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Arbeitslos durch Industrie 4.0?

Technischer Fortschritt war die entscheidende – wenn auch nicht die einzige – Kraft, die den gewaltigen Wirtschaftsaufschwung seit der Industrialisierung getragen hat. Er brachte großen Schichten der Bevölkerung eine enorme Verbesserung des materiellen Lebensstandards. Die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Lebensweise wurden tiefgreifend umgestaltet.

Gleichzeitig weckten die Möglichkeiten und Visionen des technischen Fortschritts aber auch immer wieder Befürchtungen und Skepsis. Vier Formen von Risiken des technischen Fortschritts kann man unterscheiden: Am einflussreichsten war wohl immer die Sorge, Maschinen könnten menschliche Arbeit ersetzen, Arbeitslosigkeit mit sich bringen und, jedenfalls kurzfristig, Begünstigte und Betroffene spalten. Eine zweite Form von Ängsten wird durch die unheimliche, ungewohnte und bedrohlich scheinende Magie moderner Technik hervorgerufen. Peter Rosegger schildert diese Angst vor dem Dampfross anschaulich – und für uns Heutige lachhaft und romantisch – anlässlich seiner ersten Fahrt mit der Eisenbahn durch den Tunnel unter dem Semmering. Die Dörfer im Rheintal achteten erfolgreich darauf, den Bahnhof und die Schienen nicht zu sehr in der Nähe der Ansiedlungen zu haben. Ein dritter Einwand gegen neue Technologien gehört in den Bereich der Kultur und der gesellschaftlichen Zielsetzungen: Neue Technologien verändern das Zusammenleben in einer Gesellschaft so, dass kulturelle und ethische Werte beeinträchtigt werden können. Schließlich viertens: Technologische Neuerungen können nicht nur Vorteile, sondern auch unabsehbare und unerwartete Risiken der weiteren Entwicklung mit sich bringen, die den Nutzen zunichtemachen können.

Die Rezession der Jahre seit 2008 hat eine weitere Befürchtung genährt, die den Ängsten vor dem Wirken neuer Technologien entgegengesetzt wäre: Es könnte doch sein, dass der Nutzen und die Wirkung des technischen Fortschritts versiegt sein könnten. Daraus könnte sich wirtschaftliche Stagnation mit allen möglichen negativen Folgen entwickeln. Tatsächlich zeigt die Statistik in den meisten hoch entwickelten Ländern seit einigen Jahrzehnten ein Nachlassen des technischen Fortschritts im Vergleich zur „goldenen“ Nachkriegsära.

Ob technischer Fortschritt vorteilhaft ist oder nicht, hängt von den Zielvorstellungen einer Gesellschaft ab: Wird Arbeit als Last empfunden, die so weit wie möglich durch Freizeit und Muße zu ersetzen wäre, ist arbeitssparender technischer Fortschritt wünschenswert. Wird die Umwelt als bedroht angesehen, werden Technologien gegen die Freisetzung von Kohlendioxid oder gegen unbedenkliches Entsorgen von Abfällen entwickelt. Wird hingegen Arbeit als ein wesentlicher Lebensinhalt und als Möglichkeit der Selbstverwirklichung und der Positionierung in der Gesellschaft angesehen, setzt das dem Wegrationalisieren von Arbeit Grenzen. Die arbeitslose Gesellschaft könnte eines im Überfluss haben: Langeweile.

Frühere technologische Durchbrüche haben ohne Ausnahme auf etwas längere Sicht mehr Beschäftigung durch Wirtschaftsdynamik gebracht. Nicht immer sofort, daher Widerstände und Maschinenstürmer; aber auf längere Sicht, wenn eine Gesellschaft lernt, damit innovativ umzugehen und neue Möglichkeiten entdeckt.
Der Eintritt in das digitale Zeitalter, in welchem immer leistungsfähigere Computer und Kommunikation, Technologien der Vernetzung und künstliche Intelligenz viele bisher benötigte Arbeitsplätze überflüssig machen, ist in vollem Gang. Wir befinden uns im Übergang nicht nur zu neuen Technologien, sondern auch zu veränderten gesellschaftlichen Regeln und Zielen. Unter „Industry 4.0“ sind gigantische Umwälzungen in der Arbeitswelt und in den Lebensformen zu erahnen. Um in diesem Prozess nicht abgehängt zu werden, wird über die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft als Wirtschaftsstandort entscheiden. Man sollte dabei vielleicht nicht ganz übersehen, dass Länder und Regionen wie Vorarlberg, Österreich oder Europa für die Qualität des Lebens ihrer Bewohner mehr bieten sollen als primär die Wettbewerbsfähigkeit als Wirtschaftsstandort.

