
Wie man mit Druck und mit Niederlagen umgehen sollte
Lernen vom Spitzensport: Simon Nußbaumer, Mentalcoach im Olympiazentrum Vorarlberg, im Interview.
Herr Nußbaumer, sprechen wir doch über mentale Gesundheit.
Gerne. Das Thema ist wichtig und wird immer wichtiger. Im Spitzensport gibt es gewisse Besonderheiten, die auf die mentale Gesundheit der Athleten und Athletinnen wirken, etwa der Druck, sich ständig messen zu müssen, der mediale Druck, der Druck der Sponsoren, der Druck in gewissen Sportarten, ein Körpergewicht halten oder erreichen zu müssen und vieles mehr. Es gibt im Spitzensport also viele unterschiedliche Systeme, die Druck erzeugen und auf die mentale Gesundheit der Sportler sehr prägend einwirken. Auch die Beziehung zwischen einem Trainer und einem Athleten kann Druck erzeugen. Es ist ja vielfach ein einseitiges Machtverhältnis, allein schon zu sehen an der Frage, ob der Trainer nun jemanden nominiert oder nicht. Aus all diesen Gründen messen wir diesem Thema eine sehr hohe Bedeutung bei. Es ist uns ein zentrales Anliegen, die mentale Gesundheit unserer Athleten zu fördern, dabei aber nicht die kurzfristige Leistungsoptimierung im Fokus zu haben, sondern die langfristige gute Entwicklung. Übrigens ...
Ja, bitte?
Mentale Gesundheit muss nicht unbedingt mit Performance zusammenhängen. Athleten mit psychischen Symptomen können durchaus ihre Leistung erbringen. Und umgekehrt bedeutet mentale Gesundheit nicht zwingend, gut performen zu können. Wir müssen also sehr gut hinschauen, ob uns Sachen auffallen, um entsprechend reagieren zu können.
Aber was lässt sich nun für die breite Bevölkerung ableiten?
Was lässt sich da ableiten? Das ist eine sehr gute Frage. In der Allgemeinbevölkerung ist das Thema mentale Gesundheit von zentraler Bedeutung, es gibt immer mehr psychische Erkrankungen. Und ich glaube, dass der Spitzensport in Bezug auf die mentale Gesundheit eine Vorreiterrolle einnehmen und dabei auch ein Vorbild sein kann.
Inwiefern?
Psychische Erkrankungen sind stigmatisiert, besonders im Spitzensport, aber auch in der Allgemeinbevölkerung. Über Verletzungen am Körper redet man. Auch öffentlich. Man geht zum Arzt, man lässt sich helfen. Bei der mentalen Gesundheit ist das leider anders. Es gibt individuelle und kulturelle Barrieren, die verhindern, dass Betroffene darüber sprechen. Doch im Spitzensport beginnt sich das zu ändern. Es gibt mittlerweile immer mehr Athleten und Athletinnen, die offen über ihre Probleme sprechen, etwa die Turnerin Simone Biles, der Tennisspieler Alexander Zverev oder der Schwimmer Michael Phelps. Und dadurch, dass sie nach außen gehen, senden sie auch ein Signal an ihr Umfeld: Ändert, was zu ändern ist! Immer mehr Trainer berücksichtigen das. Das gilt auch in der Arbeitswelt.
In der Arbeitswelt?
Auch hier gibt es Systeme, die großen Einfluss auf die mentale Gesundheit haben. Im Betrieb ist das beispielsweise die Führungskraft, mit ihrer Art, wie sie führt. Und die Politik kann mit den Rahmenbedingungen Einfluss nehmen, im positiven wie im negativen Sinne. Sie kann einen wesentlichen Beitrag für oder gegen die mentale Gesundheit der Bevölkerung leisten, indem sie Zugänge zu entsprechenden Hilfssystemen schafft – oder eben nicht schafft. Was im Spitzensport gemacht wird, um psychische Gesundheit zu fördern und zu erhalten, wäre auch für die Gesamtbevölkerung sehr, sehr relevant.
Spitzensportler stehen, wie Sie zuvor sagten, unter vielfältig hohem Druck.
Wie blendet ein Sportler das aus, lässt sich da ein konkreter Tipp geben?
Den Druck und die Probleme auszublenden wäre der falsche Ansatz. Akzeptanz ist der wesentliche Schritt. Natürlich gibt es mentale Techniken, wie man beispielsweise den Fokus halten oder seine Emotionen regulieren kann. Aber allein die Erkenntnis, dass gewisse Dinge eben sind, was sie sind, ermöglicht bereits einen vielfach besseren Umgang mit solchen Situationen. Solchen Sachen ins Auge zu schauen, nimmt bereits viel Dynamik heraus. Bin ich mir bewusst, was mir Druck macht, kann ich das Entsprechende benennen, dann kann ich daran auch arbeiten.
Ein Spitzensportler ist auch Niederlagen und Rückschläge gewohnt, kann in aller Regel aber damit umgehen. Was ließe sich da der Bevölkerung empfehlen?
Dass es sehr wichtig ist, jemandem in seinem Umfeld zu haben, der einen bei Niederlagen, aber auch bei Triumphen gut begleitet. Vor allem in der Aufarbeitung, in der Reflexion. Wenn man gemeinsam analysiert, warum es beispielsweise zu einer Niederlage gekommen ist, und was man dabei beeinflussen konnte und was nicht, dann schärft das den Blick. Und es neutralisiert das Ganze. Die Niederlage also gut aufzuarbeiten, sie ins rechte Licht zu rücken, das ist ein zentraler Faktor – im Spitzensport wie im normalen Leben. Was ist positiv veränderbar, damit es in Zukunft besser läuft als in der Vergangenheit? Das ist eine der entscheidenden Fragen, die man sich selbstreflexiv zu stellen hat. Übrigens …
Ja, bitte?
Auch das Umfeld ist von hoher Bedeutung. Leute um sich herum zu haben, denen man vertraut und mit denen man reden kann, das ist im Spitzensport und in der allgemeinen Gesellschaft immens wichtig. Entscheidend ist da auch das Erleben von Sinn. Das Gefühl, mit seinem Handeln etwas bewegen zu können, ist ebenfalls definitiv gesundheitsfördernd. Viktor Frankl sagte einmal: ‚Wer ein Wozu zum Leben hat, der erträgt fast jedes Wie.‘
Man sollte Niederlagen also nicht verdrängen, sondern bewusst aufarbeiten.
Im Nachhinein betrachtet steckt in jeder Niederlage viel mehr, als man vorderhand glaubt. Wer die richtigen Schlüsse zieht, kann aus Niederlagen mindestens so viel lernen wie aus Höhepunkten. Wenn man das entsprechend handhabt, dann kann man daran auch wachsen. Es gibt Studien, die zeigen, dass Menschen, die Niederlagen erlebt und gut aufgearbeitet haben, wesentlich erfolgreicher sind als andere. Im Spitzensport gibt es viele solche Beispiele. Und das ist doch eine spannende Erkenntnis. Oder?
Vielen Dank für das Gespräch!






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