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Yaks. Rinder im Hippie–Style

Samstagnachmittag. Stellen Sie sich vor, Sie sind unterwegs. Sie spazieren ein wenig oberhalb von Lochau. Halden heißt der Ortsteil in der Nähe von Schloss Hofen. Die Frühlingssonne lacht vom Himmel, Sie spazieren auf
einem idyllischen Weg, gesäumt von Wiesenblumen, zu einem Bauernhof, der auf einer Sonnenterrasse liegt.

Ihre Kinder reißen sich los. Springen zu Rindern, die – hippiegleich – ihre Langhaarmähne zur Schau stellen. Daneben beobachten zwei Strauße interessiert das Geschehen. Ihre Kinder lassen sich von der Szenerie gefangen nehmen. Denn so etwas haben sie in natura noch nie gesehen – eine Attraktion vor der Haustüre.

2006 – Beginn einer Liebe

Wenn Sie diese oder eine ähnliche Szene schon erlebt haben, dann waren Sie sicher schon einmal in Lochau auf dem Hof von Familie Hotz, der von Susanne und Jessica Hotz und Lukas Kotvojs geführt wird. Aber was macht ihre Landwirtschaft so außergewöhnlich? Wir sind dem Konzept ein wenig auf den Grund gegangen.

Jessica Hotz und Lukas Kotvojs haben an der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien studiert. Nach dem Abschluss des Bachelorstudiums Umwelt- und Bioressourcenmanagement arbeitete Lukas aus Langenzersdorf (Niederösterreich) für die AgrarMarkt Austria (kurz AMA). Die Lochauerin Jessica schloss ihr internationales Studium „Organic Agricultural Systems and Agroecology“ mit dem Master ab. Im Zuge ihrer Ausbildung verbrachte sie ein Jahr in Dänemark, wo sie sich auf den Aspekt Tierwohl- und Tiergesundheit spezialisierte. Was hier nach grauer Theorie und viel Schreibtischarbeit klingt, hat einen realen Hintergrund.

Jessica entstammt einer Familie, die viele Jahre in die Aufzucht von Yaks in unseren Breitengraden investierte. Ihr Vater Harry Diem hatte vor mehr als 20 Jahren auf einer Landwirtschaftsausstellung in Fußach, die er mit Jessicas Mutter Susanne Hotz besuchte, sein Herz an Yaks verloren. Er kaufte ein Paar dieser Tiere, die während des Jahres in Dornbirn bei einem Landwirt versorgt wurden. Im Sommer zog es die Familie Diem-Hotz ins Ebnit, wo sie mit Kind und Kegel den Sommer verbrachten. Da sich Diems Wunsch, eine Alpe zu kaufen, nicht erfüllte, erwarb er 2006 in Lochau den Hof in Halden. Seitdem gibt es in Lochau eine Yakzucht. Als ein Unglück kurz vor Weihnachten 2010 Harry Diem aus dem Leben riss, war für seine Lebensgefährtin Susanne klar, den geliebten Yaks und den anderen Tieren auf dem Hof weiterhin eine Heimat zu schenken. 2016 entschlossen sich dann Tochter Jessica und Lukas, dem Hof neue Impulse zu geben, und sind seitdem als Landwirte tätig.

Hoffnungsvolle Jungbauern

„Eigentlich hatten wir nicht vor, wieder nach Vorarlberg zurückzukehren“, erzählt Jessica. „Doch wir sahen immer neues Potenzial, wenn wir an den Wochenenden ins Ländle kamen.“ Lukas ergänzt: „Der Hof war ursprünglich nicht unser Plan A. Aber schnell erkannten wir die Möglichkeit, das, was wir an der Uni gelernt hatten, in die Praxis umzusetzen.“ Und damit waren die Würfel gefallen: Die beiden kamen wieder nach Lochau, wo sie nun ihre Vorstellungen von nachhaltiger ökologischer Landwirtschaft umsetzen. Bevor es ernst wurde, zog es sie noch einmal für drei Monate nach Australien – im Wissen, dass eine so lange Auszeit wohl nicht mehr so schnell möglich ist.

Was aber macht das Anwesen über Lochau so besonders? Da ist zum einen die Yakzucht. Yaks stammen aus dem zentralasiatischen Hochland und sind nach wie vor die Lebensgrundlage der dort lebenden Menschen. Dieses vielseitige Nutztier liefert den Menschen in Höhenlagen bis zu 6000 Meter nicht nur Milch, Fleisch, Leder, Haar und Wolle sowie Kot als Brennmaterial und Bodenbelag, sondern steht auch als Last- und Reittier zur Verfügung. Die Weiden auf dem Hof in Lochau werden von knapp 40 Yaks bewohnt. Sie werden in zwei Herden gehalten. Die Hauptherde besteht aus Martin, dem Zuchtstier, und etwa zehn Kühen samt deren Kälbern. Mit etwa zehn Monaten kommen die Jungtiere in die zweite Herde, die aus den Ein- bis Dreijährigen besteht. Wird eines der Tiere geschlachtet, so wird es komplett verwertet. Zum einen können im Direktvertrieb Fleisch, Wurst und Innereien gekauft werden, zum anderen werden auch Fell und Schädel zum Verkauf angeboten.

