Martin Rümmele

Der gebürtige Vorarlberger ist langjähriger Gesundheits- und Wirtschaftsjournalist und lebt und arbeitet in Wien und Kärnten. Er ist Autor mehrerer kritischer Gesundheitsbücher u.a. „Zukunft Gesundheit“ und „Medizin vom Fließband“ und wurde mehrfach für seine Arbeiten über Zusammenhänge von Wirtschaft und Medizin ausgezeichnet. Er ist zudem Herausgeber des ganzheitlichen Gesundheitsmagazins „lebensweise“.

„Ich wollte noch einmal eine junge Firma starten und aufbauen“

Mai 2019

Der aus dem Bregenzerwald stammende Wissenschafter Norbert Bischofberger hat den größten Biotechkonzern der Welt aufgebaut und wagt in einem Alter, in dem andere in Pension gehen, den Neuanfang mit einem neuem Start-up in der Krebsforschung.

Er sei 62, fühle sich wie 42 und benehme sich wie ein 22-Jähriger, sagte der gebürtige Vorarlberger Norbert Bischofberger gegenüber US-Medien, als er sein Engagement beim US-Biotechriesen Gilead beendete und als Chef und Investor zu einem Start-up in der Nähe von San Franzisco wechselte. „Viele Leute fragten mich, warum ich nicht in Pension gehe. Viele in Österreich rechnen, wie lange man eigentlich noch bis zu Pension braucht“, erzählt Bischofberger im Interview mit Thema Vorarlberg. Doch das wollte er nicht. „Ich möchte etwas tun, was mich wach hält. Ich wollte noch einmal eine junge Firma starten und aufbauen.“

Bischofberger wechselte im Vorjahr aus dem Biotechriesen Gilead, den er mit aufgebaut hatte, zum Start-up Kronos Bio. Anfang der 1990er-Jahre wurde unter seiner Leitung bei Gilead der Arzneistoff Oseltamivir entwickelt, der unter dem Namen Tamiflu als Grippe-Medikament vermarktet wird. Unter seiner Ägide erfolgte auch die Entwicklung weiterer, hochwirksamer Mittel gegen Viruserkrankungen, unter anderem HIV- und Hepatitis C-Therapeutika. „Als ich bei Gilead anfing, hatten wir ungefähr 35 Mitarbeiter, heute sind es 13.000“, erzählt der ehemalige Vicepresident des Konzerns. „Am Ende bin ich komplett weggekommen von der Wissenschaft und hatte viel mit organisatorischen, strategischen und wirtschaftlichen Themen zu tun. Doch die Wissenschaft habe ich vermisst“, sagt er. Er freue sich deshalb, die über die Jahre gewonnene Erfahrung anzuwenden und zu den Wurzeln in der Biotechnologie im frühen Stadium zurückzukehren. „Kleine Unternehmen in der Pharmabranche sind kreativer und können flexibler agieren. Deshalb kommt ein großer Teil der Innovationen aus diesem Bereich.“

Und die Innovation, die er nun im Blick hat, hat eine der komplexesten und tödlichsten Krankheiten im Visier: Krebs. Die Suche nach Therapien dauert hier schon Jahrzehnte: Vor 48 Jahren startete der damalige US-Präsident Richard Nixon einen „Krieg gegen Krebs“ – wie er es nannte. Das Projekt war ambitioniert: In 25 Jahren sollten Heilmittel gegen Krebs gefunden werden und die Krankheit besiegt sein. Bischofberger war damals ein an Physik und Chemie interessierter Teenager und beschäftigte sich – wie er einmal erzählt hat – damit, wie man Briefkästen sprengen kann. Der junge Chemiker war erfolgreich. Nixons Plan schlug hingegen fehl. Bis heute ist der Kampf nicht gewonnen. Doch Bischofberger – heute einer der führenden Pharmaforscher – zeigt sich überzeugt, dass die Medizin in den kommenden Jahren den Kampf gegen Krebs gewinnen wird.

Er ist sicher, dass nun mit neuen Technologien vielen Krebsarten tatsächlich der Schrecken genommen werden kann und Menschen mit der Erkrankung sogar eine normale Lebenserwartung erreichen können. Grund dafür ist die Personalisierung der Medizin. „Man kann heute das Genom sequenzieren und herausfinden, was in den Genen nicht funktioniert hat und wie der Krebs beim jeweiligen Patienten entstanden ist. Genmutationen sind die Basis für die Entwicklung von Krebs. Jetzt kann man eine Biopsie machen und findet heraus, wo man ansetzen kann. Das bringt spektakuläre Erfolge“, erklärt der Wissenschafter seine positive Zukunftseinschätzung. 
Mit Krones Bio will er dabei mitmischen. Die Wissenschaft hinter der Firma sei überzeugend. Im Kern gehe es um proaktive Lösungen und nicht um reaktive Einschränkungen. „Es ist eine der aufregendsten Technologien, die mir begegnet sind, und es öffnet eine neue Tür, um einige der größten Herausforderungen zu meistern, mit denen wir heute konfrontiert sind“, sagt Bischofberger. Die Technologie basiert auf der Forschung von Kronos’ wissenschaftlicher Gründerin Angela Koehler über Strategien zum Hochdurchsatz-Screening von chemischen Bibliotheken gegen Zielproteine in einem physiologisch relevanteren Kontext. Das ermögliche sehr frühe Diagnosen und dadurch eigne sich der Ansatz ideal für die schnelle Entdeckung einzigartiger Therapieansätze. Bischofberger: „Ich denke, wir können hier einen großen Unterschied machen – etwa bei Prostata- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs.“ 

Doch diese Therapien werden auch ihren Preis haben, wie aktuelle Debatten über neue Krebsmedikamente zeigen. Bei einer neuen und individuellen Therapie des Schweizer Pharmariesen Novartis werden Immunzellen im Blut gegen die Krebszellen quasi aufmunitioniert. Die Therapie besteht dann nur noch aus einer einzigen Spritze – doch die kostet 400.000 Dollar. Auch Gilead hatte zuletzt mit einer Therapie gegen Hepatitis C für heftige Debatten gesorgt. Das Medikament heilt die bisher nahezu unheilbare Erkrankung durch die einfache Tabletteneinnahme innerhalb von drei Monaten komplett. Kosten einer Packung zum Start: mehr als 14.000 Euro. Was folgte, war eine Debatte über Preise für innovative Medikamente und deren Grenzen. Bischofberger wünscht sich heute neue Honorierungssysteme. „Man sollte für den Erfolg einer Therapie zahlen nach dem System pay-for-performance. Ich stimme zu, dass gerade die Preise in Onkologie hoch sind. Hier müssen die Krankenversicherungen mit den Firmen neue Lösungen suchen.“ Das sei natürlich kompliziert, aber man müsse einen Weg gehen, wo Unternehmen und Versicherungen neue Therapien bezahlbar auf den Markt bringen können.

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