Klaus Feldkircher

(geb. 1967) lehrt an der FH Vorarlberg, ist als freier Journalist tätig und betreibt das Kommunikationsbüro althaus7. Als Autor, Texter und Konzepter hat er bereits zahlreiche Sachbücher veröffentlicht. Weiters ist er in der Erwachsenenbildung tätig und lehrt Deutsch und Latein an der Schule Riedenburg/Bregenz.

„Glaube ist persönlich, aber nie privat“

Februar 2026

Landessuperintendent Ralf Stoffers über Kirche, Öffentlichkeit und Hoffnung.

Die evangelische Kirche in Österreich ist klein. Die reformierte Kirche ist noch kleiner. Und doch steht sie mitten in gesellschaftlichen Fragen, die weit über ihre Mitgliederzahlen hinausweisen. Ralf Stoffers ist seit 1. September 2025 Landessuperintendent der Evangelischen Kirche Helvetischen Bekenntnisses (H.B.) in Österreich und zugleich Pfarrer in Bregenz. Sein Amt führt ihn regelmäßig von Vorarlberg nach Wien, vom Gemeindealltag in die bundesweite Verantwortung zwischen Zuhören und Vermitteln. Es ist ein Amt, das weniger mit Macht zu tun hat als mit Haltung.
Die evangelische Landschaft in Österreich ist vielfältig, ist fragmentiert. Rund 250.000 Menschen gehören der nach Martin Luther benannten evangelischen Kirche A.B. (Augsburger Bekenntnis) an, etwa 10.000 bis 12.000 der evangelischen Kirche H.B. (Helvetisches Bekenntnis nach der Schweizer Reformation), dazu kommen noch die Methodisten. „Wir sind als Reformierte also eine Minderheit in der Minderheit“, sagt Stoffers. Gerade daraus leite sich jedoch eine besondere Verantwortung ab: Nicht laut zu sein, sondern präzise, nicht zu dominieren, sondern zu vermitteln.

Ein Amt, das erklärt werden muss
Was ein Landessuperintendent ist, erschließt sich für Laien erst auf den zweiten Blick. In der evangelischen Kirche A.B. entspricht der Superintendent in etwa einem Diözesanbischof. In der evangelischen Kirche H.B. gibt es keine Superintendenten, sondern einen Landessuperintendenten, eine Funktion, die für alle reformierten Gemeinden in Österreich zuständig ist. Neun Gemeinden sind es, geografisch verstreut von Vorarlberg bis ins Burgenland, die dieser zu betreuen hat. „Ich bin aber kein Oberpfarrer“, betont Stoffers. „Ich verstehe mich als Ansprechperson, als Zuhörer, als jemand, der hilft, tragfähige Lösungen zu finden.“
Das Amt ist begrenzt auf maximal fünfzig Prozent der Arbeitszeit. Hauptberuflich bleibt Stoffers Pfarrer in Bregenz, wo die evangelische Gemeinde mit rund 1800 Mitgliedern aus A.B. und H.B. eine Besonderheit im österreichischen Kontext darstellt. Einmal im Monat verbringt er blockweise mehrere Tage in Wien, während in Bregenz eine Vertreterin Gottesdienste, Seelsorge und, was sonst noch anfällt, übernimmt. „Es ist ein ständiges Pendeln“, sagt er, „auch gedanklich.“ Sein erstes Amtsjahr versteht er ausdrücklich als Erprobungsphase.