Menagerie und Gemüse

Daneben kreuchen und fleuchen in Halden Truthähne, Schweine, Hühner und Gänse auf den Wiesen rund um den Hof. Komplettiert wird die halden’sche Menagerie durch Hund und Katz. Ein Paradies nicht nur für Tiere, sondern auch für Erwachsene und Kinder.

Daneben bauen die Jungbauern auch Gemüse an. In diesem Winter haben sie einen Versuch mit Wintergemüse gestartet: Pak Choi, Radieschen, Karotten, Blattgemüse, Blattsalate, Grünkohl, Lauch, Winterkresse und Vogerlsalat verfeinerten den Speiseplan. „Noch sind wir im Versuchsstadium“, erzählt Lukas. „Noch funktioniert nicht alles und die Pflanzen müssen uns aushalten.“ Jessica ergänzt: „Aber wir bekommen das mehr und mehr in den Griff. Das Wintergemüse haben wir etwas zu spät angebaut, aber die verschiedenen Sorten liefern saisonal genau das, was der Körper braucht.“ Und so verlassen sich die beiden Junglandwirte auf das, was die Natur im Lauf des Jahres hervorbringt. Dabei setzen sie auch auf Permakultur: Laut dem Australier Bill Mollison, dem „Vater der Permakultur“, handelt es sich hierbei um „das bewusste Design sowie die Unterhaltung von landwirtschaftlich produktiven Ökosystemen, die die Diversität, Stabilität und Widerstandsfähigkeit von natürlichen Ökosystemen besitzen.“ Auf dem Hof in Halden bedeutet das, dass auf einem Feld drei Früchte angebaut werden. „Diese Art der Landwirtschaft wurde schon von den Inkas betrieben: Sie haben die drei Schwestern Mais, Bohnen und Kürbis auf einem Feld angebaut. Natürlich muss der Anbau kleinflächiger erfolgen, dafür wird aber der Boden produktiver genutzt“, erklärt Jessica.

Bio-Zertifizierung

Nachhaltigkeit spielt sich auf dem Hof aber auch auf anderen Ebenen ab: So bekommen die Yaks etwa kein Kraftfutter – während sie auf der Weide sind, fressen sie Gras, im Winter wird Heu zugefüttert. Auch die Schweine und Truthähne sind Rassen, die im Freien gehalten werden können, „ohne sie mit Antibiotika und anderen Medikamenten vollzustopfen. Dadurch wachsen sie zwar nicht in der Geschwindigkeit wie ihre Mastgeschwister, dafür ist ihr Fleisch unbedenklich“, ergänzt sie. Überhaupt haben Jessica und Lukas vor, den Hof 2019 biozertifizieren zu lassen. Die ersten Schritte in diese Richtung haben sie bereits unternommen: „Die meisten Kriterien für die Zertifizierung erfüllen wir schon. Beim Futter müssen wir jedoch noch nachbessern und Biofutter verwenden. Das ist zwar teurer als normales und kann durch die Bioförderung nur teilweise ausgeglichen werden, doch wir wollen diesen Weg trotzdem gehen“, erläutern sie ihre nächsten Ziele.

Warum sie diesen Weg eingeschlagen haben? „Es ist die Liebe zur Landwirtschaft und zu den Tieren, die uns antreibt“, sagt Lukas. Jessica fügt hinzu: „Wir freuen uns über jeden Besuch auf dem Hof. Denn wir verkaufen nur Dinge, die wir selbst essen.“ Spricht’s und zeigt uns den Eierkühlschrank, der Tag und Nacht zur Entnahme bereit ist: Geld einwerfen, notieren, was mitgenommen wurde – und es sich schmecken lassen. „Meistens sind wir aber sowieso irgendwo auf dem Hof“, erzählen sie. So unkompliziert und gleichzeitig nachhaltig kann Einkaufen sein.

07.04.2018

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Klaus Feldkircher

(geb. 1967) lehrt an der FH Vorarlberg, ist als freier Journalist tätig und betreibt das Kommunikationsbüro althaus7. Als Autor, Texter und Konzepter hat er bereits zahlreiche Sachbücher veröffentlicht. Weiters ist er in der Erwachsenenbildung tätig und lehrt Deutsch und Latein an der Schule Riedenburg/Bregenz.

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