J. Georg Friebe

Geboren 1963 in Mödling, aufgewachsen in Rankweil. Studium der Paläontologie und Geologie in Graz mit Dissertation über das Steirische Tertiärbecken. Seit 1993 Museumskurator an der Vorarlberger Naturschau bzw. der inatura Dornbirn.

(Foto: © J. Georg Friebe)

Von pistaziengrün bis grünlichschwarz, ein Baustein der Alpen und ein Schmuckstein

Februar 2026

Manche Minerale sind spektakulär. Sie bilden prachtvolle Kristalle und sind die Zierde so mancher Museumssammlung. Ausgewählte Exemplare besonderer Farbe und Reinheit werden zu Schmucksteinen geschliffen. Andere Minerale sind unscheinbar. Unbeachtet tragen die kleinen Körnchen als Gesteinsbildner zum Aufbau unserer Gebirge bei. Erst beim Studium ihrer Vergesellschaftung mit anderen Mineralarten erzählen sie über die Prozesse, die zur Entstehung des Gesteins geführt haben, über Druck- und Temperaturbedingungen, die vor Jahrmillionen im Erdinneren geherrscht hatten – lange bevor die Gesteine durch Gebirgsbildung und Herausheben sowie nachfolgende Abtragung ans Tageslicht kamen und für uns sichtbar wurden. Doch an besonderen Stellen können auch die Gesteinsbildner uns in ansehnlichen Kristallen entgegentreten. Und gelegentlich sind es auffallende Strukturen im Gestein, die dem aufmerksamen Wanderer ins Auge springen.
All diese Eigenschaften vereint der Epidot, das österreichische Mineral des Jahres 2026. Die Knappenwand im salzburgischen Untersulzbachtal ist wohl die berühmteste Epidotfundstelle der Welt. Bereits 1865 wurde sie durch Zufall entdeckt. Danach lieferte gezielter Bergbau über 100 Jahre lang die größten und weltbesten Epidotkristalle. Seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts ist das Naturhistorische Museum in Wien alleiniger Pächter der Knappenwand. Damit steht heute die wissenschaftliche Erforschung des Minerals, seiner Bildung und seiner Vergesellschaftung mit anderen Mineralen über der kommerziellen Profitgier. Die Fundstelle wurde zu Recht unter Schutz gestellt. Doch die prächtigsten Epidote wurden in der Anfangszeit des Abbaus geborgen. Die dunkelgrünen bis grünschwarzen Kristalle sind oft bizarr miteinander verwachsen. Nicht selten sind die stark glänzenden Aggregate mit haarförmiger Hornblende, dem Byssolith, aber auch mit anderen Kluftmineralen wie Apatit, Calcit (Kalkspat) oder Feldspat vergesellschaftet. In Calcit eingewachsene Kristalle wurden mit verdünnter Salzsäure herausgeätzt. Alte Erzählungen berichten von Kristallstufen von über 50 Zentimeter Größe sowie von armstarken Kristallen in wirr verwachsenen Drusen.
Doch diese einzigartige Mineralisation hätte niemals entstehen können, wäre der Epidot nicht bereits im Umgebungsgestein vorhanden. Während der Umwandlung und Heraushebung der Gesteine der Hohen Tauern führte Dehnung tief im Erdinneren zum Aufreißen von Zerrklüften, die heute – meist als Fundstellen von Bergkristallen – von Sammlern gezielt gesucht werden. In den Spalten sammelten sich hochmineralisierte Lösungen. Hier schlicht von „Wasser“ zu sprechen, wäre eine Verzerrung der Tatsachen. Die Temperaturen im Gestein lagen weit über dem Siedepunkt von Wasser. Doch der hohe Druck machte ein Verdampfen unmöglich. Solch eine Fluide Phase ist sehr aggressiv. Sie zersetzt das umgebende Gestein und reichert sich dabei mit Mineralstoffen an. Später, bei fortschreitender Heraushebung während der Gebirgsbildung, kühlt das Gestein ab – und mit ihm auch die Fluide Phase in der Kluft. Fließgleichgewichte werden verschoben, und die gelösten Stoffe müssen zwangsweise wieder auskristallisieren. Welche Mineralarten sich nun bilden, hängt davon ab, was zuvor gelöst worden ist. Weitere entscheidende Faktoren sind die Größe der Kluft (und damit das Platzangebot für die Kristalle) sowie die Abkühlgeschwindigkeit. Je langsamer die Lösung ihre Temperatur verliert, je ungestörter die Kristallisation abläuft, umso beeindruckendere Kristalle überziehen später die Kluftwände. Nur wenn die Spalte zu eng ist, wird sie vollständig gefüllt und „verheilt“.
Derart spektakuläre Kristalle, wie sie die Knappenwand in den letzten 160 Jahren geliefert hat, wird man in Vorarlberg vergeblich suchen. Aber auch hierzulande wird der Epidot von Sammlern geschätzt. Als Grundbestandteil ist er in vielen Gesteinen des hinteren Montafons südlich der Linie Rellstal – Kristbergsattel – Arlberg zu finden. In Amphiboliten ist er mit Hornblende vergesellschaftet, und beide Minerale tragen zur grünen Farbe des Gesteins bei. Wenn auch der gesteinsbildende Epidot tendenziell heller ist, lässt er sich erst durch spezielle Untersuchungsmethoden von den Hornblendemineralen unterscheiden: Dabei werden Gesteinsplättchen plan geschliffen und auf einem Glasträger montiert. Danach wird wieder geschliffen, bis die Gesteinsauflage auf dem Glas 20 Tausendstel Millimeter dünn ist. Unter dem Durchlichtmikroskop lassen sich nun die einzelnen Mineralkörner unterscheiden. Auch über die unterschiedliche Ablenkung von Röntgenstrahlen können die Gesteinsbildner identifiziert werden. Ohne all diese Hilfsmittel entdecken wir den Epidot aber an besonderen Stellen im Gestein – bei der Umrundung des Silvretta-Stausees sogar direkt am Weg. Die Gesteine des Montafons gehören zu einem anderen Stockwerk im Gebirgsbau als die Hohen Tauern. Hier wurden während der Heraushebung der Alpen nicht selten Gesteinspakete gegeneinander verschoben. Und auch in diesen Bewegungsbahnen zirkulierten heiße Lösungen, die den Epidot an den Verwerfungsflächen anreicherten. Diese erscheinen uns heute als glattpolierte, glänzende Flächen von intensiv (pistazien-)grüner Farbe. Kluftmineralisationen mit Epidotkristallen hingegen sind vergleichsweise selten. Am ehesten fündig wird man im Valschaviel, oder am Knappabergli bei der Burg über der Alpe Nova. Die Klüfte sind schmal, und gelegentlich sind sie mit Calcit verfüllt: Die Epidot-Kristalle müssen dann mit Säure freigeätzt werden. Sind sie auch kleiner als ihre Verwandten aus den Hohen Tauern, so geben sie dennoch ein bemerkenswertes Zeugnis über die Bildungsbedingungen unserer Alpen. Es lohnt sich, im Montafon nach Epidot Ausschau zu halten.

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