Demokratisch gewählt 
Bemerkenswert ist nicht nur die Struktur des Amtes, sondern auch dessen demokratische Legitimation. Der Landessuperintendent wird von der Synode der reformierten Kirche gewählt – geheim, auf sechs Jahre, mit einer notwendigen Zweidrittelmehrheit. In Stoffers Fall dauerte der Wahlprozess sechs Wahlgänge. Inhaltlich setzt der neue Landessuperintendent zunächst auf Wahrnehmung. Er besucht Gemeinden, spricht mit den Menschen. „Ich möchte verstehen, wie unterschiedlich die Realitäten sind“, erklärt er. Daraus soll ein gemeinsamer Prozess entstehen, den er als eine Art Zukunftswerkstatt beschreibt: die Frage danach, was es heißt, heute reformiert zu sein. Eine im Jahr 1996 verabschiedete Grundsatzerklärung dazu soll diskutiert und allenfalls weiterentwickelt werden – nicht als Bruch, sondern als Fortschreibung. Die großen Themen bleiben dabei konstant: Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung, Menschenwürde und Hoffnung. Gleichzeitig nimmt Stoffers aber eine zunehmende Anonymität, Vereinsamung und Verrohung in der Gesellschaft wahr, besonders auch in den digitalen Räumen.„Der Ton ist rauer geworden“, sagt er, „und die Bereitschaft, zuzuhören geringer.“ Gerade hier sieht der gebürtige Niedersachse eine Aufgabe der Kirche.

Politisch, aber nicht parteipolitisch
Stoffers widerspricht entschieden der Vorstellung, Religion solle aus dem öffentlichen Raum verschwinden. „Glaube ist persönlich, aber nie privat“, sagt er. Kirche dürfe zwar nicht parteipolitisch agieren, müsse sich aber politisch im ursprünglichen Sinn einbringen – im Raum der Gesellschaft. Jesus habe öffentlich gehandelt und Partei ergriffen, nicht für Macht, sondern für Menschenwürde. Sein Handeln und seine Worte sind die Grundlage kirchlicher Stellungnahmen zu Menschenrechten, sozialer Gerechtigkeit, Frieden und zur Bewahrung der Schöpfung. Eine vollständige Verdrängung religiöser Stimmen aus der Öffentlichkeit hält der 56-Jährige für riskant. „Dann wandert Religion in Hinterhöfe ab“, warnt er. In Räume ohne Dialog, ohne Korrektiv. Kirche müsse sichtbar bleiben, gerade um Gesprächsangebote zu machen.

Distanz, Ruhe und neue Zugänge
Kirchenaustritte und Traditionsabbrüche sieht Stoffers nicht isoliert. Sie beträfen viele Institutionen gleichermaßen. Kirchliche Wirksamkeit misst er daher nicht primär an Zahlen. „Entscheidend ist, ob wir der frohen Botschaft gerecht werden“, erklärt er. Religiosität sei oft größer als institutionelle Bindung. Viele Menschen suchten nicht Dogmen, sondern Entlastung. „Oft höre ich von Menschen: Der Gottesdienst ist die einzige Stunde in der Woche, in der niemand etwas von mir will.“
So können Gottesdienste und Spiritualität Räume der Ruhe eröffnen. Und genau darin liege ihre Kraft. Die ökumenische Jahreslosung „Siehe, ich mache alles neu!“ verbindet Stoffers mit der Erfahrung von Stille: Erst wer innehält, könne neue Möglichkeiten erkennen.

Hoffnung als gesellschaftliche Ressource
Am Ende kehrt der Landessuperintendent immer wieder zu einem Leitmotiv zurück: „Fürchtet euch nicht.“ Angst solle nicht verdrängt werden, dürfe aber nicht das letzte Wort haben. Hoffnung bedeute nicht Naivität, sondern Widerstand gegen Resignation. „Wir behalten unsere Würde“, sagt er, „auch wenn wir scheitern. Gottes Nähe gilt auch und gerade im Dunkeln, im Leid, in der Angst.“ Genau darin liegt die gesellschaftspolitische Dimension seiner Botschaft. Kirche versteht er nicht als moralische Instanz von oben, sondern als Gesprächsangebot. Nicht als fertige Antwort, sondern als Raum, in dem Fragen gestellt werden dürfen. In einer Zeit wachsender Polarisierung setzt Stoffers auf Dialog, auf das Aushalten von Unterschiedlichkeit und auf die Überzeugung, dass Vertrauen eine prägende Kraft ist.
Vielleicht ist es genau diese Haltung, die der reformierten Kirche ihre besondere Stimme gibt. Nicht laut, aber klar. Nicht mächtig, aber wirksam. Und immer getragen von der Hoffnung, dass die Angst nicht das letzte Wort behält.

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