Lea Putz-Erath

* 1980 in Niederösterreich, studierte Tourismus- Management, Soziale Arbeit und Erziehungswissenschaften. Lea Putz-Erath ist seit 2016 Lehrbeauftragte an der FHV im Studiengang Soziale Arbeit und seit 2017 Geschäftsführerin femail FrauenInformations­zentrum Vorarlberg. Davor mehrjährige berufliche Stationen als Sozialarbeiterin in Deutschland und den USA. Sie lebt seit 2017 mit ihrer Familie in Vorarlberg.

So wie bei uns!

Dezember 2020

Von der Notwendigkeit, gemeinsame Lösungen für die Zukunft zu finden.

Ich bin Mitglied im Kuratorium einer privaten deutschen Hochschule. Vor wenigen Wochen fand die jährliche Kuratoriumssitzung mittels Video-Konferenz statt.
Was ich dort erlebt habe, waren nicht nur glänzende Vorträge von begeisterten Verantwortlichen für die Lehre, sondern vor allem die verbindende Kraft, wenn sich Menschen aus unterschiedlichen Systemen begegnen. Im Kuratorium kommen Geschäftsführung, wissenschaftliche Leitung, Vertreter:innen aus dem Lehr- und Forschungspersonal, Studierende und Menschen, die Stakeholdergruppen repräsentieren, zusammen. Da war der Vorstandsvorsitzende eines großen, internationalen börsennotierten Unternehmens, die Geschäftsführerin eines überregionalen Anbieters von Kinderbetreuung, ein erfahrener Coach und Ausbildner für Coaching oder auch ich, Geschäftsführerin einer kleinen NGO. Und alles, was wir über virtuelle Meetings, Online-Veranstaltungen oder den persönlichen Kontakt als Erfahrungen der letzten Monate erzählt haben, war gegenseitig anschlussfähig. Mehr noch – wir konnten von den Erfahrungen der anderen lernen – und es hätten sich, an dem konkreten Thema weitergedacht, sicherlich großartige Lösungen entwickeln lassen.
Unsere Gegenwart bringt viele Herausforderungen, die wir vor einem Jahr nicht geahnt hätten. Ausgehend von gesundheitlichen Bedrohungen entwickeln sich ökonomische Schreckensszenarien für Bürger:innen, Organisationen und den Staat. Wenn wir nicht handeln, werden daraus auch soziale Schreckensszenarien. Was mich wirklich erschüttert ist, dass so viele Lösungen aus jeweils einer einzigen Perspektive entwickelt werden. Geschwächte Sozialpartnerschaft, unzulängliche Zusammenarbeit im föderalen System, Austausch in Netzwerksitzungen, die keinerlei nächste gemeinsame Schritte zu Tage bringen, sind nur ein paar Konsequenzen aus dieser Eindimensionalität. Branchenpakete, Krisenstäbe einzelner Ressorts sind eine notwendige und wichtige Akuthilfe. Doch aus meiner Sicht reicht das für die langfristige Perspektive nicht aus. Das Morgen kommt, Tag für Tag, und es entscheidet sich heute, wie wir darauf vorbereitet sind.
Ich bin überzeugt davon, dass unsere funktional differenzierte Gesellschaft nur dann für möglichst viele Menschen inklusiv wird, wenn es uns gelingt, über Systemgrenzen hinweg Wege in die Zukunft zu gestalten.
Mein Laienverständnis der repräsentativen Demokratie fußt genau auf diesem Gedanken. Unsere Parlamente sollen die Vielfalt der Gesellschaft repräsentieren und Lösungen aus vielen Perspektiven entwickeln – durch Debatte, Diskurs und Einigung. Doch zweifle ich an dieser Kraft, wenn die Rahmenbedingungen des politischen Systems dem konstruktiven Dialog der Vielfalt zu wenig Raum geben.
Wenn wir an meiner Ausgangssituation dranbleiben, wird deutlich, dass in konkreten Themen Potenzial für gemeinsame Lösungen steckt: Die Frage der optimalen Nutzung von Video-Gesprächstechnologie ist heute und in Zukunft für alle Gesellschaftsbereiche relevant. Der Ratsuchende ist abhängig von gelungenem Beziehungsaufbau der Sozialarbeiterin am Handy, die Mittelschullehrerin ringt um Aufmerksamkeit der Schüler:innen an den Bildschirmen zu Hause, die Industriemanagerin bemüht sich um den Geschäftsabschluss auf dem internationalen Parkett, obwohl sie im Ländle festgezurrt ist – und alle drei tun das online. Und alle drei hängen von den gleichen Erfolgsfaktoren bei der Anwendung dieser Technologie ab. Fragen, beispielsweise wie transportiere ich Emotionen über den Bildschirm, die die Informationen tragen, werden relevant.
Ich plädiere dafür, genau solche systemübergreifenden Herausforderungen zu identifizieren, gemeinsame Lösungsideen zu entwickeln und dann die Spezialist:innen zu beauftragen. Diese Lösungen wären sicherlich nicht nur tragfähiger, sondern vor allem auch ökonomischer, da sie einmalig gemeinsam entwickelt werden.
Dazu müssen Vertreter:innen unterschiedlicher Gesellschaftssysteme miteinander kommunizieren, von ihren Organisationen Handlungsbefugnisse erhalten und die „So-wie-bei-uns“-Momente identifizieren. Wenn aus diesen Einblicken Verständnis entsteht und sich daraus noch gemeinsame Lösungen für aktuelle Herausforderungen ableiten ließen, dann wäre das etwas, wofür ich brenne.
PS: Ich weiß, dass wir das in Vorarlberg können – beispielsweise bei der engagierten Zusammenarbeit rund um die Vorarlberger FFP2-Masken!

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