Klaus Feldkircher

(geb. 1967) lehrt an der FH Vorarlberg, ist als freier Journalist tätig und betreibt das Kommunikationsbüro althaus7. Als Autor, Texter und Konzepter hat er bereits zahlreiche Sachbücher veröffentlicht. Weiters ist er in der Erwachsenenbildung tätig und lehrt Deutsch und Latein an der Schule Riedenburg/Bregenz.

Raoul Schrott – dem Himmel so nah

Mai 2020

Warum? Weil der renommierte Wissenschaftler, Autor und Literat Raoul Schrott an einem neuen Projekt arbeitet: Der „Atlas der Sternenhimmel“ ist ein Werk, das es noch nicht gibt. Aber unbedingt geben sollte. Schrott, der im Bregenzerwald lebt, hat bereits mehrere Jahre in dieses Projekt investiert.

Worum es dabei geht? Schrott möchte in diesem Mammutwerk möglichst viele Sternenhimmel von indigenen und historischen Kulturen aus aller Welt dokumentieren. Von den alten Ägyptern oder Chinesen bis hin zu den Maori, Eskimo, Maya, Inka, Aborigines und Tuareg. Denn jede Kultur hat ihre ganz eigenen Sternbilder und Geschichten in den Himmel projiziert, sodass sich in diesem Kino der Nacht alles wiederfindet, was ihr wichtig war: ihre Götter, Helden, Tiere und Pflanzen.
Die UNESCO erklärte die Sternenhimmel zum „Ungreifbaren Kulturerbe“ der Menschheit, ohne jedoch ihre Dokumentation finanzieren zu können. Also hat sich Raoul Schrott daran gemacht.

Geschichten am Firmament

„Unser Sternenhimmel ist der griechisch-römische“, erklärt er. Doch seine Sternbilder stammen aus dem Zwei­stromland zwischen Euphrat und Tigris. Sie wurden von den Griechen nur mit anderen Namen und Geschichten versehen und uns dann über die Araber weitergeben – was man an den verstümmelten Namen erkennt. „Beteigeuze“ etwa heißt eigentlich ‚Yad al-Jauza‘, die ‚Hand der Riesen‘. 
Ob im Norden oder Süden, jeder Himmel erzählt dabei seine ureigenen Geschichten. Schrott dokumentiert in akribischer Kleinarbeit die jeweiligen Figuren, die man in den Sternen sah, und die Legenden, die man dazu erfand. So kommt zur Wissenschaft zugleich das Storytelling im eigentlichen Sinn hinzu.
Dass dieses Projekt seit zwei Jahren den Kinderschuhen entwachsen ist, beweist die Unterstützung durch die deutsche Bundeskulturstiftung, in deren Auftrag Schrott die Wurzeln unseres heimischen Sternenhimmels, also des griechisch-römischen, erforscht hat.

Sponsoren welcome

Um das Projekt aber auf möglichst viele Kulturkreise auszuweiten, bedürfe es noch eines finanziellen Kraftaktes. „Sponsoren und Gönner welcome“, hofft Schrott auf Unterstützer, denn wie so oft seien die offiziellen Stellen bei der Vergabe von Fördermitteln zurückhaltend. 
„Alles, was wir jetzt nicht sammeln, wird unwiederbringlich verlorengehen“, ist er überzeugt. Denn der Himmel war das symbolische Dach einer jeweiligen Kultur. Auf die Leinwand der Nacht wurde alles, was auf Erden von Bedeutung war, projiziert: Gottesvorstellungen, Heldenreisen oder Sinnbilder der Moral und Gerechtigkeit. Die Nachthimmel mit ihren Sternbildern und Geschichten waren die allerersten Bücher, die meist geschrieben wurden, noch bevor es eine Schrift gab. Sie vermittelten allen die Grundlagen ihrer Gesellschaft. 
Mit Hanser stehe schon ein renommierter deutscher Verlag Gewehr bei Fuß. Die Zutaten sind angerichtet, allein: Es fehlt die Restfinanzierung für mindestens drei Jahre weitere Forschung sowie für einen Grafiker, der all diese Sternbilder auch zeichnen kann.

