
Gestaltung mit Haltung
Sigi Ramosers Ziel war es von Anfang an, ein Gestaltungsbüro aufzubauen, das öffentlich wirksame Vermittlungsarbeit leistet. Gestaltung soll Orientierung geben und gesellschaftlich etwas bewirken. Ihn interessierte immer, wie sich gute Produkte, Ideen oder öffentliche Projekte verständlich vermitteln lassen. Gestaltung war für ihn dabei aber nie Selbstzweck, sondern eine Vermittlungsdisziplin. Dieses Jahr feiert der Grafiker und Kommunikationsberater 40 Jahre Selbstständigkeit.
Herr Ramoser, viele Kreative gestalten um der Gestaltung willen. Bei Ihnen hatte Design immer einen konkreten Zweck.
Ich wollte immer, dass Gestaltung etwas Positives bewirkt. Dabei geht es mir nicht nur um soziale oder öffentliche Projekte. Mich begeistert genauso ein innovatives Industrieunternehmen, wenn es nachhaltig wirtschaftet, fair mit Mitarbeitenden umgeht und verantwortungsvoll handelt. Die entscheidende Frage lautet für mich: Hilft dieses Produkt der Welt ein Stück weiter? Nicht im Sinne von Wohltätigkeit, sondern im Sinne von Sinnhaftigkeit.
Brauchen Sie deshalb eine persönliche Identifikation mit den Auftraggebern?
Ja, wobei ich kein Moralapostel bin. Ich fahre Auto, konsumiere und bin Teil dieser Welt. Trotzdem wollte ich nie Werbung machen, die ausschließlich und ohne Rücksicht dem Profit dient. Mich interessiert, Bestehendes zu verbessern, nachhaltiger zu gestalten und sinnvoll weiterzuentwickeln. Deshalb habe ich für bestimmte Bereiche klare Grenzen gezogen: Waffen oder Tabak würde ich nie bewerben, bei Alkohol bin ich heute deutlich kritischer als früher. Es geht mir nicht darum, moralisch zu urteilen, sondern Projekte zu unterstützen, die Menschen helfen und Verhältnisse verbessern.
Sie haben ursprünglich als Dekorateur und Werbegrafiker begonnen und später Grafikdesign in München studiert. Was hat Sie dort geprägt?
Vor allem die Neugier. Und die Erkenntnis, dass gute Gestaltung Menschen abholen muss. Mich hat immer fasziniert, wie man Informationen so aufbereitet, dass sie gerne angesehen werden, verständlich sind und Orientierung bieten. Genau das wollte ich lernen: Dinge klar, sympathisch und informativ zu gestalten. Dieser Anspruch begleitet mich bis heute.
Und doch hat sich Ihre Arbeit in den 40 Jahren verändert.
Damals ging es oft stärker um die schnelle Begleitung des Alltags. Heute konzentrieren wir uns auf langfristige Grundlagenarbeit. Wir entwickeln Marken, Gestaltungssysteme und Manuals, die über viele Jahre funktionieren. Das entsteht heute nicht mehr allein. Ich habe das Glück, mit einem Team zu arbeiten, das diesen Anspruch mitträgt und ständig weiterentwickelt.
Fällt es Ihnen leicht, solche Projekte dann auch loszulassen?
Ja, weil genau das der Sinn eines guten Systems ist. Wenn man Markenentwicklung ernst nimmt, muss man Systeme schaffen, die weiterleben können. Das ist völlig in Ordnung, weil die Grundidee funktioniert. Der VW Käfer fährt schließlich auch ohne die Konstrukteure auf dem Rücksitz.
Ein wichtiger Schwerpunkt wurde die Signaletik. Wie ist es dazu gekommen?
Das begann vor etwa 25 bis 30 Jahren mit einem Vortrag von Rudi Baur. Dort hörte ich erstmals den Begriff „Signaletik“ – und war sofort begeistert. Ich begann, mich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen, studierte Beispiele, hielt Vorträge und gewann erste Kunden. Zu den ersten Auftraggebern gehörten die Diözese Feldkirch und die Arbeiterkammer Vorarlberg. Mit jedem Projekt habe ich dazugelernt.
Die Faszination hält bis heute an.
Signaletik ist weit mehr als Wegweisung. Sie schafft Orientierung, macht Identität sichtbar und erzählt Geschichten. Ein Leitsystem vermittelt den Charakter eines Ortes und kann Atmosphäre sowie Inhalte transportieren. In der Arbeiterkammer haben wir etwa historische Meilensteine des Arbeitsrechts in den Raum integriert. So wird Warten zugleich zu einem Stück Geschichte. Ich nenne das „erzählende Räume“.
Und wie wird sich das in den kommenden Jahren verändern?
Ich glaube, dass sich gerade zwischen analoger und digitaler Orientierung sehr viel bewegen wird. Wir werden nicht nur über Schilder sprechen, sondern viel stärker über Atmosphäre, Materialität und Aufenthaltsqualität. Signaletik bedeutet künftig noch mehr, Räume zu gestalten, in denen Menschen sich wohlfühlen, zur Ruhe kommen und gleichzeitig Orientierung finden.
Gibt es Projekte, die Sie heute anders machen würden?
Gestalterisch erstaunlich wenige. Wenn etwas nicht optimal gelaufen ist, lag es meistens nicht an der Gestaltung selbst. Häufig haben sich Rahmenbedingungen verändert, Verantwortlichkeiten gewechselt oder Konstellationen verschoben. Gestaltung kann sehr viel leisten, aber sie ist immer Teil eines größeren Systems. Und wenn sich dieses System verändert, verändert sich manchmal auch das Ergebnis.
Sie sprechen von Fairness und langfristigen Partnerschaften.
