Dennis Vetter

Der 1994 geborene Lustenauer Politikwissenschaftler lebte zwischen 2015 und 2019 insgesamt zweieinhalb Jahre in Israel, Jordanien und Palästina.
Vetter spricht fließend Arabisch.

Auge um Auge, Zahn um Zahn

November 2019

Ich habe für einige Zeit sowohl in Israel als auch in Palästina gelebt, Politik, Geschichte und Sprachen beider Seiten studiert und mir mein eigenes Bild von diesem scheinbar endlosen Konflikt gemacht. Zu keinem anderen Thema habe ich meine Perspektive und meine Meinung öfter geändert, und kein anderes Thema, keine andere Erfahrung hat mich jemals mehr fasziniert und gleichzeitig frustriert. Lediglich 45 Kilometer trennen meine alte Wohnung in Nablus im Westjordanland von jener in Tel-Aviv, doch in der Lebensrealität sind beide Orte Welten voneinander entfernt. Das Leben in Tel-Aviv ist geprägt von Sonne, Strand und hoher Lebensqualität. In den hundert Jahren seit deren Gründung hat sich die Stadt zu einer offenen, florierenden Metropole entwickelt, in der auch das Zusammenleben zwischen Juden und Arabern gut funktioniert.
Das Leben in Nablus hingegen ist starr, kulturell homogen und konservativ islamisch. Bilder von Märtyrern – Gefallenen im Kampf gegen Israel –, bröckelnde Fassaden und Müll, jede Menge Müll prägen das Bild dieser uralten Stadt inmitten der Hügel des palästinensischen Hinterlandes. Nach Touristen oder anderen Ausländern sucht man bis auf wenige Ausnahmen vergeblich. Während der Konflikt das alltägliche Leben der meisten Israelis nur selten berührt, ist er für die meisten Palästinenser allgegenwärtig. Lange Warteschlangen an Militär-Checkpoints, Reisebeschränkungen und beinahe tägliche Auseinandersetzungen mit dem israelischen Militär verdeutlichen den Palästinensern jeden Tag aufs Neue das eigene Schicksal als Volk unter Besatzung. 

Von Schüssen und Raketen

Im halben Jahr meines Aufenthaltes in Nablus wurde die Stille so mancher Nacht durch das Hallen von Schüssen unterbrochen. Zweimal kam es direkt vor meiner Haustür zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Soldaten der israelischen Armee und palästinensischen Milizen. Während solche Militär­operationen mir nur meinen Schlaf raubten, berauben sie viele Palästinenser um deren Freiheit und manchmal sogar deren Leben. In Israel hingegen wurde ich Zeuge rücksichtsloser, gegen zivile Ziele gerichteter Raketenangriffe aus dem Gazastreifen. Diese töten oder verletzen zwar nur wenige Menschen, haben aber dennoch einen terrorisierenden Effekt und zwingen beide Seiten in eine Spirale von Angriff und Gegenangriff.
Wer eine solche Situation nie miterlebt hat, kann sich die innere Angespanntheit jener Menschen, die Tag für Tag unter diesem Für und Wieder leiden, nicht vorstellen. Dieser Konflikt wird nicht an einer weit entfernten Front, sondern inmitten beider Gesellschaften ausgetragen. Kinder werden zu dessen Zeugen und Opfern, sie wachsen damit auf und werden davon geprägt. Getrieben von ihrer Wut, Trauer und Frustration werden sie irgendwann vielleicht selbst zu Tätern und sorgen dafür, dass sich dieser Kreislauf immer weiterdreht. 

