Stefania Pitscheider-Soraperra

Kunsthistorikerin, Kuratorin und Kulturmanagerin. Sie hat zahlreiche Projekte im In- und Ausland realisiert. Seit 2009 ist sie Direktorin des Frauenmuseums Hittisau.

Da schauen Sie. 20 Jahre Frauenmuseum Hittisau

Mai 2020

Ein gesellschaftspolitischer Ort, ganz und gar nicht verstaubt.

Unmittelbar nach dem Beginn der kollektiven Quarantäne hat Neapel begonnen, von den Balkonen zu singen. Viele Orte in Italien und der ganzen Welt sind dem partenopäischen Beispiel gefolgt. Von den Balkonen zu singen ist eine Kulturleistung. Eine, die über schwierige Zeiten hinwegtröstet. Und eine, die zeigt, dass Kultur ein tiefes menschliches Bedürfnis und ein Bindemittel zwischen Menschen ist.
Im Frauenmuseum Hittisau sind wir seit jeher der Überzeugung, dass Kultur mit sozialem und politischem Handeln eng verknüpft sein soll. Sie ermöglicht eine aktive Teilhabe an der Gemeinschaft und rückt Themen ins gesellschaftliche Bewusstsein, die wenig sichtbar sind. Deshalb trägt sie zum guten Funktionieren des Gemeinwesens bei, sie unterstützt das Miteinander, stärkt die wechselseitige Verantwortung.

Museen und Gesellschaft

Museen sind so unterschiedlich wie ihr Publikum. Sie können viele Erwartungen erfüllen: Sie stillen den Hunger nach Wissen und Bildung. Sie stärken Identitäten. Sie dienen der Freizeitgestaltung. Manche bedienen den Kunstmarkt. Allzu oft dienen Museen der Repräsentation und Legitimation politischer Systeme. Museen können und müssen aber vor allem Orte des Diskurses, der Auseinandersetzung, der Reibung sein, Orte, an denen Geschichte neu erzählt wird, in denen Raum geboten wird, um Unsichtbares und Verdecktes sichtbar zu machen. 
Museen sind nicht nur Orte der Geschichts- oder Kunstaufbewahrung, sondern vor allem Orte deren Deutung. Wer entscheidet, was künstlerisch bedeutend ist, was gesammelt werden soll, nach welchen Kriterien Dinge erforscht werden sollen, entscheidet auch, was vergessen werden darf, was irrelevant ist für eine historische Erzählung. Dazu haben lange Zeit Frauengeschichte, Frauenkultur und die Kunst von Künstlerinnen gehört.

Frauenmuseen entstehen

Museen gelten als Orte, die der gesamten Gesellschaft verpflichtet sind. Aber Frauen sind in vielen Museen, vor allem in kunsthistorischen, nicht als handelnde Personen zu sehen. Die Museen sind zwar voll mit Frauendarstellungen, doch sind diese weitgehend von männlichen Projektionen auf Frauen bestimmt. Es waren schließlich Männer, die das künstlerische Schaffen über viele Jahrhunderte hinweg dominierten. 
Mit der Frauenbewegung haben aber Frauen nach einem angemessenen Platz im Museum gerufen. So sind in den frühen 1980er Jahren die ersten Frauenmuseen entstanden, etwa in Bonn oder im dänischen Aarhus.
In Hittisau war es im Jahr 2000 so weit. Elisabeth Stöckler, selbst aus Hittisau, startete die Initiative zur Gründung des ersten Frauenmuseums in Österreich und des weltweit ersten Frauenmuseums im ländlichen Raum. In dem von der Gemeinde Hittisau neu errichteten Feuerwehr- und Kulturhaus wurde vor zwanzig Jahren das Frauenmuseum Hittisau eröffnet.

Da schauen Sie!

Seither hat das Frauenmuseum Hittisau 45 Ausstellungen entwickelt und gezeigt. Die Bandbreite der Themen ist groß, von der Kultur- und Sozialgeschichte über die Architektur bis hin zur Kunst. Es ist um Frauenalpingschichte oder Frauenzirkusgeschichte gegangen, um Pflege und Sorgekultur, um Maasai-Baumeisterinnen, um das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück oder um Frauen im Bergbbau. Aber auch Künstlerinnen wie Annemarie Jehle, Mariella Scherling und Susi Weigel oder Architektinnen wie Wenke Selmer oder Adelheid Ganiger wurden im Frauenmuseum einem größeren Publikum nahe gebracht. 
Im Zentrum stehen immer Frauengeschichte und das Kulturschaffen von Frauen. Dazu gibt es ein dichtes Programm an Vorträgen, Lesungen, Symposien, Konzerten, Workshops für Schulen und Erwachsenenführungen.
Zu seinem 20-jährigen Jubiläum widmet sich das Frauenmuseum Hittisau dem Thema der Geburtskultur. Die Ausstellung ist den kulturellen, gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen rund um die Geburt gewidmet. Sie hilft sowohl physiologische Prozesse zu verstehen als auch Ideologien rund um die Geburt zu hinterfragen. Erweitert wird die Ausstellung durch Kunstwerke, die das Thema um persönliche Statements und neue Sichtweisen erweitern.

Wer spricht?

Als die Kulturvermittlerin Sabine Heinzle unlängst einen Münchner Universitätsprofessor durch die Ausstellung „Frau am Kreuz“ führte, zeigte sich dieser von ihrer Kompetenz sehr beeindruckt. Er fragte, welche Ausbildung sie habe. Sabine antwortete: „Ich bin Bäuerin.“ Der Professor war sprachlos. Diese kleine Geschichte fasst gut zusammen, was gelebte Inklusion im Frauenmuseum Hittisau bedeutet. 
Seit seiner Gründung ist das Team der Kulturvermittlerinnen die ideelle und reelle Stütze des Hauses. Es ist eine heterogene, inklusive Gruppe von rund zwanzig Frauen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen. Die jüngste ist 16, die älteste 76 Jahre alt. Es gibt im Team sowohl Historikerinnen und Künstlerinnen als auch Altenpflegerinnen, Bäuerinnen, Lehrerinnen, Pensionistinnen. Um sprechen zu dürfen, müssen sie eine einzige Voraussetzung erfüllen: die Bereitschaft, sich intensiv und engagiert mit den Themen des Hauses auseinanderzusetzen, um mit dem Publikum in Beziehung zu treten. Das tun sie alle mit großer Überzeugung und sorgen dafür, dass das Museum den Kontakt zur Umgebung nicht verliert. 
Die große aus Österreich stammende Historikerin Gerda Lerner (1920-2013) hat einmal gesagt: „Jede Frau verändert sich, wenn sie erkennt, dass sie eine Geschichte hat.“ Nach diesem Motto wird das Frauenmuseum Hittisau auch die nächsten zwanzig Jahre arbeiten.

Ausstellungen

noch bis 7. Juni 2020
Sie meinen es politisch! 100 Jahre Frauenwahlrecht.

Ab 28. Juni 2020
(ohne Eröffnungsfeier)
GEBURTSKULTUR
vom Gebären und Geborenwerden

Frauenmuseum Hittisau, Platz 501, 6952 Hittisau
www.frauenmuseum.at
www.starkefrauen.online

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