Wolfgang Greber

*1970 in Bregenz, Jurist, Lehrer und Publizist, Schwerpunktthemen Geschichte, Militär- und Kraftfahrwesen, Vorarlbergensien. Ein Vierteljahrhundert bei der „Presse“, Ressort Außenpolitik.

Vom b’sundriga Lenz im Ländle

April 2026

Der Frühling hat hier eine ganz eigene Atmosphäre, Farben und Gerüche. An zauberischen Orten wie der Rankler Bergkirche, dem Gasthaus am Rohr, dem Ried und dem Bodensee spürt man ihn besonders intensiv. Aber net vergessa uf‘s Schaffa im Garta!

Ach, wie macht der Frühling die Welt uns schön! Wie er das spröde graue, braune, beige und mattgrüne Hintergrundbild des Winters übermalt mit Punkten, Flecken und Gesprüh aus Gelb, Weiß, Rosa, Purpur, Sattgrün. Ich möcht ihm huldigen mit einem Gedicht, und weil die von Wien ausgegangene intellektuelle Bildungsposer-Debatte über die Bedeutung der lateinischen Sprache an Schulen auch Vorarlberg erreicht hat, geschehe es mit diesen Zeilen aus der „Carmina Burana“:
Ecce gratum et optatum
ver reducit gaudia:
purpuratum floret pratum,
sol serenet omnia.
iam iam cedant tristia!
estas redit,
nunc recedit
hiemis sevitia. Ah! (*)