Seit zehn Jahren hat die signifikante Abschwächung der wirtschaftlichen Dynamik besonders bedrohliche Visionen einer kommenden Massenarbeitslosigkeit als Folge der ungeheuer rasch vordringenden neuen Technologien genährt. Im Rahmen eines Forschungsprogramms an der Universität Oxford veröffentlichten Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne vor vier Jahren eine Studie über die durch Computerisierung gefährdeten Arbeitsplätze. Diese Studie erzielte weltweite Aufmerksamkeit, vor allem mit ihrer Schlussfolgerung, „nach unseren Schätzungen sind rund 47 Prozent der Arbeitsplätze in den USA zu Hochrisikogruppe der Beschäftigten zu zählen“. Sie würden schon bald, in ein bis zwei Jahrzehnten, diesem Risiko zum Opfer fallen. Daraus wurde immer wieder der aufregende, aber falsche Schluss gezogen, dass technologische Arbeitslosigkeit bis 2030 rund die Hälfte der amerikanischen Beschäftigten treffen werde.

Das Risiko, dass die bisherige Beschäftigung nun von neuen Technologien übernommen wird, ist nicht zu bestreiten. Manche bisher ausgeübten Tätigkeiten menschlicher Arbeitskräfte werden leichter ersetzbar sein als andere. Dies kann einigermaßen gut vorausgeschätzt werden. Andererseits ist auch an neue menschliche Leistungen zu denken, die erst durch den Übergang zu neuen Technologien überhaupt erst möglich und erkennbar werden. Natürlich gibt es kein Naturgesetz, dass immer gerade so viel neue Nachfrage nach menschlicher Arbeit entsteht, wie durch neue Technologien verloren geht.

Welche bisher benötigten Arbeiten oder Arbeitsschritte dem Risiko, durch technischen Fortschritt ersetzt zu werden, kann einigermaßen plausibel geschätzt werden. Aber es ist fast nicht möglich, im Vorhinein zu erkennen, welche neuen Tätigkeiten und Bedürfnisse durch die neuen Technologien erst eröffnet werden.
Dass die rasche Verbreitung des Automobils das Geschäft der Postwirte mit dem Einstellen von Pferden ziemlich überflüssig machen könnte, war von vornherein abzusehen. Welche neuen Arbeitsplätze – außer Straßenbau und Tankstellen – durch den Autoverkehr entstehen würden, war bis in die Fünfzigerjahre kaum absehbar. Vor 15 Jahren hatte Mark Zuckerberg sein „soziales“ Medium Facebook noch nicht gegründet. Heute zählt das Unternehmen an die 20.000 Beschäftigte, allerdings nur ganz wenige davon in industrieller Produktion.

Entscheidend über das Risiko, dass eine bisherige Tätigkeit durch „Industry 4.0“ ersetzt wird, ist letztlich die Möglichkeit der Programmierung von routinemäßigen oder stereotypen Abläufen und Manipulationen. Tätigkeiten oder Arbeitsschritte, die in Computersoftware kodifiziert und von Computern ausgeführt werden können, sind dem Risiko ausgesetzt, durch die neuen Technologien ersetzt zu werden, schon heute und zunehmend in den kommenden Jahren.

Drei Kategorien menschlicher Leistung und Fähigkeiten sind dagegen eher immun: Erstens, nicht-routinemäßige Tätigkeiten, die ihrerseits Neuerungen beinhalten, selbst neue Technologien entwickeln oder neue Bedürfnisse erschließen; zweitens solche, die nicht-materielle Anforderungen stellen – etwa Psychologie und Einfühlungsvermögen; oder drittens solche, die ein nahezu körperliches Naheverhältnis zu anderen Menschen voraussetzen, etwa in Pflege und Gesundheit, oder die eine Persönlichkeit einzubringen haben, zum Beispiel im Unterricht und – warum nicht? – in der Politik.

Die heranwachsende „Generation Millenium“ beherrscht die Routinen, mit Computer oder Handy umzugehen, jedenfalls schon weit besser als Generationen vor ihr. Entscheidend für Erfolg oder Sinn ihres Lebens wird aber sein, genügend Neugier, Findigkeit, selbstständiges Denken und Mitgefühl („social skills“) aufzubringen, um neue Möglichkeiten und Aufgaben zu erkennen und neue Probleme zu lösen. An Letzteren wird es sicher nicht fehlen.

03.03.2018

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Helmut Kramer

(*1939 in Bregenz) war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ab 1990 Honorar­professor an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Rektor der Donau-Universität Krems sowie Mitglied des Vorstands der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen ÖPIA.

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