David gegen Goliath

Während die Gründung Israels 1948 von der einen Seite als Rückkehr in die Heimat ihrer Vorväter und somit als die Erfüllung eines uralten Traums gefeiert wird, blieb dieses historische Ereignis der anderen Seite als ‚an-naqba‘ – die Katastrophe – und als Raub des eigenen Landes in trauriger Erinnerung. 71 Jahre, mehrere Kriege und unzählige gescheiterte Friedensinitiativen später hat der Konflikt zwischen Israelis und den Palästinensern nichts an Aktualität verloren. Letztere kämpfen noch immer für einen eigenen Staat und Erstere versuchen nach wie vor, sich als stabile Oase in einer instabilen Wüste zu behaupten. Das biblische Bild von David gegen Goliath hat sich mittlerweile jedoch radikal gedreht: Israel hat sich zu einem wirtschaftlich erfolgreichen, militärisch übermächtigen und international anerkannten Goliath gewandelt. Palästina hingegen, wirtschaftlich insignifikant, militärisch unbedeutend und auf sich alleine gestellt, scheint zu einem David verkommen zu sein, der zuweilen tatsächlich, mit nicht mehr als einer Schleuder und einem Stein bewaffnet, gegen seinen Gegner anzukämpfen versucht. Abhängig von der israelischen Tagespolitik und der Gunst internationaler Geldgeber ist die Situation der Palästinenser so schlecht wie selten zuvor. Zwei Millionen von ihnen fristen in Gaza ein Leben in einem Freiluftgefängnis, das geprägt ist von Armut, Mangel und ständiger Gefahr – Gefahr von israelischen Vergeltungsschlägen und Gefahr von der Willkür und Unterdrückung der eigenen Regierenden. Die 2,5 Millionen Araber im Westjordanland sind materiell zwar bessergestellt, aber auch ihnen mangelt es an Arbeit, Freiheit und einer Aussicht für die Zukunft. 
Wer sich mit dem Israel-Palästina-Konflikt beschäftigt, stößt sehr schnell auf den Begriff ‚Zweistaatenlösung‘. Diese allseits anerkannte Formel sieht vor, beiden Parteien jeweils einen Teil des Kuchens zu geben. Diese Herangehensweise ist theoretisch einsichtig, stellt aber keine Seite wirklich zufrieden. Die meisten Palästinenser halten es für eine massive Ungerechtigkeit, dass sie auch nur das kleinste Stück Land abtreten müssen, während umgekehrt viele Israelis um die Sicherheit ihres Staates fürchten, sollte die Kontrolle über die Palästinenser aufgegeben werden. Weit verbreitet ist auch der Glaube, dass das Westjordanland, in Israel Judäa und Samaria genannt, integraler Bestandteil des historischen Israels sei. Die Frage, ob man im Falle einer israelischen Annexion dieser Gebiete allen Palästinensern die israelische Staatsbürgerschaft und somit auch das Wahlrecht geben und dadurch die jüdische Mehrheit im Land gefährden würde, bleibt oft unbeantwortet. Ein gängiges Gegenargument ist, dass die Bevölkerungszahlen der Palästinenser weit übertrieben sind und der jüdisch-demokratische Charakter Israels somit nicht gefährdet werden würde. Belastbare Zahlen, erhoben von unabhängiger Seite, gibt es keine. 
Im Zuge des Oslo-Prozesses der 1990er Jahre, dem ersten Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern, der den Namen auch verdient, wurden erste Schritt in Richtung Zweistaatenlösung gewagt. Das Westjordanland wurde in drei Zonen – A, B und C – aufgeteilt. Israel behielt die volle, das heißt die zivile und die militärische, Kontrolle über die strategisch wichtige jedoch weitestgehend unbewohnte C-Zone; die B-Zone, ein Sammelsurium an Dörfern und ländlichen Gebieten, blieb zwar unter der Kontrolle des israelischen Militärs, erhielt aber eine zivile palästinensische Verwaltung; und die A-Zone mit seinen arabischen Ballungsgebieten wurde der vollen Kontrolle der neu-gegründeten palästinensischen Autonomiebehörde unterstellt. Auch wenn der Oslo-Prozess sein Ziel, einen palästinensischen Staat und eine friedliche Co-Existenz zu schaffen, verfehlte, bestimmt die damals getroffene Einigung noch heute die Lebensrealität der Palästinenser. Die A-Zone stellt das Nächste an einen palästinensischen Staat dar, das es gibt. 

