Michael Kasper

Lehramtsstudien Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung, Geografie und Wirtschaftskunde sowie Katholische Religion in Innsbruck;
seit 2011 kulturwissenschaftlicher Bereichsleiter beim Stand Montafon. In zahlreichen Veröffentlichungen befasste er sich mit der Geschichte Vorarlbergs und angrenzender Gebiete.

„Arme Khinder von Hunger und Mangl“ – Schwabenkinder aus Vorarlberg

November 2016

Über Jahrhunderte sind Kinder aus Vorarlberg und Tirol, aus Graubünden, Liechtenstein und Südtirol von der Not getrieben ins „Schwabenland“ gezogen – einerseits, um über den Sommer einen kleinen Lohn zu verdienen, den sie im Herbst ihrer Familie brachten, und andererseits, um durch ihre Abwesenheit die Ernährungssituation im Elternhaus zu entlasten.

Der Begriff Schwabenkinder ist eine Gebrauchsformel, denn es waren keine Kinder der Schwaben, sondern Kinder im Alter von acht bis 14 Jahren in Schwaben. Einzelne Quellen berichten auch von erst sechsjährigen Kindern. Allgemein werden damit Kinder bezeichnet, die jährlich zu Beginn des bäuerlichen Arbeitsjahres nach Süddeutschland zogen, um einer entlohnten Tätigkeit nachzugehen, und am Ende des Arbeitsjahres, üblicherweise um Martini (11. November), in ihre Heimatgemeinden zurückkehrten. Im Schwäbischen Raum ist außerdem der Begriff „Hütekinder“ oder „Tirolerkinder“ geläufig. Die erste Bezeichnung verweist auf die Hauptaufgabe der Kinder, nämlich das Viehhüten. Dabei werden aber andere Tätigkeiten, wie zum Beispiel die Arbeit von Mädchen im Haushalt, ausgeklammert. Überhaupt mussten Kinder ab zwölf Jahren Arbeiten erledigen, die auch erwachsenen Knechten und Mägden aufgetragen wurden. Dazu gehörte neben der Stallarbeit die Milchverarbeitung, das Entfernen der Steine auf den Wiesen im Frühling oder das Torfstechen im Herbst. Schwabenkinder waren also Kinder, die zur saisonalen Arbeit ins Schwabenland zogen – ein Phänomen, das seinen Höhepunkt im 19. Jahrhundert erreichte und bis ins 20. Jahrhundert existierte.

Die ältesten Belege zur saisonalen Auswanderung von Kindern und Jugendlichen aus dem Süden Vorarlbergs stammen aus dem frühen 17. Jahrhundert. Im Jänner 1616 verfasste der Bludenzer Vogteiverwalter Hauptmann David Pappus dazu einen Bericht an die Regierung in Innsbruck. Er erwähnt ausdrücklich einen Kindermarkt in Ravensburg, zu dem sich jedes Jahr in der Fastenzeit hunderte Kinder aus armen Verhältnissen begaben. Aufgrund von Hunger und Armut verdingten sich dort die jungen Arbeitskräfte hauptsächlich zum Viehhüten bis zum Gallus- (16. Oktober) oder Martinstag. Allerdings kehrten viele von ihnen danach nicht nach Hause zurück, sondern blieben andernorts als Gesinde tätig, sodass sie die Verbindung zu ihrer Herkunftsregion gänzlich verloren. Diese Auswanderung hat höchstwahrscheinlich schon im 16. Jahrhundert begonnen. Die Feststellungen, dass die Kinder wie „alle jar“ nach Schwaben zogen, verweist auf die seit geraumer Zeit bestehende Regelmäßigkeit dieses Phänomens. Auch gibt es ein frühes Indiz aus dem Jahr 1526, als die Bewohner der Herrschaft Bregenz meldeten, sie müssten wegen der rauen Landesart und der hohen Bevölkerungsdichte in jungen Jahren als Hirten in die Fremde ziehen.

Aus dem letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts liegt ein erster gedruckter Bericht über die Schwabenkinderwanderung vor. In seinem Werk „Uiber die Tiroler“ führte Joseph Rohrer 1796 an, dass die Kinder „frühzeitig ihren Müttern […] entrissen [werden]. Ein bejahrter Montafoner übernimmt sie, und führt dieselben, gleich einer Heerde Lämmer aneinander gepfropft, außerhalb Landes. Jeder Kleine ist mit einem Kühhorn, und einem gewürzhaften Zieger und Haberbrod gefüllten Bündel behangen. Tettnang in Vorderösterreich ist der erste Ort, an welchem die Montafonerjugend zur Arbeit vermiethet wird. Der zweyte Sammelplatz, wohin dieser junge Bienenschwarm seinem Weisel nachströmt, ist die Reichsstadt Ravensburg, der dritte Weingarten, der vierte endlich Waldsee. Im Spätherbste werden die kleinen Montafoner wieder von den alten Graubärten abgeholt, und in ihre schrofige Heimath zurückgeführt.“

Ihren Höhepunkt erreichte die Kinderwanderung erst Anfang des 19. Jahrhunderts, als vermutlich einige Tausend Kinder aus den Alpen nach Oberschwaben und ins Allgäu kamen. Schätzungen gehen von über 4000 Kindern jährlich aus. 1836 berichtet eine Quelle, dass im Montafon bekanntlich die halbe Bevölkerung zeitlich auswandere und spricht von 700 Kindern, die allein aus diesem Tal jedes Jahr über den Sommer auswanderten. Ab 1850 sanken die Zahlen, um 1900 zogen aus Tirol und Vorarlberg noch etwa 800 Kinder jährlich nach Deutschland.

Die Schwabenkinder kamen fast alle aus kinderreichen Familien, denen das Nötigste zum Leben fehlte. In den Herkunftsregionen der Schwabenkinder wurde im Erbfall meist die Realteilung praktiziert – mit schwerwiegenden sozialen und ökonomischen Folgen. In der Landwirtschaft führte die fortgesetzte Realteilung zu einer Aufsplitterung der landwirtschaftlichen Flächen in eine Vielzahl kleiner Parzellen. Diese brachten kaum Ertrag, und ein relativ hoher Anteil der nutzbaren Fläche ging für Grenzstreifen und Zufahrtswege verloren. Gerade der im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert aufgrund der Fortschritte im Gesundheitswesen vermehrt auftretende Kinderreichtum barg in Zusammenhang mit der Realteilung ein hohes Armutsrisiko in sich. Zahlreiche Familien waren verschuldet, und die Folgen von Naturkatastrophen oder Kriegen verschärften diese Krisensituation drastisch. Das Zusammenwirken der Folgen von Überbevölkerung, Kleinbesitz und Armut blieb über Jahrhunderte wirksam und verhinderte eine spürbare Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Situation.

Die Schwabenkinder sind tief im kollektiven Gedächtnis der Vorarlberger Bevölkerung verankert. So gibt es Romane und Theaterstücke und sowohl Dokumentar- als auch Spielfilme über diesen Teil der Geschichte. Schon mehrmals wurden die Wege der Hütekinder auf experimentelle Weise erwandert, um Einblick in deren Strapazen zu gewinnen. Somit stellt das Phänomen der Schwabengängerei heute noch ein Objekt aktiver und gelebter Erinnerungskultur im mittleren Alpenraum dar. Migration wird zunehmend als Normalfall der alpinen Geschichte erkannt – auch unter der Berücksichtigung der Situation in der Gegenwart, in der sich dieses Phänomen völlig gewandelt hat.

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