Helmut Kramer

(*1939 in Bregenz) war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ab 1990 Honorar­professor an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Rektor der Donau-Universität Krems sowie Mitglied des Vorstands der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen ÖPIA.

Das große Dilemma

Mai 2019

Klimaerwärmung ist keine Marotte von Umweltfreaks, keine Ideologie, keine links-grüne Verschwörung und keine lächerliche Besorgtheit von professionellen Bedenkenträgern. Sie nimmt zu, hat immer ernstere Folgen, wenn auch nicht täglich spür- und sichtbar, aber man kann sich davon überzeugen, wenn man auf die kümmerlichen Reste unserer Alpen­gletscher blickt. 
Klimaerwärmung ist auf den Treibhauseffekt zurückzuführen, der beim Verbrennen von fossilen Brennstoffen – Kohle, Erdöl, Erdgas – freigesetzt wird: Heizung und Klimatisierung von Gebäuden, Betrieb von Autos und anderen Verkehrsmitteln, Prozesswärme in der Industrie und Umwandlung von Roh­energie in elektrischen Strom benötigen in rauen Mengen fossile Energie. Der Treibhauseffekt hat Folgen auf lange Sicht, also jedenfalls für die Lebensumgebung der nächsten Generationen.
Es ist daher richtig, wenn streikende Schulkinder auf Transparenten anklagen, dass es die Bedrohung i h r e r Zukunft ist, gegen die wir, die heute politisch entscheidende Generation, nichts tut. Ich zweifle nur, dass die Schulbildung der Jugend ausreicht, die sehr komplexen Zusammenhänge zu durchschauen. Möglicherweise wird ihnen suggeriert, dass der amerikanische Präsident oder Putin oder China und Politiker fast aller Länder unverantwortlich oder unfähig sind, oder dass egoistische und nationalistische Kurzsichtigkeit „des Kapitals“ noch so lange wie möglich aus dem gegenwärtigen Industrie- und Energiesystem Profit ziehen wollen. Und dass, leider, eine Mehrheit der Bevölkerung nicht einzusehen vermag, dass sie wegen einer Marotte oder wegen Alarmgeschrei von Klimatologen aus der Ruhe gebracht werden sollte oder sich gar auf schrittweise Veränderungen des gewohnten Lebensstils einstellen müsste. Wollen wir annehmen, die Schuljugend greift zu den Demonstrationen nach dem Beispiel der jungen Schwedin, nicht weil sie sich ein paar Stunden Schulunterricht „erspart“, sondern weil sie es mit dem Klimawandel ernst meint.
Nur ist die Sache nicht so einfach. Ich bin kein Experte auf dem Gebiet der Klimapolitik. Aber ich fragte mich schon seit Jahren, warum auf der einen Seite die Klimaforschung auf die Gefahren der schon in Gang gekommenen Klimaentwicklung (und anderer Umweltprobleme) hinweist, daher für die Zukunft katastrophale bis apokalyptische Folgen für die menschliche Lebensumgebung der gesamten Erde voraussagt. Und auf der anderen Seite trotz dieser Warnungen die Menschheit, vertreten durch die Politik, nur gerade ein Minimum dessen beschließt, was notwendig wäre: damit sie nicht einmal verantworten muss, sie habe nichts getan. Diese Frage trug ich mit mir herum, bis ich mir sagte, ich sollte die Gründe für diese offenbar schizophrene Haltung begreifen, immerhin geht es auch um die Zukunft meiner Kinder und Enkelkinder. 
Und da sieht die Sache schon ein bisschen anders aus, als dies Fräulein Greta Thunberg aus Schweden suggeriert. Das hat vor allem damit zu tun, dass Prognosen der künftig zu erwartenden Schäden der Klimaerwärmung grundsätzlich schlechter fundiert sind, als die schon realisierten Messungen und deren Analysen der letzten Jahre oder Jahrzehnte: Die Entwicklung könnte sich schlimmstenfalls in Zukunft noch beschleunigen (vor allem wegen der befürchteten „Kippeffekte“) 1).

