Oliver Ruhm

Oliver Ruhm (45) – er ist schon sein halbes Leben lang Unternehmer in der Vorarlberger Kreativbranche.

Ein Plädoyer für Erste Male

Februar 2026

Im Allgemeinen wird über Erste Male viel zu viel Drama gemacht, finde ich. Vermutlich hat das mit der Vorarlberger Mentalität zu tun. Wenn man was macht, dann richtig. Es gibt da auch ein eigenes Wort dafür, das ich nicht einmal nennen muss, so tief sitzt es uns in der Seele und wirft uns vorwurfsvolle Blicke zu.
Das Erste Mal auf Vorarlbergerisch sollte demnach so laufen: Gesprungen aus dem Stand, wie vom Turm. Nach Auerbach und vier Schrauben mitten in den Teich, respektive Boden- oder Lünersee. Kein Spritzer, kein Platscher, 9.3 Punkte. Und trocken aus dem Wasser steigen. Allein die Vorstellung baut ordentlich Druck auf, nicht? Und darum lassen wir so viele Erste Male einfach sausen. Sie ziehen an uns vorbei und bewerfen uns rücklings mit Konjunktiven: hätten, sollten, würden, könnten.
Meine Frau, Nadine, berichtete mir mal von einem Gespräch mit einer Freundin. Das ist schon eine Weile her, aber blieb mir stets präsent. Gerade mal 30 geworden, war ihr Eigenheim bereits abbezahlt und die Kinder aus dem ärgsten Dreck heraus. Auf Nadines Frage hin, was die Freundin mit der neu gewonnenen Freiheit als Nächstes plane, meinte diese: „Ach, in meinem Alter fange ich nichts Neues mehr an. Höchstens Golf.“
Aber was gibt es Besseres als den Nervenkitzel eines Ersten Mals? Da habe ich viel gelernt von Nadine, weil ihr ganz einfach der angeborene Respekt fehlt vor Dingen, die man landläufig nicht einfach ohne fundierte Ausbildung und Berufung macht oder – Gott behüte – einfach so anfängt. Bei ihr sind es meist handwerkliche Dinge: Siebdrucken, Lasercutten, Schweißen, Möbelbauen, Schneidern, Malen und Konstruieren. Nur vor Strom hat sie Respekt, lustig eigentlich, ist sie doch gelernte Betriebselektrikerin. Wie sagte Heath Ledgers Joker? „Alle haben einen Plan. Ich tue die Dinge einfach.“ Und während andere den dreizehnten geistigen Entwurf und Plan verfeinern, hat sie schon den Tacker leergetackert und ihren Akkuschrauber ausgepowert und etwas Neues ist entstanden. Nicht perfekt. Aber Wirklichkeit.
Mal schauen, was ich so vorweisen kann. Ich hab mich selbstständig gemacht ohne jedes Wissen von Betriebswirtschaft und Finanzen. (Hat entgegen vieler Prognosen geklappt, denn ich bin es 25 Jahre später immer noch.) Bei Partys probiere ich am liebsten neue Rezepte aus, vor allem wenn viele Gäste kommen (auch wenn sich der Lachs im Ölfass um zwei Stunden verspätet oder sich die 1,5-metrige Paellapfanne gefährlich durchbiegt.) Außerdem: unbekannte Reiseziele erkundet und Familien-Expeditionen ins Blaue überstanden, einen steirischen Porsche auf eBay gekauft, zig Fahrrad-Unikate gebaut, die Ruhmkugeln kreiert sowie spontan ein, zwei Häuser gekauft und einem Haufen Studierenden beigebracht, keine Angst vor den eigenen Ersten Malen zu haben. Und natürlich eine Kolumne geschrieben ohne zu wissen, wie sowas eigentlich geht.
Na, kribbelt es Ihnen schon unter der Schädeldecke, jucken die Finger, sind Ihre Pupillen erweitert und der Speichelfluss angeregt? Dann funktioniert der Text, Glück gehabt. Aber wie fängt man eigentlich am besten an? Gibt es einen Kurs, einen Experten, einen Guru für Erste Male? Oder gar ein ISO-Zertifikat?
In unseren Ersten Malen haben sich drei Regeln immer mehr verdichtet. Erste goldene Regel: Wenn’s läuft, dann läuft’s. Wenn Energie und Dynamik da ist, dann ist der Weg zwar manchmal ungewiss, aber meistens stimmt die Richtung. Zweite goldene Regel: Meistens klappt’s. Vielleicht nicht mit Auerbach und Schraube, aber auch kein Bauchklatscher! Und Nummer drei: Etwas ausprobieren ist immer besser, als es nicht versucht zu haben. Ich bewundere Menschen wie den japanischen Sushi-Meister Jiro Ono, die ihr Leben lang eine Fertigkeit perfektionieren. Kaizen, jeden Tag ein wenig besser. Aber noch mehr bewundere ich Menschen, die jeden Tag etwas Neues versuchen. Ohne Angst, mit offenem Herzen und Freude am Tun.
Dies hier ist eine unverblümte Werbung dafür, heuer viele Erste Male zu erleben. Aber es ist auch ein Liebesbrief an Nadine. Weil sie nicht „Warum?“ fragt, sondern immer „Warum nicht?“ Ich wünsche Ihnen allen einen solchen Menschen in Ihrem Leben. Aber zurück zum Turmspringen. Da gibt es auch eine Parallele zu Ersten Malen. Von oben sieht es immer höher aus als rückblickend vom Wasser. Also, Mut zusammennehmen und springen. Was will schon schiefgehen?

Kommentare

To prevent automated spam submissions leave this field empty.