine Bewunderung gespürt und mich, glaube ich, recht gern gehabt hat.

Gibt es für dich und heute Tabus? Kannst du Dich an einen Fall erinnern, wo Du Dich in Abwägung „Information gegen Schutz der Person“ für Nichterscheinen entschieden hast? 

Ständig, und drum nenne ich auch keinen.

Hatte der Chefredakteur von Charlie Hebdo, Gérard Biard, recht, als er sagte: „Jedes Mal, wenn wir eine Karikatur Mohammeds zeichnen; jedes Mal, wenn wir eine Karikatur eines Propheten zeichnen; jedes Mal, wenn wir eine Karikatur Gottes zeichnen, verteidigen wir die Religions- und Pressefreiheit.“

Er hatte recht, klar, und das Massaker ist das Ungeheuerlichste der neueren Mediengeschichte. Jede Provokation muss erlaubt sein, ich nehme mir aber auch heraus, sie gegebenenfalls als plump und abgeschmackt, als Selbstzweck zu qualifizieren. Böhmermann, der von Erdogan in Ruhe gelassen zu werden hat, ist so ein Kandidat: ein witzloser Schreihals.

Du schreibst für jede Sonntagausgabe der Kronenzeitung die satirisch-kritische Kolumne Unkorrekt. Zudem hast Du das Buch mit dem Titel „Betrachtungen eines Unkorrekten“ geschrieben. Braucht es mehr Unkorrektheit in Zeiten von Political Correctness?

Es braucht die Political Correctness in ihrer derzeitigen karikaturhaften Form nicht, das ist der Punkt. Menschen, die auf Grund ihrer durch Unbildung verschärften intellektuellen Minderausstattung Texte nicht mehr zu lesen, Ironie und Zwischentöne nicht mehr zu entschlüsseln verstehen, müssen möglichst simple Regeln aufstellen, um am Leben nicht zu verzweifeln. Sie müssten weggelacht werden, nur: von wem? Wo es doch immer mehr von ihnen gibt und sie allmählich auch die Medien zu besetzen beginnen. Die sozialen Medien haben sie schon gekapert.

Welchen Job im Medienbereich würdest Du auf keinen Fall machen? 

Chefredakteur, wo auch immer. Pressesprecher, bei allem Respekt vor den Kollegen.

Deine Liebe gilt neben der Literatur vor allem der Musik und der Oper. Im Rahmen Deiner Dissertation „Die Texte zu den Liedern Franz Schuberts“ bist Du gar auf Unentdecktes von Schubert, das vertonte Lied „Lebenstraum“, gestoßen. Was fesselt Dich so sehr an der Oper?

Ich verdanke ihr alles. Ich bin mit 14 Jahren und einem Monat erstmals auf den Stehplatz gegangen, und mein ganzes Leben hat sich in die richtige Richtung gedreht. Ich habe in der Schule nichts mehr gelernt, war nur mehr in der Oper, habe dort meinen ersten Freundeskreis, meine erste Geliebte, meine Künstlervernarrtheit gefunden und wollte nur noch Kritiker werden. Als ich meine erste Opernkritik geschrieben habe, hatte ich etwa 1000 Vorstellungen im Schädel. Das kann sich keiner der heute aktiven graduierten Musiktheoretiker, die mit dem Begleithund durch die Selbstverständlichkeiten des Kunstalltags taumeln, kaufen oder borgen.

Welches Buch hat Sie in letzter Zeit am meisten beeindruckt?

Ich bin da eher in der Vergangenheit daheim. Mein Buch aller Bücher ist „Der gold’ne Topf“ meines Herzensautors E. T. A. Hoffmann. Das Größte an Kriminalliteratur: von Patricia Highsmith, beispielsweise „Der süße Wahn“.

Vielen Dank für das Gespräch!

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