"Für jedes komplexe Problem gibt es eine Antwort, die ist klar, einfach und falsch." H. L. Mencken

Aber das Problem könnte umgekehrt vielleicht in 20, 30 Jahren auch entschärft sein, wenn dank Fortschritts der Energietechnologie alternative, unerschöpfliche Energien auf Basis der Sonnenenergie einsetzbar würden. Diese Prognose ist jedenfalls grundsätzlich nicht so gut gesichert wie die Analyse der bisherigen Entwicklung. Streng genommen ist sie sogar unmöglich.
Ein Abrücken von der fossilen Energiewirtschaft scheint mir dennoch auf jeden Fall sinnvoll, weil man sich von der Öl-, Gas- und Kohleabhängigkeit und den strategischen Interessen einiger Länder freispielt. Vorarlberg ist ohnehin in einer vergleichsweise günstigen Situation, weil erneuerbare Wasserkraft in Pumpspeichern eine große Rolle spielt. Mag sein, dass die VKW auf längere Sicht nicht mehr viel ausbauen können und dass Energie aus Vermunt/Silvretta wegen der Gletscherschmelze abnimmt. Das kann ich nicht beurteilen. Immerhin rechnen die Klimatologen mit mehr Niederschlägen. Auch die Umstellung auf Elektroantrieb und auf energetisch wesentlich verbesserte Gebäude sind sinnvolle Ziele. Sie entsprechen außerdem dem Landeskonzept der Vorarlberger Energieautonomie 2050. 
Ich sehe, anders als manche Umweltschützer, aber auch Gefahren einer allzu abrupten Transformation des fossilen zu einem alternativen Energiesystem: Das hat tiefgreifende Veränderungen der wirtschaftlichen und der sozialen Strukturen zur Folge. Die werden sich ohnehin unter dem Einfluss der digitalen Technologien fundamental verändern. Daraus darf aber nicht eine heillose Zerrüttung der Gesellschaft resultieren. Ich würde fürchten, dass dabei die Werte, die das moderne Europa vertritt – Freiheit, Recht, Fairness, Wohlstand – entscheidend durch autoritäre Tendenzen leiden könnten. 
Der Verdacht, dass Aussagen der Klimaforschung nicht alle wichtigen Fragen, die sich im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung stellen, beantworten, kam mir, als ich in keinem der Klimamodelle die Wechselbeziehungen zu den Potentialen neuer Technologien fand und auch nicht umgekehrt: Auch die fantastischen Perspektiven eines neuen Goldenen Zeitalters auf Basis der digitalen Technologien kümmern sich um das Klimaproblem so gut wie gar nicht. 
Schon erst recht nicht um die Frage, wer den Aufwand für forcierte Umweltpolitik auf welche Weise finanzieren würde. Ein abrupter, von forcierter Klimapolitik herbeigeführter Wendepunkt der Nachfrage nach fossilen Energieträgern, die durch alternative Energien oder Anpassung überflüssig würde, beschwört die Gefahr eines gigantischen Zusammenbruchs des Weltfinanzsystems herauf. Streng genommen agieren die Finanzmärkte schon auf einer gewaltigen Blase des in fossile Energieträger investierten Kapitals, das irgendwann als überflüssig erkannt wird. Die „carbon bubble“ ist größer und unheimlicher als der Zusammenbruch des Finanzsystems, der 2007/2008 von dem relativ kleinen Subprime-Hypothekarmarkt ausging und die Welt an den Rand eines Desasters gebracht hat. 
Das zu verstehen, kann man freilich von der demonstrierenden Schuljugend nicht erwarten. Darüber lernen sie auch im ambitioniertesten Gymnasium nichts. Ihre Forderungen sind im Kern schon richtig. Aber sie laufen in der Realität darauf hinaus, diese Blase anzustechen und zum Platzen zu bringen.

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