Tote Blumen gießen

Die Zweistaatenlösung wurde seitdem nie aufgegeben und wird noch heute von vielen als der offensichtliche, einzig-logische Ausweg aus dem Konflikt gesehen. Eine der zentralen Erkenntnisse aus meiner Zeit in der Region ist jedoch, dass deren Versprechen und Hoffnungen ebenso leer wie aussichtlos sind. Nicht weil man sich nicht über Grenzen, den Status Jerusalems oder die Entschädigung palästinensischer Flüchtlinge einigen könnte; ein Kompromiss darüber steht und fällt mit dem Willen beider Regierungen. Sie ist unrealistisch, weil die eine Seite vorgibt, über den Kuchen zu verhandeln, während sie ihn längst isst, und die andere Seite auf Englisch Gewaltverzicht und Verhandlungen predigt, während sie auf Arabisch den Konflikt und die eigene Bevölkerung polarisiert. 
Wer versucht, mit gewöhnlichen Leuten auf den Straßen Palästinas über dieses Thema zu sprechen, merkt sehr schnell, dass dafür zu oft eine gemeinsame Grundlage fehlt. Beispielsweise hält eine Mehrheit der Palästinenser die Opferzahlen des Holocaust entweder für maßlos übertrieben oder unterstellt den Juden, ihn fingiert oder gar unterstützt zu haben, um internationale Sympathien für die Errichtung eines eigenen Staates zu lukrieren. Darüber hinaus sprechen viele den Juden eine historische Verbundenheit zum Heiligen Land ab. Der jüdische Tempel, auf dessen historischen Grundfesten heute die dritt-wichtigste Moschee des Islam steht, sei dort nie gestanden. Israels Ansprüche auf dieses Land seien demzufolge also null und nichtig. Die palästinensische Regierung provoziert diese tiefen, ideologischen Gräben, indem sie beispielsweise jüdischer Geschichte in Schulbüchern entweder keine Erwähnung schenkt oder diese falsch darstellt. 
Man sieht also, dass der israelisch-palästinensische Konflikt emotional aufgeladen ist wie kaum ein anderer. Sachliche Argumente, formuliert im theoretischen Vakuum eines Elfenbeinturmes, verhallen in dem von Religion und Geschichte durchsetzten Konflikt. Egal, welcher Seite man sich zugehörig fühlt, man findet immer ein Argument, eine Anekdote oder eine Analogie, die die eigene Seite unterstützt. Eine Balance zu finden ist schwer, und eine Darstellung abzuliefern, auf die sich beide Seiten einigen können, ist völlig unmöglich. Dieser Konflikt ist einer, den wir managen müssen, und keiner, den wir lösen können. 
Warum? Die israelische Regierung hat ihr Bekenntnis zur Zweistaatenlösung offiziell zwar noch nicht revidiert, unterminiert in der Praxis jedoch jegliche Hoffnung darauf. Zu Beginn der 90er Jahre gab es noch wenige 10.000 jüdische Siedler im Westjordanland. Heute sind es bereits über eine halbe Million, die wie ein Fleckerlteppich über die B- und C-Zone verteilt, mehr und mehr Land für sich beanspruchen. Tendenz steigend. Die Regierung unterstützt diese ‚Israelisierung‘ mit großzügigen Invest­ments, Subventionen und Truppen, die die Sicherheit dort gewährleisten sollen. Auch wenn im Falle von Verhandlungen etwa die Hälfte dieser Siedler durch einen gleichberechtigten Landtausch mit Palästina in ihren Häusern und auf israelischem Territorium verbleiben könnten, stellt diese Realität eine in meinen Augen unüberwindbare Hürde dar. Selbst eine willfährige israelische Regierung müsste diese riesige Zahl an Menschen (und Wählern) umsiedeln, notfalls auch gegen deren Willen. Das Ausmaß und die Radikalität eines solchen Vorhabens erscheinen mir in einem demokratischen Rechtsstaat wie Israel schlichtweg unvorstellbar. Dem unilateralen Abzug Israels aus dem Gazastreifen 2005, im Zuge dessen Israel jede Verantwortung und jeden Anspruch auf dieses Gebiet und seine Bewohner von sich abstreifte, gingen Demonstrationen, Terroranschläge und eine Regierungskrise voraus. Damals ging es lediglich um etwas mehr als 6000 jüdische Siedlern die umgesiedelt werden mussten. 
Innerhalb der palästinensischen Gesellschaft wiederum bestehen tiefe Gräben in der Frage, welche Politik man gegenüber Israel verfolgen soll. Während die offizielle Linie eine möglichst friedliche und kompromissbereite Herangehensweise favorisiert, sehen andere den gewaltvollen Kampf und die Vertreibung aller Juden aus Palästina als den einzig richtigen Weg an. Wer mit Israel kooperiert, ist ein Verräter. Der Bürgerkrieg 2006-2007 war eine Folge dieser Kluft. 
Die palästinensische Regierung sieht in dieser Opposition eine genauso große Bedrohung wie der jüdische Staat. Israelis ist der Zutritt zur A-Zone eigentlich verboten; unübersehbare, große, rote Schilder am Straßenrand auf dem Weg nach Nablus, Bethlehem oder anderen palästinensischen Städten weisen mit der Warnung vor Lebensgefahr deutlich darauf hin. Trotzdem dringen täglich israelische Soldaten in diese Gebiete ein, stürmen Häuser und nehmen viele jener Palästinenser fest, die sich gegen die Besatzung auflehnen. Die palästinensische Regierung übt zwar verbale Kritik am israelischen Tun, da manche der Festgenommenen aber auch der eigenen Regierung feindlich gegenüberstehen, toleriert die Autonomiebehörde dieses Vorgehen und unterstützt es manchmal sogar. Das verstärkt die tiefsitzende Unzufriedenheit der Palästinenser mit der eigenen Regierung. Auch wenn viele der vorherrschenden Probleme eine Konsequenz der Besatzung sind, so sind viele davon – Stichwort Korruption – auch hausgemacht. Vielleicht auch ein Grund warum sich Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas seit 2005 keinem Votum mehr gestellt hat. 
Noch hält die fragile palästinensische Gesellschaft, vereint durch deren Feindschaft zu Israel, zusammen. Sollte diese im Zuge einer erfolgreichen Friedensinitiative wegfallen, fürchte ich, dass eine Reihe von Konflikten an die Oberfläche treten würden, deren Konsequenzen nicht absehbar wären. In einer demokratischen Wahl müsste man davon ausgehen, dass radikale Kräfte erheblichen Einfluss – wenn nicht gar eine Mehrheit – gewinnen würden. Wie die Beziehungen zwischen Israel und einem von radikalen Kräften kontrollierten palästinensischen Staat aussehen würden, befeuert jene Horrorszenarien, vor denen sich viele Israelis fürchten, und die Unwilligkeit der israelischen Regierung, konstruktiv zu verhandeln, wird nur noch bestärkt. 