 
Ach, im Ländle ist der Frühling besonders schön. Nicht, dass es jetzt in Ostösterreich weniger bunt und aufheiternd wäre, aber in der engen Kompaktheit Vorarlbergs mit dem dichten Nebeneinander von Seelandschaft, Tälern und Bergen ist es noch bunter und intensiver. Gegen die von Gärten durchmusterten Vorarlberger Gemeinden wirken die urbanen Straßenschluchten Wiens auch im Lenz tendenziell griesgrämig und auf die Leut abfärbend, da helfen all die Bäume und Parks nur mäßig, aber okay: In grüneren Randbezirken ist’s ähnlich wie in V. Allerdings: „Wien ist schön, aber die Leit, die Leit!“, lautet ein Spruch. Oder wie’s der Wiener Musiker Georg Kreisler (1922-2011) formulierte: „Wie schön wäre Wien ohne Wiener“.
In V war ich unlängst wieder oben bei der Rankler Bergkirche, oder Basilika, die auf dem rund 50 Meter über dem Ortskern aufragenden Liebfrauenberg thront. Der Ausblick von dort, speziell von den hölzernen Wehrgängen, ist im Frühling fantastisch, wenn alles ringsum in Farben explodiert und auf den Schweizer Bergen noch Schnee liegt.
Etwa 400 Meter entfernt im Nordwesten hinterm Funkabühel sieht man das Haus, wo mein Vater aufwuchs. Als ich ein Kind war, ist er oft mit mir zur Bergkirche gegangen, auf dem unteren Friedhof ruhten meine Großeltern, und weil es hier auch einige spukige Dinge gibt, hab ich ein spezielles Verhältnis zu dem Ort, den ich gern aufsuche. Das liegt etwa am Skelett im Glaskasten mit dem verzierten rot-goldenen Gewand. Ich hab bis heute Angst, dass es sich bewegt! Angeblich ist es der Heilige Benedikt, der Märtyrer. Es gibt aber mehrere mit diesem Namen. In Wahrheit ist’s ein „Katakombenheiliger“: Das sind Skelette meist Unbekannter aus der frühchristlichen Ära, die man aus Roms Katakomben holte und als angebliche Opfer von Christenverfolgungen beziehungsweise Märtyrer (was ihnen Heiligkeit eintrug) über die Alpen exportierte.
Dann sind da die düsteren Holztafelbilder mit den Legenden der Heiligen Fridolin und Eusebius. Letzterer war ein schottischer Benediktiner, der jahrzehntelang auf dem Viktorsberg lebte und in der Region missionierte. Anno 884 schimpfte er in Brederis mit einem Bauern, well ar am Sunntig uf ‘m Feld g’schaffat hot. Der Bauer wurde sauer und schnitt dem Mönch mit einer Sense den Kopf ab, doch der Körper nahm den Kopf mit den Händen auf und trug ihn zurück auf den Viktorsberg. Wie auf dem Bild das Blut aus dem durchtrennten Hals spritzt, wirkt immer noch gruselig.
Nicht minder das Bild daneben: Da stehen Fridolin und ein Skelett vor Gerichtsbeamten, die erschrocken dreinschauen. Was isch dô gsi? Der irische Mönch leitete ein Kloster nahe Basel und brachte einen gewissen Ursus, einen der Big Bosse im heutigen Kanton Glarus, dazu, seine Ländereien dem Kloster zu vermachen. Nach Ursus‘ Tod focht sein Bruder Landolf das Vermächtnis vor dem Landgericht in Rankweil an, dessen Richter er bestach und Zeugen kaufte. Fridolin ging nun zum Grab von Ursus, der seit zwei Jahren tot war. Auf Aufforderung des Mönchs stieg der Leichnam aus dem Grab. Beide spazierten nach Rankweil, wo Ursus seine Verfügung bestätigte und dann ins Grab zurückkehrte. Landolf war nun psychisch so k.o., dass auch er Fridolin sein Vermögen schenkte.
Das Wunder soll 498 passiert sein, da war das Weströmische Reich seit erst gut 20 Jahren passé. Fridolin erhielt angeblich die Idee zu der Aktion mit Ursus in einem Wald bei Rankweil von einer Erscheinung, während er auf einem Felsen kniend betete. Dabei wurde der Stein weich und die Knie sanken ein. Der rötlich-weißliche Block liegt seit etwa 1690 in einer höhlenartigen Kapelle am östlichen Kirchenaufgang. Ich bin oft in die Vertiefungen gekniet, das soll bei Gliederschmerzen helfen. Leider war die Kapelle über viele Jahre stets zu, wenn ich dort war. Kürzlich fand ich die Tür wieder offen vor. Das war erhebend. Gegen das Rückenweh hat das Reinknien in den Stein nicht recht geholfen bisher.
Vielleicht bewirkt der Frühling noch Wunder. Im Ländle wär jetzt eine Radtour angebracht. Meine Lieblingsroute führt von Rankl längs der Frutz mit ihren Wäldern beidseits und Wasserfällen zum Rhein, über Koblach und Mäder zum Alten Rhein und zum Gasthaus am Rohr am Luschnouar Ufer. Welch magischer Ort, sie haben dort schon im April Konzerte im Freien. Wer „s’ Rohr“ je zu später Stunde tüchtig illuminiert (Moscht!) verlassen hat, wird sich immer an „die Lichter“ erinnern, die bunten Punkte der Lichterketten zwischen den Bäumen.
Weiter geht’s durch die blühenden Weiten des Rieds zum Jannersee, über die Bregenzer Ach und flussabwärts durch den Dschungel Neu Amerikas vorbei am Wocherhafen, an Mehrerau und Festspielhaus zum Bregenzer Hafen und zur Endstation an der Pipeline bei der Mili. Man sieht, spürt, hört und riecht das Frühlingserwachen, wenn an Molo und Pipeline die Leut wieder sonnen, Partys sind und man gewisse Kräutlein riecht, wenn der Kiosk bei der Mili offen hat und das Wasser nimmer so hart zum Baden ist wie im Winter. (Yes, ich bin einer der schrägen Vögel, die am Steg bei der Kaserne auch bei um die 5 Grad ins Wasser steigen, einige Minuten halt, am liebsten in der Morgendämmerung. Der Kälteschmerz hat etwas Reinigendes und lüftet den Kopf durch. Jetzt geht’s wieder auf mildere 10 Grad zu.)
Apropos riechen: Vorarlberg riecht anders als der Osten, es hat sein eigenes Aroma-Terroir. Das liegt etwa an der Botanik und nicht zuletzt an den gedüngten Wiesen und den Kühen im Freiland. Die Ländle-Duftmarke fiel meinem Buben schon auf, als er klein war, und dass es bei der Fahrt nach V schon im Allgäu so riecht.
Man kann auf die Dornbirner Frühjahrsmesse gehen (9. bis 12. April), um zu sehen, was hüür wiedr g’hörig isch. Das große Garten-Herrichten, Anpflanzen, Umtopfen, Vertikutieren und Mähen hat schon eingesetzt, gern begleitet von a paar Bierle und Aperol. So machen wir uns den Frühling noch schöner. Und wenn’s amôl gruusig reagnat, ka ma jô da Kear fürba.

(*) Siehe, der holde und lang ersehnte
Frühling bringt die Freuden zurück:
In Purpur blüht die Wiese,
die Sonne macht alles heiter.
Sogleich vergehe die Traurigkeit!
Der Sommer kehrt zurück,
nun weicht des Winters Strenge. Ah!

* Carmina Burana ist der Name einer illustrierten Sammlung von rund 250 Liedern aus dem 11. bis 13. Jahrhundert, die 1803 im Kloster Benedikt­beuren in Bayern entdeckt wurde. Die Texte, von denen viele Bezug zum Frühling haben, sind in mittelalterlichem Latein, Mittelhochdeutsch, Altfranzösisch und Provenzalisch.
Der deutsche Komponist Carl Orff hat um 1936 herum 24 der Lieder im berühmten gleichnamigen Musikwerk vertont.

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