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Symptome der Lustlosigkeit

Psychologin und Psychotherapeutin Sabine Fleisch sagt im Interview, dass sich der Mensch selbst immer stärker fordert, um der gesellschaftlichen Entwicklung gerecht zu werden: „Man orientiert sich an dem, was im Außen vorgelebt wird, nicht mehr an dem, was innen ist.“ Die Folgen? Können gravierend sein – wenn ein bestimmter Punkt überschritten wird.

Wie entsteht ein Burn-out, Frau Fleisch?

Durch Überbelastung im Alltag, wenn ich stets mehr gebe als ich habe. Das geht eine Zeit lang gut. Aber irgendwann kommt der Betroffene an einen Punkt, an dem er diese Kluft nicht mehr überbrücken kann. Dafür gibt es gewisse Vorbotensymptome. Der Antrieb lässt nach. Die Freude an der Arbeit oder im Alltag geht verloren. Man kann sich schwerer motivieren, Dinge in Angriff zu nehmen. Symptome der Lustlosigkeit nehmen zu. Man beginnt, sich ständig Sorgen zu machen, häufig nachts, Schlafstörungen sind die Folge – sowohl Einschlafstörungen als auch Durchschlafstörungen. Man bekommt den Kopf nicht mehr frei, kann nicht mehr abschalten, Gedanken fahren Karussell. Mir begegnen diese Krankheitsbilder in der alltäglichen Praxis sehr häufig.

Und wie erklären Sie sich diese Häufung?

In unserer Gesellschaft sind das Leistungsstreben und damit auch das Anspruchsniveau, das der Mensch an sich selber stellt, sehr hoch geworden. Auch wenn es uns heute materiell gesehen so gut geht wie noch nie zuvor, gibt es eine Ebene, die eine andere Sprache spricht und die damit auch die Kehrseite unserer Leistungsgesellschaft aufzeigt. Die Zunahme psychischer Erkrankungen spiegelt somit auch einen Teil unserer gesellschaftlichen Entwicklung wider.

Es gibt auch welche, die Burn-out eine Hysterie, eine Modeerscheinung nennen.

Hysterie ist das keine, auch wenn es sich um eine relativ neue Diagnose handelt. Die Symptome sind in jedem Fall ernst zu nehmen. Natürlich hat es auch früher Zustände gegeben wie Erschöpfung oder Überbeanspruchung. Aber ein Merkmal der heutigen Zeit ist eben, dass sich der Mensch selbst die Latte immer höher legt. Wir streben immer nach noch mehr. Gut ist nie gut genug! Hör nie auf, besser zu werden! Hat man das eine erreicht, will man das nächste. Da geht noch mehr, da geht noch viel mehr! Um diesen Forderungen auch gerecht werden zu können, verlangt der Mensch sich selbst einiges ab, setzt sich unter Druck – er vergleicht und orientiert sich an dem, was im Außen vorgelebt wird, verliert dadurch immer mehr den Innenbezug. Und wenn Außen und Innen nicht mehr übereinstimmen, dauerhaft nicht mehr übereinstimmen, dann reagieren Psyche und Körper …

Sie schreiben in Ihren Artikeln, dass man sich auch in den Hobbys Leistungsdruck setzt, dass das Hobby also auch kontra­produktiv werden kann.

Freizeit sollte zum Ausgleich von diesen hohen Ansprüchen in Schule und Beruf dienen. Aber auch da ist ein Trend  zu beobachten, dass Freizeit zunehmend zum Stress wird. Auch Kinder und Jugendliche sind abseits der Schule immer dichter verplant. Nach dem Unterricht am Vormittag geht’s gleich in die Musikschule oder zum Sport, mit ehrgeizigen Zielen, man trainiert für das nächste Turnier, den nächsten Wettbewerb, die nächste Aufführung. Das hohe Tempo, das Kinder und Jugendliche schon am Vormittag in der Schule erlebt haben, setzt sich häufig am Nachmittag weiter fort.

Wird Sport da kontraproduktiv? Auch bei Erwachsenen?

Wenn ich Sport primär unter dem Aspekt betreibe, immer besser werden zu wollen, ja. Gestern bin ich den Kilometer in fünf Minuten gelaufen, heute möchte ich schneller, morgen nochmals schneller sein. Also wenn ich mich nicht mehr um des Joggens wegen bewege und die Freude an der Bewegung verliere, weil im Vordergrund nur noch der Pulsmesser und die Verbesserung der eigenen Leistung stehen, dann wird Sport zu einem zusätzlichen Stressfaktor. Sport in dieser Form dient dann sicherlich nicht der Entspannung, sondern eher der eigenen Bestätigung.

Was macht denn der permanente Leistungsdruck mit der Psyche?

Sie steht unter Dauerdruck, unter Dauerstress. Der Mensch ist gezwungen, sich stets anzupassen. Wir sind ständig im Versuch, zu kompensieren und zu liefern, was von außen erwartet wird. Und die innere Stimme, die dem Mensch an sich sagen würde, was guttut und was nicht, wird überhört. Wir nehmen unsere inneren Bedürfnisse gar nicht mehr wahr, wir sagen uns ständig: Ich habe doch keine Zeit!

Das Leben hat sich beschleunigt …

Und da muss man mit. Denken Sie nur an die Neuen Medien, an die ständige Erreichbarkeit! Natürlich hat das auch viele Vorteile, das ist keine Frage; aber es hat eben auch seine negativen Auswirkungen. Deswegen plädiere ich sehr für Medienpausen oder für zumindest geregelte Zeiten: Der Mensch soll sich nicht 24 Stunden am Tag mit Laptop und iPhone umgeben, sondern sich bewusst entscheiden, wann er sie nützt und wann er sie abschaltet. Zeiten zu haben, in denen ich auch wirklich zur Ruhe kommen kann, ist eine sehr gute Burn-out-Prophylaxe. Wenn es zur Lebensgrundeinstellung wird, jederzeit auf allen Ebenen präsent zu sein, wann bin ich bei mir? Wann komme ich dann zur Ruhe? Das eine schließt das andere aus. Also: Medien sind gut. Medienpausen auch.

Haben die Menschen verlernt, zur Ruhe zu kommen?

Natürlich wird es viele Menschen geben, die das noch können. Nur treffe ich die in meiner täglichen Arbeit nicht. Der Großteil meiner Patienten klagt darüber, dass sie sich nicht entspannen können, dass sie nicht mehr wissen, wie sie zur Ruhe kommen können.

Der Leistungsdruck wird nicht weniger, die Gesellschaft sich nicht ändern. Was kann da Ausweg sein für all jene, die sich in diesem Druck gefangen sehen?

Das Bewusstsein zu schärfen, um nicht einfach blind mitzumachen, sondern wieder die Augen für sich selbst zu öffnen. Hinzuspüren, wer oder was mir Druck macht und was mich anzieht. Mehr dem Sog folgen und bei sich selbst sein, im Hier und Jetzt, das ist der Schlüssel! Zeit für sich selbst nehmen! Das heißt nicht, dass ich endlos viel davon brauche. Bereits ein paar kurze Atempausen im Alltag können ausreichen, um sich bewusst zu machen: Da bin ich, da ist meine Mitte. Und von dieser Mitte aus gehe ich in die Welt.
 
Vielen Dank für das Gespräch!

07.04.2018

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