Martin Rümmele

Der gebürtige Vorarlberger ist langjähriger Gesundheits- und Wirtschaftsjournalist und lebt und arbeitet in Wien und Kärnten. Er ist Autor mehrerer kritischer Gesundheitsbücher u.a. „Zukunft Gesundheit“ und „Medizin vom Fließband“ und wurde mehrfach für seine Arbeiten über Zusammenhänge von Wirtschaft und Medizin ausgezeichnet. Er ist zudem Herausgeber des ganzheitlichen Gesundheitsmagazins „lebensweise“.

Corona: Wenn die Distanz zu mehr Nähe führt

April 2020

Binnen kurzer Zeit hat sich der Alltag der Menschen massiv verändert: Geschäfte und Unternehmen sind geschlossen, soziale Kontakte werden eingeschränkt – selbst innerhalb der Familie.
Ein Ende der Corona-Krise ist ebenso wenig absehbar wie die Folgen.
Experten erwarten auch nachhaltige Veränderungen unseres Wirtschaftens.

Deutlicher hätte sich die Abhängigkeit und Verflechtung globaler Produktions- und Lieferketten nicht zeigen können als bei den zur Bekämpfung der Corona-Krise dringend benötigten Gesundheitsprodukten wie Schutzmasken, Schutzkleidung und Desinfektionsmitteln. All das wird genauso wie Medizintechnik wie Beatmungsgeräte längst in Asien – vorwiegend in China – produziert. Und wie viele andere Dinge unseres täglichen Gebrauchs werden sie „just in time“ über den Seeweg zu uns transportiert. Steht die Produktion wie aufgrund des Virus in China, kommt es zu Lieferengpässen auf der ganzen Welt.
Dazu kommt, dass viele europäische Unternehmen, die in Asien produzieren lassen, in Europa meist nur ein Zentrallager haben, über das die gesamte Logistik läuft. Im Fall von Schutzkleidung war das etwa in Bayern, und als Deutschland die Grenzen dicht machte, musste Österreichs Bundesregierung tagelang auf höchster politischer Ebene intervenieren, damit die bereits bezahlten Produkte nach Österreich durchgelassen werden. In einem anderen Fall ist das Zentrallager für Medikamente in Mailand.
Nicht zuletzt deshalb fordern Politiker, aber auch Pharmavertreter, dass man Schritte setzen muss, um die Produktion aus Asien zurück nach Europa zu holen. Denn schon vor der Krise warnten Experten, dass es beispielsweise nur noch ein Werk weltweit gibt, das außerhalb Chinas Penicilin herstellt – die Novartis-Tochter Sandoz im Tiroler Kundl.

Was Matthias Sutter sagt

Dass die Krise nachhaltig zu einer Änderung der Produktionsweisen führen wird, glaubt der aus Vorarlberg stammende Wirtschaftsforscher Matthias Sutter nicht. Sutter ist Direktor des Max Planck Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn und Professor für Experimentelle Wirtschaftsforschung an der Universität Köln und Universität Innsbruck. Sehr wohl nehme aber die Kreativität der Menschen zu: „In Vorarlberg, Tirol und vielen anderen Gegenden entstehen derzeit regionale Onlinedienste und kreative Lösungen. Das zeichnet ein liberales Wirtschaftssystem aus – die Kreativität der Menschen. Das spontane Reagieren auf Krisen, birgt viel Potenzial.“ Er beobachte, dass die Corona-Krise die Regionalwirtschaft stärke. Man lege mehr Wert auf regionale Versorgungssicherheit – nicht nur im persönlichen Konsum, sondern auch in der Gesamtwirtschaft und Güterproduktion. 
Was davon nach der Krise übrig bleibe und wie sich die Arbeitsweise ändern werde – Stichwort Homeoffice – , hänge auch davon ab, wie dramatisch die Folgen der Krise seien. Sutter: „Die Länge der Krise wird bestimmen, ob der Schock so groß ist, dass man drüber nachdenkt, in Europa die Produktion wieder großflächig aufzubauen. Je länger der Schock dauert, desto eher wird man versuchen, das zu schaffen.“ Nachsatz: „Das wird auch Geld kosten. Mit unseren Lebens- und Lohnstandards werden wir nicht so billig produzieren können wie China.“ Soll heißen: Der Preis für die wichtigen Güter wird steigen. 
Ähnlich argumentiert auch der Medizinhistoriker Herwig Czech von der Medizinuniversität Wien, der sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen von Seuchen und Gesundheitskrisen beschäftigt. Er erwartet durch Corona aber auch tiefer gehende Folgen. „Das Virus trifft, global gesehen, auf unterschiedliche Gesellschaften und Systeme. Es stellt sich also die Frage, wie stabil die jeweilige Gesellschaft ist. Wie stabil ist das politische System? Wie steht die Wirtschaft da? Wie gut ist das Gesundheitswesen? Man sollte nicht nur die schon abgegriffenen Pole Gesundheit versus Wirtschaft betrachten.“ In der Geschichte seien auf solche Krisen immer Abschottungen, aber auch Umbrüche gefolgt. „Wir werden sicher Länder sehen, wo das politische System ins Wanken gerät“, ist der Experte überzeugt und bringt das Beispiel des Reaktorunfalls in Tschernobyl in den 1980er Jahren, der auch in Österreich zu zeitweisen Ausgangsbeschränkungen geführt hat. Tschernobyl sei vielleicht sogar ein entscheidender Faktor gewesen, der den Glauben in das System der Sowjetunion ausgehöhlt habe, meint er. Tatsächlich hat der ehemalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow in der deutschen „Welt“ geschrieben, dass „die Reaktor-Katastrophe für den Zerfall der Sowjetunion entscheidender war als die Perestroika.“ Gorbatschow: „Es gab die Zeit vor der Katastrophe, und es gibt die völlig andere Zeit, die danach folgte.“ Der Verlust der Glaubwürdigkeit stehe in der Krise auch jetzt für jede Regierung auf dem Spiel, sagt Czeh.

Chance zu einem Durchbruch

Corona kann aber auch neuen Dingen zum Durchbruch verhelfen, ist der Medizinhistoriker mit Blick auf die Geschichte überzeugt. So hätten etwa die Choleraepidemien des 19. Jahrhunderts dazu geführt, dass in Europa die Wasserversorgung für die Städte und die Hygienemaßnahmen ausgebaut worden seien. Neben der Regionalisierung könnte das auch die Digitalisierung sein oder auch Maßnahmen zur Einbremsung des Klimawandels. Auch eine neue Art der Planwirtschaft sei denkbar, wenn wie jetzt Staaten die Marktwirtschaft in Teilen stilllegen. „Wir sehen gerade eine Gestaltungsmacht für Regierungen, die unter gewöhnlichen Umständen undenkbar wäre.“ Der britische Wissenschaftsjournalist Ed Yong hat bereits ein neues Zeitalter mit einer neuen Generation ausgerufen. Der in Washington/DC lebende Journalist hat der ersten Generation, die in Zeiten von Covid-19 aufwächst, den Namen „Generation C“ gegeben.

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