
Wohnen und Leben, aktuelle Aspekte und neue Thesen
Eine europaweite Bürgerinitiative fordert deutlich mehr Sanierungen und Umbauten bereits bestehender Gebäude. VAI-Direktorin Verena Konrad sagt, dass es auch hierzulande enorm wichtig sei, den vorhandenen Baubestand zu transformieren – wobei Vorarlberg diesbezüglich „sogar in einer privilegierten Position“ sei. Derweil formuliert Architekt Roland Gnaiger Thesen für eine gute Bauzukunft.
In den „Salzburger Nachrichten“ wurde jüngst unter dem Titel „Wild umstritten, heiß geliebt“ von einem Zielkonflikt rund um das Einfamilienhaus berichtet: „Trotz der Debatte über Bodenversiegelung und Treibhausgasemissionen träumen die Österreicher von einem Haus im Grünen, also genau von jener Wohnform, die pro Person am meisten Fläche und Ressourcen verbraucht.“ Das Einfamilienhaus, wenn man es sich denn überhaupt leisten könne, erfülle für viele Menschen den Wunsch nach Freiheit, Sicherheit und Autonomie, hieß es: „Und deswegen ist die Idee, den Bau von Einfamilienhäusern massiv einzuschränken, oder gar zu verbieten, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Auch wenn es manche gerne täten.“ Doch wie lässt sich nun der Wunsch nach einem Eigenheim und nach Schonung natürlicher Ressourcen am ehesten vereinen? „Indem man ältere Gebäude saniert und revitalisiert und das von öffentlicher Seite auch entsprechend fördert.“
Sanieren, revitalisieren, fördern? Die europaweite Bürgerinitiative „House Europe“ setzt genau an diesem Punkt an. Ihren Vorstellungen zufolge sollen Sanierungen und Umbauten bereits bestehender Gebäude künftig zur neuen Norm werden. Die Initiatoren wollen damit „Häuser erhalten, eine lokalere Bauwirtschaft fördern, Energie und Ressourcen sparen und Erinnerungen unserer Baukultur bewahren“. In ihrem Verständnis ist das Prozedere, Gebäude abzureißen und an deren Stelle neue zu bauen, überholt. Renovieren sei dagegen „eine großartige Lösung, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, kleine und mittlere Unternehmen zu unterstützen, CO2-Emissionen zu reduzieren und Erinnerungen und Gemeinschaften zu bewahren.“
Die Situation in Vorarlberg
Verena Konrad ist österreichische Botschafterin für „House Europe“. Infolge der Bauwirtschaftskrise, sagt die Direktorin des Vorarlberger Architekturinstituts, habe sich auch die Finanzierung des Neubaus deutlich erschwert: „Es wird weniger gebaut, auch weniger neu gebaut, bei einer allerdings nach wie vor wachsenden Bevölkerung.“ Vor dem Hintergrund dieser europaweit feststellbaren Entwicklung sei es ergo auch hierzulande enorm wichtig, den vorhandenen Baubestand zu transformieren: „Auch um zu verhindern, dass es zu einer Wohnungskrise kommt.“
Eine gute Grundlage für eine Analyse ist dabei der alle zehn Jahre von der Statistik Austria erhobene Zensus für Gebäude- und Wohnungszählung. Die Erhebung zeigt: Dem aktuellen, jähen Stillstand an Bautätigkeiten ging jahrelang ein regelrechter Bauboom voraus.
Seit 1971 ist demnach die Anzahl der Gebäude in Österreich um 80 Prozent gestiegen, bei einem gleichzeitigen Bevölkerungswachstum von 20 Prozent. Über 80 Prozent des baulichen Bestandes ist allerdings vor 2000 entstanden, und daher mittlerweile vielfach sanierungsbedürftig. Warum diese Gebäude dennoch oftmals nicht saniert werden? Konrad zufolge „liegt das an vielen Faktoren, an ökonomischen, sozialen wie auch kulturellen“.
Sind also Bestandsanierungen im großen Stil ein für Vorarlberg überhaupt realistischer Weg? „Ja“, sagt Konrad, „wir wären sogar in einer privilegierten Position.“ Zwar gibt es ihr zufolge „in Sachen Bestandstransformation noch Luft nach oben.“ Bautätigkeiten im Land würden aber durchaus bereits einen Fokus auf Weiternutzungen, Weiterbauten, Umbauten und Zubauten legen. Auch sei die hiesige Bauwirtschaft schon seit langem im Thema Baustoff-Recycling engagiert. „Zudem“, sagt Konrad, „gibt es im Land ausreichend gute Architekten und Architektinnen, um Entsprechendes zu planen, und ausreichend gute Handwerker und Handwerkerinnen zur Umsetzung.“ Gerade in diesem Punkt, dem qualitativen Handwerk, unterscheide sich Vorarlberg wesentlich von anderen Regionen.