Kein Silberstreif am Horizont

Man könnte die Argumente für und gegen eine Zweistaatenlösung ewig wiederkäuen und mit Schwarz und Weiß als die medialen Modefarben unserer Zeit den Eindruck gewinnen, dass diese oder jene Seite alleine für das bisherige Scheitern verantwortlich ist. So wie ich Israel und Palästina, den Konflikt und die Menschen erlebt habe, bin ich aber davon überzeugt, dass sowieso jeder Versuch, zu solch einer Einigung zu kommen, auf Treibsand gebaut ist und wie eine Mirage in der Wüste verblasst, je mehr man sich ihr nähert. Unter den momentanen Voraussetzungen – eine dekonstruktive Regierung in Israel und eine palästinensische Gesellschaft am Rande des nächsten Aufstandes – lässt sich sicher kein Frieden schaffen. Zeit ist ein Verbündeter Israels, und mit jeder weiteren Siedlung, die aus palästinensischem Boden gestampft wird, wird ein weiterer Fakt geschaffen. Die zentrale Frage für mich ist daher nicht, ob oder wann ein palästinensischer Staat auf der Karte erscheinen wird, sondern wie der jüdische Staat die Millionen von Menschen, die weder Juden und schon gar keine Freunde Israels sind, in seine Gesellschaft einzubinden gedenkt. Auf ewig wird der momentane Status-Quo nicht haltbar sein. Früher oder später müssen die Palästinenser, wenn sie schon keine Bürger Palästinas sein dürfen, entweder ‚Israelis‘ werden oder von Israel als Bürger zweiter Klasse unterdrückt werden. Dabei steht nicht nur der jüdische oder demokratische Charakter Israels auf dem Spiel, sondern auch sein moralischer.

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