Ein Projekt gelingt dann, wenn alle Beteiligten Verantwortung übernehmen. Es braucht Neugier auf das gemeinsame Ziel, von der ersten Idee bis zur Umsetzung. Viele glauben, Gestalter seien Künstler, die möglichst frei arbeiten wollen. Das mag manchmal stimmen. Mir ist aber etwas anderes wichtiger: dass alle Beteiligten den gleichen Anspruch haben, das Projekt wirklich erfolgreich zu machen. Dann entsteht Qualität fast automatisch.
Das klingt fast wie eine gute Ehe.
(Lacht.) Tatsächlich gibt es einen schönen Satz dazu: Liebe ist die bedingungslose Neugier an der Entfaltung des Anderen. Genau so sehe ich auch Projekte. Auftraggeber und Gestalter müssen neugierig darauf sein, was gemeinsam entstehen kann. Wenn beide Seiten diese Haltung mitbringen, natürlich unter den realen Rahmenbedingungen von Budget, Zeit und Machbarkeit, dann entstehen meist die besten Ergebnisse.
Man lernt aus diesen Kundenbeziehungen?
Früher habe ich oft versucht, jeden Auftrag möglich zu machen. Heute weiß ich, dass es manchmal besser ist, einen Auftrag auch nicht anzunehmen. Wenn ich merke, dass unsere Haltung oder unsere Arbeitsweise nicht zum Kunden passt, dann hilft das am Ende niemandem, weder meinen Mitarbeitenden noch dem Auftraggeber. Diese Erkenntnis ist erst mit den Jahren gekommen.
Kaum ein Thema beschäftigt die Kreativbranche derzeit so sehr wie Künstliche Intelligenz. Wie blicken Sie darauf?
Mit großem Interesse. Ich glaube, KI wird unsere Branche massiv verändern. Sie ist weit mehr als nur ein Werkzeug. Sie wird viele Arbeitsabläufe beschleunigen. Gerade im Gestaltungsbereich gibt es unzählige Aufgaben, die früher Tage gedauert haben und heute innerhalb weniger Stunden erledigt werden können. Listen erstellen, Daten aufbereiten, Varianten entwickeln oder erste Entwürfe vorbereiten – dafür ist KI unglaublich leistungsfähig. Wir müssen lernen, diese Möglichkeiten intelligent einzusetzen.
Macht Ihnen diese Entwicklung Sorgen?
Ich weiß nicht, ob wir künftig noch gleich viele Mitarbeitende brauchen. KI wird vieles effizienter machen und austauschbare Arbeiten zunehmend automatisieren. Was jedoch bleibt, sind Erfahrung, Haltung, Empathie und die Fähigkeit, Zusammenhänge zu verstehen. Wer eine Marke oder ein Orientierungssystem entwickelt, muss zuhören, Fragen stellen und Verantwortung übernehmen. Dabei kann KI unterstützen, aber den Menschen nicht ersetzen.
Wo sehen Sie die größte Chance?
Dass wir wieder mehr Zeit für das Wesentliche haben. Mich begeistert seit jeher das Entwickeln von Ideen, das Entwerfen von Systemen und das gemeinsame Nachdenken mit Kunden. Wenn KI uns Routineaufgaben abnimmt, gewinnen wir mehr Zeit für genau diese Arbeit. Gute Gestaltung entsteht nicht durch Geschwindigkeit, sondern durch das Verstehen von Zusammenhängen.
Was macht Sie besonders stolz, wenn Sie heute auf Sägenvier blicken?
Nicht einzelne Auszeichnungen oder Projekte. Am meisten freut mich, dass aus einem kleinen Gestaltungsbüro ein Team geworden ist, das Verantwortung übernimmt und gemeinsam denkt. Mit Leonie arbeitet bereits die nächste Generation mit, Jonas bringt als angehender Architekt wieder neue Perspektiven ein. Das macht mir Freude – weil Gestaltung immer dann am stärksten ist, wenn sie weitergegeben wird.
Das klingt nach Pensionsgedanken.
2027 darf ich um meine Pension ansuchen – aber ich nehme mir vor, weiterzuarbeiten, solange ich gesund bin und frisch in die Welt denken kann und es meine Kinder und meine Frau unterstützen. Alberto Giacometti meinte – was soll ich aufhören, ich bin ja noch nicht fertig – das gefällt mir sehr gut.
Wenn Sie nach vorne schauen, worauf freuen Sie sich am meisten?
Auf alles, was kommt. Ich freue mich über meine Familie, über unser Team und über unsere Kunden. Und ich freue mich darüber, dass Projekte, die wir angestoßen haben, von anderen weiterentwickelt werden. Vielleicht ist genau das der schönste Gedanke nach 40 Jahren: dass gute Gestaltung weiterlebt.
Und wenn Sie nicht Gestalter geworden wären?
(Lacht.) Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Ich wollte schon als Jugendlicher Grafiker werden, obwohl ich damals kaum wusste, was dieser Beruf eigentlich ist. Eine echte Alternative hat es für mich nie gegeben. Vielleicht wäre ich Philosoph geworden. Aber wahrscheinlich bin ich genau dort gelandet, wo ich hingehöre.
Zur Person
Sigi Ramoser hat ursprünglich eine Lehre als Dekorateur und Werbegrafiker absolviert. Im Anschluss studierte er Grafikdesign in München. Heute leitet er Sägenvier DesignKommunikation. Ramoser greift auf eine über 40-jährige Berufserfahrung und vielfältige Projektpartnerschaften zurück. In den vergangenen 25 Jahren hat sich das Büro neben den klassischen Aufgaben auf die Gestaltungsdisziplin Signaletik spezialisiert.









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