House Europe sei also „das Weitergehen eines Weges, den Vorarlberg in den vergangenen Jahren gegangen ist“. Konrad zufolge muss der gute Weg nun weiter stabilisiert werden, müsse weiterer Bestand transformiert werden. Was dafür spricht? „Die Tatsache, dass die Generation unserer Großeltern und Eltern solide gebaut hat, dass es schlichtweg meist keinen Grund gibt, diese Häuser abzureißen.“ Lediglich der eigene Gestaltungswille stehe dem noch entgegen: „Und da spielt die Architektur eine entscheidende Rolle. Sie muss den Bestands-Umbau so begehrenswert machen, dass man überhaupt nichts anderes mehr will.“ Gute Beispiele gelungener Bestandssanierung gebe es viele im Land. Konrad nennt – stellvertretend für viele andere Projekte – drei Beispiele: „Die Denkwerkstatt von Architekt Georg Bechter, die er im einstigen Stadel seines Vaters in Hittisau realisiert hat. Julia Kick, die sich als Architektin auf Bestandstransformation spezialisiert hat. Oder die Campussphäre, als Labor, das den eigenen Umbau im Rahmen einer Kultur- und Bildungskampagne sichtbar macht und damit als Transformationsverstärker wirkt.“
Was zu tun ist
Die Initiative fordert europaweit „Steuererleichterungen für Renovierungsarbeiten und wiederverwendete Materialien, faire Regeln für die Begutachtung der Risiken und Potenziale bestehender Gebäude und neue Werte für das in Bestandsgebäuden gebundene CO2“.
Was heißt das für Österreich, für Vorarlberg? Dass es, um weitere Bestandssanierungen zu forcieren, ein Umdenken brauche. Laut Konrad gibt es zwei Möglichkeiten: „Entweder eine neue Förderpraxis oder aber Steuererleichterungen. Doch unabhängig von der Frage, ob man die Sache nun aktiv oder passiv angehen will, wird es zu keiner Bauwende kommen, wenn es den politischen Willen dazu nicht gibt oder sich einzelne Maßnahmen widersprechen und damit gegenseitig aushebeln.“
Zudem müsse an weiteren Stellschrauben gedreht werden: „Besonders wichtig ist die Finanzierung. Neubauten werden meist mit einer Potenzialanalyse, Sanierungen aber mit einer Risikoanalyse verbunden. Das muss sich auch im Hinblick auf die Vergabe von Krediten ändern.“ Auch bekomme man für einen Neubau leichter Förderungen, während bei Sanierungen dagegen meist ausschließlich Energieeffizienz gefördert werde. „Sanierungen haben aber noch andere Aspekte, die damit nicht abgedeckt werden.“
Ein weiterer Punkt? Sind die OIB-Richtlinien, also bautechnische Verordnungen, nach denen sich alle in der Planung und in der Ausführung richten müssen. Denn diese Richtlinien sind ebenfalls auf den Neubau ausgerichtet: „Sanierungen werden durch die bestehenden Regelwerke diskriminiert.“
Auch wird Konrad zufolge das Werkzeug der Ökobilanzierung und der CO2-Bilanz bis dato zu wenig genutzt: „Wird ein Gebäude abgerissen und an dessen Stelle ein neues gebaut, werden die Abrisskosten, die Deponiekosten und weitere Folgen oft nicht eingerechnet. Das führt zu einer verzerrten Darstellung, die Entscheidungen meist in Richtung Neubau lenkt.“ Die Forderungen von House Europe seien konstruktiv und auch an den Erfordernissen der Bauwirtschaft orientiert, auch das sagt die VAI-Direktorin: „Wir freuen uns über wachsenden Zuspruch auch aus diesem Sektor.“ Denn auf den eingebrochenen Neubau-Markt habe man dort bereits reagiert: „Man wird im Moment kaum ein Bauwirtschaftsunternehmen in Österreich finden, dass seine Marketingtätigkeiten nicht bereits auch auf den Bereich Sanierungen und Renovierungen ausgerichtet hätte.“ Soll heißen: „Das ist ein Zukunftsmarkt.“
Roland Gnaigers Thesen
Apropos. Architekt Roland Gnaiger, emeritierter Universitätsprofessor, hatte erst vor kurzem auf Einladung des Vereins Bodenfreiheit ein Referat über „das Zerstörungs- und Heilungspotential des Bauens“ gehalten, und in dieser Rede „Thesen für eine gute Bauzukunft“ formuliert. Eine dieser Thesen war dem Thema Bestandsnutzung gewidmet.
