Thomas Jennerwein

*1972 in Dornbirn, beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Business, digitaler Wertschöpfung und Technologie in Industrieunternehmen. Der Digitalexperte ist als Senior Enterprise Architect bei foryouand­yourcustomers.com tätig. Zuvor war er über ein Jahrzehnt IT-Leiter bei Meusburger und Teil der Geschäftsleitung mit Gesamtverantwortung für IT und Digital Business. Weitere Führungsrollen in der Digitalisierung hatte er in Vorarlberger Industrieunternehmen inne.

Neue Schaufel, altes Chaos

September 2026

Warum künstliche Intelligenz an denselben Hausaufgaben scheitert wie ihre Vorgänger – und wie man daraus einen Vorsprung macht.

Fragen Sie zehn Leute, die KI in Unternehmen einführen. Was bremst Sie wirklich? Andere Teams, andere Branchen, dieselbe Antwort. Sie lautet nicht: Uns fehlt das bessere Modell, die Rechenleistung, der Anbieter. Das gibt es reichlich, und für alle.
Was fehlt, sitzt woanders. Der Engpass ist das Betriebsmodell – wie ein Unternehmen mit seinen Daten umgeht, festlegt, was wahr ist, und entscheidet, wer entscheidet. Er liegt nicht in der Technologie, sondern in der Organisation. Alle sind in Bewegung, jeder tanzt für sich.

Vier Hausaufgaben, die niemand gemacht hat
Die erste ist die Datenqualität. Ein System auf falschen Daten zweifelt nie. Es irrt bloß schneller.
Für ihre Waren haben Unternehmen längst eine Kette: Lager, Frachtbrief, Prüfstempel, Termin. Für ihre Informationen nicht.
Die zweite ist die Datenkompetenz: Wirklichkeit in Daten zu gießen. Fragen Sie drei Abteilungen, was ein „aktiver Kunde“ ist. Der Vertrieb zählt, wer in zwei Jahren gekauft hat; das Controlling, wer heuer Umsatz bringt; das Marketing, wer den Newsletter öffnet. Ähnlich bei „lieferfähig“: am Lager, zugesagt oder herstellbar. Dasselbe Wort. Nicht dieselbe Sache. Was niemand definiert hat, lebt in Köpfen und Ausnahmen – für eine Maschine unbrauchbar.
Die dritte ist das Wissensmanagement: Wer macht eine Definition verbindlich? Wer keine verlässliche Quelle hat, hat keine Datenwahrheit; die Maschine greift sich die plausibelste Zahl. KI kennt keine Wahrheit, nur Wahrscheinlichkeit. Die Wahrheit muss die Organisation liefern.
Die vierte ist die Entscheidungsarchitektur: wer entscheidet was, wie und warum. Laut einer Studie von Boston Consulting Group und MIT Sloan erwarten 58 Prozent der führenden Unternehmen, dass KI ihre Entscheidungsrechte verändert. Begonnen hat kaum jemand.
Keine dieser Aufgaben ist technisch, keine lässt sich an die IT abschieben. Sie liegen eine Ebene tiefer als jedes Werkzeug – bei Prozessen, Systemen, Daten, Organisation. Dass sie liegen bleiben, ist kein Charakterfehler, sondern eine Rechnung: Der Nutzen fällt der Organisation zu, diffus und in zwei Jahren; die Kosten trägt eine Abteilung, heute. Dazu lieben Abteilungen ihre eigenen Systeme; so entstehen Fürstentümer, jedes mit eigener Wahrheit – und es gewinnt das Pilotprojekt mit der schönen Demo.
Es bleibt ein Grund, es trotzdem zu tun: Man will verantworten können, was das eigene Haus entscheidet.
Gemeint ist damit nicht, alles explizit zu machen. Der Erfahrene lebt von der Ausnahme, er kennt den Kunden, nicht die Regel. Jede Einheit muss beides bleiben: eigenständig und Teil des Ganzen – genug Ordnung für die Maschine, genug Spielraum für den Menschen.

Wir haben das schon einmal erlebt
Das ist nicht neu. Vor zwanzig Jahren sollte das CRM alle Kundendaten an einem Ort bündeln – es funktionierte nur, wenn die Daten stimmten und der Vertrieb bereit war, sie zu füttern und zu pflegen. Workflows sollten Freigaben und Entscheidungen den richtigen Weg gehen lassen – dafür hätte jemand festlegen müssen, wer was entscheiden darf. Eingeführt wurde beides fast überall, gelebt selten. Die Werkzeuge waren bereit, die Häuser nicht.
Eines ist diesmal neu, wirkt aber anders, als man hofft. Klassische Software musste jede Regel vorab hingeschrieben bekommen – daran ist sie zerbrochen. KI verallgemeinert aus Beispielen. Der Preis wechselt nur die Seite: Die alten waren teuer zu bauen und billig zu prüfen, die neuen sind billig zu bauen und teuer zu prüfen. Die Hürde ist gewandert – vom Aufschreiben zum Nachprüfen. Und nachprüfen kann nur, wer weiß, was in seinem Haus gilt.
Muss man deshalb warten? Nein, man muss unterscheiden. Ein Bereich nützt ohne Vorarbeit: KI als Beschleuniger im Werkzeuggebrauch. Ihre Neuerung ist das Sprachinterface – reden statt klicken. Beim Entwerfen, Gestalten, Programmieren ist der Gewinn sofort da: Der Mensch fragt, die Maschine liefert, der Mensch verantwortet – kurze Kette, korrigierbarer Fehler. Aber das sind Einzelanwendungen, kein durchgängiger Prozess. Schneller arbeiten ist nicht anders arbeiten.

Was die Schaufelverkäufer verschweigen
Man verkauft leichter eine Schaufel als die Wahrheit über den Boden. Heute heißen die Schaufeln Tokens und Skills. Eine Lizenz ist käuflich, Ordnung im eigenen Haus nicht. Und diese Ordnung will gepflegt sein: Stammdaten und Prozessmodelle fertigt man nicht für den Auditor an und legt sie weg. Sie müssen mit dem Betrieb atmen – sonst beschreiben sie eine Firma, die es nicht mehr gibt.
Am Anfang dieser Serie stand ein Satz: Nicht die Technologie entscheidet über ihren Wert, sondern die Menschen, die sie benutzen. Vier Artikel später ist er präziser: Der Engpass ist unser Betriebsmodell – unsere Daten, unser Wissen, unsere Hausaufgaben.
Das klingt ernüchternd, ist aber das Gegenteil: Was am eigenen Haus liegt, kann man ändern. Nötig ist für die Informationen dasselbe wie für die Waren – eine Kette, die trägt, vom ersten Eintrag bis zum Kunden. Wer sie baut, überholt die anderen bei Kosten und Tempo; und weil es die wenigsten tun, hält der Vorsprung. Der eigentliche Gewinn ist ein anderer: Man bleibt antwortfähig und kann sagen, warum die Maschine so entschied.
Wer die Arbeit überspringt, hat nicht Kosten gespart, sondern seine eigene Abdankung automatisiert. Verantworten muss es ein Mensch. Er weiß nur nicht mehr, wofür.

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