Eva Niedermair

Redakteurin Thema Vorarlberg

(eva.niedermair@themavorarlberg.at)

Die Unsichtbaren – Wenn Jugendliche im System verloren gehen

April 2026

Poly-Direktorin Bettina Prax über Bildungsabbrüche, fehlende Basiskompetenzen und warum Schule heute mehr leisten muss als je zuvor.

Sie verschwinden einfach. Nach neun Jahren Pflichtschule sind sie plötzlich weg – keine Lehre, keine Schule, keine Perspektive. Im System tauchen sie kaum noch auf. „Wir nennen sie manchmal U-Boote“, sagt Bettina Prax, Direktorin der Polytechnischen Schule Bludenz. Jugendliche, die abtauchen, ohne dass jemand wirklich weiß, wie es für sie weitergeht.
Dabei gilt in Österreich die Ausbildungspflicht bis 18. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Immer mehr junge Menschen verlieren schon früh den Anschluss – lange bevor sie überhaupt eine Chance auf eine Lehrstelle haben. In Bludenz wird sichtbar, was das konkret bedeutet. „Wir haben Schüler, die mit 15 zu uns kommen, aber erst auf dem Niveau der fünften oder sechsten Schulstufe sind“, sagt die Direktorin. Viele kämpfen mit grundlegenden Defiziten beim Lesen und Rechnen. 

Wenn Grundlagen fehlen
Was im Klassenzimmer beginnt, setzt sich später im Berufsleben fort. Denn diese Defizite bleiben nicht folgenlos. Wer Texte nicht sinn­erfassend versteht, hat es schwer – in der Berufsschule ebenso wie im Arbeitsalltag. „Wenn jemand nicht versteht, was er liest, hat er kaum eine Chance, eine Berufsschule zu bestehen oder eine Arbeitsanleitung im Betrieb zu verstehen“, betont Prax. Gleichzeitig zeigt sich ein weiteres Problem: Immer mehr Jugendliche verschwinden nach der Pflichtschule ganz aus dem System. 
Hier kommt die Koordinierungsstelle für Ausbildungspflicht (KOST) ins Spiel: Sie nimmt Kontakt zu jenen Jugendlichen auf, die nach der Schule in keiner Ausbildung sind. Doch bis es so weit ist, vergehen oft Monate – und für viele ist der Anschluss dann bereits brüchig geworden. Was folgt, ist oft ein schleichender Verlust von Struktur, Motivation und Perspektive. 
Die Polytechnische Schule versucht gegenzusteuern. Sie setzt dort an, wo viele Bildungsbiografien ins Wanken geraten: bei den Basiskompetenzen. Doch die Ausgangslage ist schwierig. In Österreich zählt die Dauer der Schulpflicht, nicht zwingend die erreichte Schulstufe. Das führt dazu, dass Jugendliche die Schule verlassen können, ohne grundlegende Fähigkeiten ausreichend entwickelt zu haben. 
In Bludenz betrifft das mehrere Dutzend Schülerinnen und Schüler. Sie sind alle gleich alt wie ihre Mitschüler, haben aber teils massive Lernrückstände. „Viele dieser Jugendlichen haben Grundlagen nie wirklich erlernt – Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten“, sagt die Direktorin. Um ihnen gerecht zu werden, unterrichten wir sie gezielt in eigenen Gruppen. „Wenn ich von ihnen verlange, den Stoff der neunten Schulstufe mitzumachen, sind sie chancenlos.“

Eine wachsende Gruppe 
Gleichzeitig wächst eine zweite, noch schwerer greifbare Gruppe: Jugendliche ohne jede Anbindung. Sie besuchen weder Schule noch Ausbildung und verlieren zunehmend den Kontakt zum System. „Wenn ein junger Mensch keine Anbindung hat, verliert er irgendwann seine Schüler- oder Lehrlingsidentität“, erklärt die Pädagogin. 
Mit dieser Entkoppelung geht oft mehr verloren als nur Bildung. Tagesstruktur, Selbstvertrauen und Zukunftsperspektiven geraten ins Wanken. Zwar gibt es Institutionen, die versuchen gegenzusteuern, doch nicht alle Jugendlichen lassen sich erreichen. „Diese Gruppe wächst“, sagt die Direktorin. Für sie ist klar: Die bestehenden Angebote reichen nicht aus. 

