
Benedikt Mäser ist Geschichte – das Wissen lebt weiter!
Das Phänomen des „Knowledge Spillover“ am Beispiel der Vorarlberger Textilindustrie.
Wissen ist ein zentraler Bestandteil des immateriellen Unternehmensvermögens. Bei Benedikt Mäser Dornbirn wurde über mehr als 100 Jahre ein großes Wissen zur Produktion und Vermarktung von Textilien aufgebaut. Es gelang, eine Marke zu etablieren. Als mehrstufiger Betrieb geführt, gab es Wissen über die gesamte Wertekette. Mit dem Konkurs im Jahre 2001 verschwand das traditionsreiche Unternehmen. War damit auch das Wissen verloren? Nein, im Gegenteil! Ehemalige Mitarbeiter von Mäser sind regional oder sogar international tätig. Anhand von drei Beispielen lässt sich zeigen, wie dieses Wissen in neuen Unternehmen weiterlebt und zur Grundlage neuer Geschäftsmodelle wurde. Damit wird sichtbar, wie „Knowledge Spillover“ in der Praxis funktioniert.
Phil Petter
Kurt Petter absolvierte in den 1960ern bei Mäser eine Lehre und lernte dort viel über die Produktion von Textilien. Gemeinsam mit seiner Frau Corinna und später mit Tochter Anja baute er ab 1973 ein beachtliches Unternehmen auf, das nach wie vor in Dornbirn Textilien im Premiumsektor produziert. Es lassen sich folgende Erfolgsfaktoren ausmachen: Das Angebot konzentriert sich auf Männer und ist von der Größe überschaubar. Entsprechend dem Versprechen wurden immer hochwertige Materialien verarbeitet. Zum Premiumsegment passend, gelang es, ausgesuchte Absatzpartner zu finden. Verkauft wird in die EU und dort vor allem in die DACH-Staaten. Über Handelsvertreter werden Kunden in den USA und in Kanada bedient, über die Herrenmesse in Florenz auch solche in Asien. Zufriedene Kunden übernahmen die Rolle als „Markenbotschafter“. Als Beispiel dafür sei der bekannte Regisseur Claus Peymann genannt. Er war ein großer Fan von Phil Petter, trug die Produkte mit großer Begeisterung und war damit ein kostengünstiges Testimonial. Auffallend ist, dass das Logo auf den Produkten kaum sichtbar ist. Es ist eine bewusste Strategie des „Understatements“ zu beobachten. Kurt Petter hat seinen Anteil am Unternehmen an Investoren verkauft, Anja Grabher-Petter ihre Minderheitenbeteiligung behalten. Produziert wird weiterhin in Dornbirn.
Skinfit
Werner Battisti arbeitete mehrere Jahre für Mäser im Verkauf und hat dort – wie er in einem Interview formulierte – „alles zum Textilgeschäft“ gelernt. Bei Mäser wurde bereits in den 1980er Jahren mit Funktionswäsche experimentiert. Aufbauend auf diesen Erfahrungen entwickelte Battisti ab 1997 eine eigene Produktpalette, vorerst im Dachboden seines Elternhauses.
Ihm kam dabei der in den 1990er Jahren einsetzende Boom der Ausdauersportarten, insbesondere des Triathlons, zugute. Battisti startete sein Produktportfolio mit Sportunterwäsche und baute Schritt für Schritt ein funktionales Bekleidungssystem auf – von der Base Layer über die Mid Layer bis hin zur Top Layer. Seine Produkte lässt er im Ausland konfektionieren. Die Stoffe für die Funktionswäsche sowie teilweise auch für die Mid Layer werden jedoch nach wie vor in Vorarlberg produziert. Skinfit profitiert von langjährigen Partnerschaften mit seinen Produktionsbetrieben. Die Produkte werden in der Zentrale in Koblach entwickelt und entweder direkt über eigene Shops, Onlineshops oder über Franchisepartner vertrieben. Das gut sichtbar in die Kleidung eingenähte Logo dient zugleich als unverwechselbares Erkennungsmerkmal der Marke. Bemerkenswert ist der hohe Anteil des Direktvertriebs. Dadurch behält Skinfit die Kontrolle über seine Absatzwege. Eine weitere Besonderheit sind Kooperationen mit Unternehmen, bei denen zusätzlich das Logo des jeweiligen Partners in die Bekleidung eingearbeitet wird. Der Direktvertrieb ermöglicht solche Kooperationen, ohne auf die Interessen des klassischen Sportfachhandels Rücksicht nehmen zu müssen.
Merino & More
Martin Luger war bei Mäser unter anderem im Verkauf tätig. Auch er lernte viel über Textilien, speziell über Garne. Entsprechend seines Interesses arbeitete er nach Mäser auch für die Firma Schoeller. Dort konnte er einerseits sein Wissen vertiefen und andererseits Partnerschaften aufbauen. Luger hat ab 2016 die Marke „Merino & More“ aufgebaut. Merino-Wolle wird mit einer Kunstfaser zu einem Zweischichten-Gestrick gefertigt, das den Schweiß von der Haut weg nach außen transportiert. Die Kunden schätzen dieses Zweischichten-System insbesondere deshalb, weil Feuchtigkeit rasch nach außen transportiert und durch die Eigenschaften der Merinowolle Geruchsbildung deutlich reduziert wird. Luger lässt in Polen und in Litauen produzieren und setzt nach wie vor auf das Garn von Schoeller. Durch großen persönlichen Einsatz ist es ihm gelungen, verschiedene Absatzpartner zu finden. Gleichzeitig sind die Produkte über seinen Onlineshop erhältlich. Besonders erwähnenswert sind die überschaubare Produktpalette und die hervorragend gestaltete Verpackung, die stark verkaufsfördernd wirkt.
Gemeinsamkeiten
Obwohl die Strategien sehr unterschiedlich sind, gibt es doch Gemeinsamkeiten bei den drei Persönlichkeiten. Sie wollten unbedingt selbstständig werden. Sie sind respektive waren im grundsätzlich schwierigen Textilgeschäft erfolgreich. Dies gelang ihnen, ohne große finanzielle Aufwendungen für Kommunikation. Das ist ungewöhnlich, war aber möglich, weil sie das notwendige Wissen über die Produktion, Beschaffung und über den Markt hatten beziehungsweise haben. Allen ist auch gemeinsam, dass sie ihr Wissen insbesondere in der Entwicklung der Produkte nutzten. Die drei Unternehmen konzentrieren sich auf hochwertige Nischenprodukte statt auf standardisierte Massenware. Die drei Beispiele zeigen die Bedeutung von Wissen in Unternehmen. Der Fall Mäser zeigt aber auch, dass vorhandenes Wissen allein nicht genügt. Entscheidend ist, ob es gelingt, dieses Wissen zu bündeln, weiterzuentwickeln und in erfolgreiche Strategien umzusetzen. Führungskräften muss bewusst sein, dass manche „Schätze“ sichtbar, manche im Verborgenen liegen. Sie gilt es zu heben. Genauso wichtig ist der Wissenstransfer im Unternehmen. Es ist nicht selbstverständlich, dass alle Mitarbeiter über das notwendige Wissen verfügen, um ein Unternehmen wettbewerbsfähig zu halten.
Die Beispiele zeigen auch, dass der wichtigste Reichtum einer Wirtschaftsregion nicht in Gebäuden oder Maschinen liegt, sondern im Wissen, in den Fähigkeiten und im Unternehmergeist ihrer Menschen. Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Umbrüche entscheidet dieser Wissens- und Innovationsvorsprung über die Zukunft einer Region.








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