Thomas Feurstein

Studium der Germanistik und Geografie, Bibliothekar an der Vorarlberger Landesbibliothek, Schwerpunkte: Landeskunde, Schule und Bibliothek

(Foto: © Gerhard Kresser/Vorarlberger Landesbibliothek)

 

Mörderisches Ländle

Dezember 2014

Donna Leon und Henning Mankell machen es seit Langem vor: spannende Krimis an interessanten Plätzen finden massenhaft Leser. Aber auch Vorarlberg als Kulisse hat seinen Reiz und bietet spezielle Lesefreuden für Krimifans.

Während reale Morde in Vorarlberg glücklicherweise Seltenheitswert haben, häufen sich in den letzten Jahren die Tötungsdelikte, die der kreativen Feder heimischer Autorinnen und Autoren entspringen. Im Durchschnitt – die Abweichungen davon könnten allerdings nicht größer sein – wird ein scheinbar harmloser Ort von heimtückischen Tätern heimgesucht, ehe sie dann von einem schrulligen, aber durchaus sympathischen Kommissar letztlich zur Strecke gebracht werden. Waren die klassischen Detektive wie Sherlock Holmes früher im Großstadt­dschungel tätig, brachte es das neue Genre des Regionalkrimis mit sich, dass das schwedische Schonen, Sizilien, Triest, der Ruhrpott, das Elsass und viele andere Gegenden zu Schauplätzen wurden. Dabei ist der regionale Aspekt vielfach wichtiger als die kriminalistische Handlung. Oft kommen bekannte Persönlichkeiten (wie bei Peter Natter) und in Wirklichkeit existierende Straßen und Plätze vor (wie bei Marlene Kilga). Ein Reiz des Regionalkrimis besteht darin, dass die Handlung in der Regel frei erfunden ist, die Handlungsorte aber real sind. J. M. Soedher, dessen Krimis in Lindau und Umgebung spielen, merkt sogar an, dass seine Romane nicht als Reiseführer verwendbar seien.

Der Regionalkrimi dient in vielen Fällen aber auch als Vehikel, um historische, soziale und komplexe zwischenmenschliche Konflikte darzustellen. Die Motive Habgier, Eifersucht, Kindesmissbrauch und viele andere mehr geben den Krimis zusätzlich eine gesellschaftskritische Note.

Der Vater des heimischen Krimis ist zweifellos Kurt Bracharz („Pappkameraden“, „Cowboy Joe“), der bereits in den 1990er-Jahren auf humorvoll-ironische Weise Bregenz zur Verbrecherstadt werden ließ. Ähnlich früh wie Bracharz war nur der gebürtige Vorarlberger Jürgen Benvenuti („Harter Stoff“, „Leichenschänder“, „Schrottplatz-Blues“) aktiv, dessen rasante Erzählungen allerdings im großstädtischen Milieu Wiens angesiedelt sind.

Wer im Katalog der Landesbibliothek nach Vorarlberger Kriminalliteratur sucht, erhält immerhin 44 Treffer, davon allein 36 seit der Jahrtausendwende, nach der ein regelrechter Boom ausbrach. Immer wieder vorkommende Autoren sind Franz Kabelka, Peter Natter, Marlene Kilga, Christian Mähr, Daniela Larcher, Daniela Alge und Hermann Brändle, um nur die wichtigsten zu nennen.

Die Produkte der beiden bekanntesten Autoren, Christian Mähr und Peter Natter, könnten unterschiedlicher nicht sein. Natter – Lehrer, Gastronom, Philosoph, Lektor und Schriftsteller – findet immer wieder („Die Axt im Wald“, „Ibeles Feuer“, „In Grund und Boden“, „Die Tote im Cellokasten“) einen aktuellen Anlass aus dem Vorarlberger Tagesgeschehen, um den seine gesellschaftskritischen Kriminalromane kreisen. Zuletzt ist es die illustre Schubertiade-Gemeinde in Schwarzenberg, die den Rahmen für die Handlung setzt, die regelmäßig mit philosophischen Exkursen garniert wird.

Ganz anders Christian Mähr, bei dem sich in atemberaubendem Tempo eine Szene an die andere reiht. Seine Haupt­figuren sind skurrile Charaktere, die oft irrational handeln, sich aber jeglicher Gesellschaftskritik entheben. Allerdings kann es sich der Autor trotzdem nicht verkneifen, auch lokale Themen anzuschneiden: Mit Blick auf den Dornbirner Marktplatz meinen etwa zwei Wiener Kleingangster: „An dem Ensemble passt überhaupt nichts zusammen, die großfenstrigen Siebziger-Jahre-Bauten an der rechten Seite des Platzes, die an jedem anderen Ort ein historisches Ensemble verschandelt hätten, fielen hier nicht weiter negativ auf, es gab nichts zu verschandeln.“ Die Qualität der literarischen Vorlage motivierte auch den ORF zu einer Verfilmung, deren Premiere eigentlich kurz bevorstehen müsste.

Wird am Sonntagabend der „Tatort“ in immer noch kleinere Städte verlegt (Erfurt, Konstanz, Kiel), ist dies nur eine Bestätigung für die zunehmende Regionalisierung der Krimi-Szene. Wie sich bei so manchen Folgen der Fernsehsendung bald gähnende Langeweile breitmacht, so gilt auch für die gedruckten Regionalkrimis, dass bei der Vielzahl von Neu­erscheinungen zwangsläufig große Qualitätsunterschiede feststellbar sind.

In Wien fand die Kriminacht 2014 nun schon zum zehnten Mal statt: Zwischen Innenstadt und Krems zeigten 51 Autorinnen und Autoren an 40 Spielorten, auf welch unterschiedliche Arten geraubt und gemordet werden kann. Sogar Donna Leon ließ es sich nicht nehmen, nach der Premiere 2004 erneut an der Veranstaltung teilzunehmen. Für mich wäre ein sehr reizvoller Gedanke, die ganze Vielfalt des Ländle-Regionalkrimis anlässlich einer Vorarlberger Kriminacht zu erleben.

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