Die stille Krise beim Lesen 
Besonders deutlich wird diese Entwicklung beim Lesen. Ein internes Screening an der Schule zeigt: Rund ein Drittel der Jugendlichen kann Texte nicht sinnerfassend verstehen. „Wenn jemand nicht sinnerfassend lesen kann, sind sehr viele Türen verschlossen“, sagt Prax. 
Lesen ist eine Schlüsselkompetenz – im Unterricht ebenso wie im Berufsalltag. Ohne sie wird es schwierig, Zusammenhänge zu erfassen, Wissen aufzubauen oder eigenständig Entscheidungen zu treffen. Für die Betroffenen bedeutet das nicht nur schulische Probleme, sondern oft auch ein Gefühl des Scheiterns. 

Ein neuer Ansatz
Aus dieser Situation heraus ist ein Projekt entstanden, das genau hier ansetzt: das Train-the-Trainer-Programm. Gemeinsam mit der Wirtschaftskammer Vorarlberg wurde ein Konzept entwickelt, das Lehrpersonen gezielt darin schult, Lesekompetenz systematisch zu fördern. 
„Wenn wir wollen, dass Lesen besser wird, müssen wir auch Lehrpersonen entsprechend ausstatten“, sagt die Direktorin. Denn die Vermittlung dieser grundlegenden Fähigkeit sei in der bisherigen Ausbildung nicht ausreichend verankert. Die Unterstützung durch die Wirtschaftskammer war dabei entscheidend. Sie hat nicht nur den Bedarf erkannt, sondern auch die Umsetzung möglich gemacht. Für Prax ist das ein starkes Signal: „Die Wirtschaft versteht, dass Basiskompetenzen die Grundlage für jede Ausbildung sind.“ Am Standort Bludenz wird das Konzept bereits konkret umgesetzt. Eine eigene Lesestunde wird gezielt genutzt, um unterschiedliche Teilbereiche zu trainieren – von Leseflüssigkeit bis Textverständnis. Regelmäßige Überprüfungen sollen zeigen, ob die Maßnahmen greifen. 

Mehr als nur ein Übergangsjahr 
Für viele Jugendliche ist die Polytechnische Schule weit mehr als eine Zwischenstation. Sie ist ein Ort, an dem Grundlagen nachgeholt und Perspektiven neu aufgebaut werden. Neben fachlichen Kompetenzen spielt auch die persönliche Entwicklung eine zentrale Rolle. „Ein junger Mensch braucht drei Dinge: Autonomie, Kompetenz und Beziehungen“, sagt die Direktorin. Wer das Gefühl habe, etwas zu können, selbst Entscheidungen treffen zu dürfen und Teil einer Gemeinschaft zu sein, habe deutlich bessere Chancen, seinen Weg zu finden. Und viele schaffen das auch. Jahr für Jahr schließen zahlreiche Lehrlinge ihre Ausbildung erfolgreich ab. Doch der Blick richtet sich oft auf jene, bei denen es nicht gelingt. 

Ein System unter Druck
Die größte Herausforderung besteht darin, niemanden zurückzulassen. Denn hinter jedem „U-Boot“, das im System verschwindet, steht ein junger Mensch mit einer eigenen Geschichte – oft geprägt von Brüchen, Krisen oder fehlender Unterstützung. Für die Pädagogin ist klar: Es braucht mehr als punktuelle Maßnahmen. Es braucht ein System, das flexibel genug ist, auf unterschiedliche Lebensrealitäten zu reagieren – und das rechtzeitig ansetzt, bevor Jugendliche den Anschluss verlieren. 
Denn wenn sie einmal abtauchen, wird es schwierig, sie wieder zurückzuholen. Und dann geht es nicht nur um Bildung. Sondern um die Frage, welche Chancen eine Gesellschaft ihren jungen Menschen tatsächlich bietet.

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