Das Leben, eine Verkettung von Zufällen

Wie so vieles in seinem Leben ist auch dieses Projekt das Ergebnis einer „Verkettung von Zufällen“, wie er schmunzelnd reflektiert. Schrott hat schon als Kind viel von der Welt gesehen. Da seine Eltern in diversen Außenhandelsstellen beschäftigt waren, besuchte er Schulen in Tunis und in Zürich. So kam er früh mit anderen Kulturen in Berührung, was fortan sein Leben prägen sollte. 
Sein erstes Buch, das er vom Vater an einem Kiosk in Tunis geschenkt bekam, war ein Band der populären Comic-Serie „Asterix und Obelix“. Der erste literarische Band, der ihn prägte, war der „Pirat von Cartagena“. „Ich glaube, es waren die vielen Seemannsausdrücke, die mich so fasziniert haben“, so Schrott.

Sprache – ein Faszinosum

Überhaupt übte Sprache schon immer eine starke Faszination auf ihn aus: „In Tunis lernte ich vormittags Arabisch, nachmittags Französisch. Einmal las ich von links nach rechts, dann wieder von rechts nach links. Oft konnte ich die Bedeutung von Wörtern nur erraten.“ Hilfreich waren ihm dabei Klang, Mimik und Gestik. Er habe die Sprache über das Hören gelernt und vergleicht diesen Prozess mit der Poesie, bei der es eben auch auf das Klangerlebnis ankomme.
Im Anschluss daran besuchte er das Gymnasium in Landeck und schloss in Innsbruck das Lehramt für Germanistik und Anglistik ab. „Mein Wunsch war immer, Schriftsteller zu werden“, erinnert sich Schrott. Um ein zweites Standbein zu haben und nicht von der Publikumsgunst und der Literaturkritik abhängig zu sein, habe er sich eben für den Lehrberuf entschieden. Doch es sollte anders kommen: Er schrieb seine Doktorarbeit am Institut für Komparatistik über den Dadaismus und verschrieb sich fortan der Forschung und der Schriftstellerei.

Hannes, der Weltumsegler

Sein aktueller Roman „Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier, der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal“ erzählt die Geschichte des Kanoniers Hannes aus Aachen, der mit Magellan die Welt umsegelt. Was diesen Hannes so besonders macht? „Er überlebt nicht nur die erste und die zweite Weltumsegelung, nein, er setzt sich ein drittes Mal der Gefahr aus und überlebt auch diesmal“, erklärt Schrott. Und Weltumsegelungen waren damals keine erholsame Kreuzfahrt, sondern gespickt mit Gefahren und Unwägbarkeiten. Schrott geht in seinem Werk weg von der romantisierenden Darstellung eines Kapitäns, der am Bug steht und sinnend der untergehenden Sonne nachblickt, sondern begibt sich in den Schiffsbauch zu denen, die eine solche Expedition erst möglich machen. 
Auch bei diesem Werk spielte Kommissar Zufall eine gewichtige Rolle: „Ich hatte gerade mein bis dato erfolgreichstes Buch „Erste Erde“ nach sieben Jahren fertiggestellt, als ein Filmemacher auf mich zukam, um die Magellan-Reise nachzufahren und daraus einen Film zu machen“, erzählt Schrott. Bei seinen Recherchen stieß er dann auf besagten Hannes, den er kurzerhand zum Protagonisten seines Romans machte.

Reise und Aufbruch

Wie in vielen seiner Werke spielen Reise und Aufbruch auch hier eine gewichtige Rolle. Was das Reisen für einen Stellenwert hat? „Literatur lebt davon, Dinge in einem neuen Licht zu sehen, das heisst sich selbst woanders hinzustellen. Das passiert beim Reisen automatisch, man ist selbst der Fremde, man sieht das Leben und die Welt plötzlich aus einem anderen Blickwinkel“, so Schrott. Sprach es und begibt sich auf die nächsten Reise, um der Welt die Geschichten der Sternenhimmel, die Welt von Hannes und andere Begebenheiten näherzubringen.

Buchtipp

Raoul Schrott
Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier, der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal.
Hanser Verlag 2019

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