Gnaiger sagte dabei: „Jahrzehntelang war ich überzeugt, dass geistig substanzlose Bauten im Zuge eines kulturellen Wiederaufbaus entsorgt werden können.“ Doch angesichts der Klimaveränderung und der wachsenden Einsicht, wieviel Energie und hochwertiger Rohstoff in jedem einzelnen Bauteil stecke, habe sich seine Sicht gewandelt. „Jeder Altbau, der mit vertretbarem Aufwand sanierbar ist und den Rahmen für ein angemessenes Leben verspricht, sollte erhalten, mit Intelligenz und Kunstsinn transformiert und mit seinem neuen Kontext abgestimmt werden.“ Wo allerdings weder ökonomische noch ökologische Vernunft und Verantwortung, auch keine emotionale Bindung oder atmosphärische Stärke den Erhalt eines Bauwerks gebieten würden, gelte es, Bauelemente zu sichern. Türen, Fenster, Böden, Beschläge oder Sanitäreinrichtung könnten in diesem Verständnis „in einen neuen Zusammenhang gesetzt und weiterverwendet werden. Mit Sachverstand gemacht, verspricht diese Methode Charme und spannende Atmosphären.“
Bodenschutz
Wie lautet Gnaigers These in Bezug auf Bodenschutz? Zwei seiner Studenten hätten im Rahmen ihrer Masterarbeit ein typisches Vorarlberger Einfamilienhausquartier untersucht und bewiesen, dass in unseren Wohnquartieren eine ungeahnte Ressource zur Innenverdichtung ruht: „Sie fanden nicht nur bestätigt, dass in Österreichs Einfamilienhäusern im Schnitt lediglich ein bis zwei Personen leben, sondern auch, dass viele im Alter mit deren Pflege und Erhaltung überfordert sind.“ Ein subtiles, variantenreiches Nachverdichtungsprojekt habe gezeigt, dass auf einer in Augenschein genommenen Fläche, auf der dazumal 19 Personen in neun Häusern wohnten, etwa 90 Menschen anspruchsvoll leben könnten. Dafür müssten die Lücken zwischen den Häusern gefüllt, aber nicht höher als zwei-, oder dreigeschoßig gebaut werden. „Die erfreulichste Begleiterscheinung besteht aber darin, dass dieser Ortsteil, als Folge dieses Entwurfs, eine immense atmosphärische Aufwertung erfahren würde“, sagte der Architekt. Diesem Muster folgend könnte ihm zufolge „jedes gesichtslose Quartier einen viel dezidierteren Raumcharakter entfalten. Zersiedelte Gebiete sind in echte Siedlungen wandelbar! In unseren Gewerbegebieten mit den eingeschoßigen Hallen und unintelligent genutzten Zwischenräumen steckt ein analoges Nachverdichtungspotential.“
Bebauungsdichte
In Bezug auf die Bebauungsdichte formulierte der Architekt daher folgende These: „Wenn ich größere Bebauungsdichten anrege oder fordere, meine ich das in einem untrennbaren Zusammenhang mit einer höheren Raum-, Siedlungs- und Lebensqualität, während Laien offensichtlich vor allem die Bedrohung durch Bauhöhen oder den Verlust von Grün- und Landschaftsraum fürchten.“ Diese „tiefsitzende und enormen Schaden stiftende Befürchtung“ ist laut Gnaiger „dem Umstand geschuldet, dass wir keine oder nur wenig bekannte inspirierende und motivierende Besiedlungen mit größerer Dichte vorweisen können.“
Er könne ergo nur auf die Altstadtzentren von Feldkirch, Hohenems oder Bregenz verweisen. Gnaiger denkt bei Dichte und Nachverdichtung stets „an den erzielbaren Flächengewinn für Landschaft und Gärten, an ruhige, gefasste, einladende öffentliche Straßen und Plätze, an kürzere Wege, weniger Platz für Verkehrswege, einen geringeren Versiegelungsgrad und an einen leichter finanzierbaren öffentlichen Verkehr.“ All das sei ohne große Bauhöhen erreichbar: „Wir sollten diese Option auch weniger im Zusammenhang großer Neubauprojekte verstehen, sondern als Möglichkeit zur Reparatur unserer missglückten Siedlungsentwicklung und Landschaftsvergeudung.“
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