
Je früher, umso besser!
Im vergangenen Monat habe ich in dieser Kolumne berichtet, warum Durchhaltevermögen so wichtig ist und dass der Vorarlberger Spruch „Nit lugg lo“ als Erfolgsformel gelten kann. Ebenso wie Durchhaltevermögen sind im Beruf auch Geduld und soziales Verhalten wichtig. Kann man diese Eigenschaften trainieren und falls ja, wann ist das beste Alter dafür? Wir haben das mit über 3000 Kindern im Alter von 7-11 Jahren untersucht.
Geduld und soziales Verhalten zahlen sich im Berufsleben aus. Im volkswirtschaftlichen Sinn meint Geduld, dass man heute auf etwas verzichtet, um in der Zukunft besser dazustehen.
Jede Bildungsinvestition ist eine Form von Geduld: Wer länger die Schulbank drückt, kann weniger schnell eigenes Geld verdienen, macht das aber in der Erwartung, dass sich die längere Ausbildung auszahlt. Auch Altersvorsorge passt zu diesem Verständnis von Geduld. Man konsumiert in der Gegenwart nicht das ganze verfügbare Einkommen, sondern legt etwas für das Alter auf die Seite (um dann nicht nur auf das in Finanzierungsschwierigkeiten steckende staatliche Pensionssystem angewiesen zu sein). Selbst Gesundheitsvorsorge hat ökonomisch mit Geduld (oder Selbstkontrolle, wie Psychologen sagen würden) zu tun, weil es Überwindung braucht, anstatt mit der Tüte Chips vor dem Fernseher ein Fußballspiel anzusehen, selbst eine Runde laufen zu gehen. Geduldigere Menschen sind im Schnitt besser ausgebildet, verdienen mehr Geld, erreichen höhere Positionen in ihren Berufen und sind gesünder.
So wie Geduld hilft auch soziales Verhalten im Berufsleben, ganz entgegen der Vorstellung, dass man es im Beruf nur mit „Ellenbogentechnik“ zu etwas bringt. Soziale Fähigkeiten werden immer wichtiger, weil es immer weniger Routinearbeiten gibt. Dadurch müssen die Tätigkeiten verschiedener Menschen miteinander koordiniert werden, um Arbeitsschritte effizienter auszuführen. Im Fall widerstrebender Interessen muss man Kompromisse finden können, was eher gelingt, wenn man die Fähigkeit besitzt, andere Menschen von besseren Lösungen überzeugen zu können. Letzteres geht oft leichter, wenn man im Falle von Konflikten die Sichtweise anderer Menschen auf die betreffende Situation verstehen kann, weil man sich in ihre Lage versetzen kann. Alle diese Aspekte beschreiben genau das, was man als soziale Fähigkeiten bezeichnet. Viele Studien zeigen, dass solche Fähigkeiten den beruflichen Aufstieg leichter machen.
Angesichts der Bedeutung von Geduld und sozialem Verhalten stellt sich natürlich die Frage, woher man beides bekommt. Es scheint einen gewissen Zusammenhang mit dem Elternhaus zu geben: Geduldigere Eltern haben im Schnitt etwas geduldigere Kinder und das Gleiche gilt auch für das soziale Verhalten. Es gibt auch einen Zusammenhang zu höherer Bildung und höherem Einkommen der Eltern, die in der Regel mit mehr Geduld und sozialerem Verhalten der Kinder einhergehen. Diese Resultate suggerieren aber, dass manche Kinder weniger gute Startvoraussetzungen als andere haben. Können Bildungsinterventionen solche Startnachteile eventuell ausgleichen oder zumindest verringern?
In der ökonomischen Literatur gibt es eine große Forschungsrichtung, die sich mit der Frage beschäftigt, wann sich sogenannte nicht-kognitive Fähigkeiten – wozu Geduld und soziales Verhalten zählen – ausbilden (es geht dabei also nicht um das, was man gemeinhin Intelligenz oder eben kognitive Fähigkeiten nennt). Eines der ersten theoretischen Modelle dazu stammt vom Wirtschaftsnobelpreisträger James Heckman von der Universität Chicago, dessen Credo „je früher, umso besser“ ist. Die Idee besteht darin, dass sich nicht-kognitive Fähigkeiten am stärksten in den ersten Lebensjahren entwickeln und dass deshalb nach Möglichkeit in dieser Phase des Lebens mögliche Interventionen zur Unterstützung solcher Fähigkeiten umgesetzt werden sollten.
In einer kürzlich fertiggestellten Studie haben wir mit über 3000 Grundschulkindern im Alter von sieben bis elf Jahren untersucht, ob soziales Verhalten und Geduld gesteigert werden können, und falls ja, was denn das beste Alter für eine Intervention ist. Die Studie haben wir in Bangladesch durchgeführt, weil einer unserer Koautoren von dort stammt und einen direkten Draht zum dortigen Bildungsministerium hat. Das ermöglichte es uns, in über 130 Schulen während eines ganzen Schuljahres das „Skills for Growing“-Programm von Lions Quest umzusetzen. Das Programm zielt ganz generell darauf ab, junge Menschen beim Heranwachsen zu unterstützen. Kinder lernen durch verschiedenste Übungen, sich Ziele zu stecken, sich um andere zu kümmern, Beziehungen aufzubauen und verantwortungsbewusst zu handeln. Im Hinblick auf das Treffen von Entscheidungen werden sie beispielsweise trainiert, einen „Ampelansatz“ zu verfolgen: einen Schritt zurücktreten, sich beruhigen (rote Ampel), über die eigenen Optionen und die Konsequenzen nachdenken (gelbe Ampel) und dann eine bewusste Entscheidung treffen und diese umsetzen (grüne Ampel).
Wir haben das „Skills for Growing“-Programm in jeder der Schulstufen zwei bis fünf durchgeführt und die Auswirkungen auf Geduld und soziales Verhalten mit Kindern in Schulen verglichen, in denen das Programm nicht eingeführt worden war. Insgesamt zeigt sich, dass sowohl Geduld als auch soziales Verhalten durch das Training zunehmen. Ganz besonders wichtig ist aber die Einsicht, dass eine frühere Einführung (also etwa in der zweiten Schulstufe statt in der fünften) stärkere Effekte zeigt. Diese Erkenntnisse bestätigen Heckmans Credo, dass eine frühere Förderung nicht-kognitiver Fähigkeiten besser als eine spätere ist.
Dass manchmal sogar schon geringe Unterschiede im ersten Lebensjahr einen großen Einfluss auf die weitere Entwicklung im Leben haben können, darum dreht sich meine Kolumne im kommenden Monat.









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