Helmut Kramer

(*1939 in Bregenz) war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ab 1990 Honorar­professor an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Rektor der Donau-Universität Krems sowie Mitglied des Vorstands der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen ÖPIA.

Die Zukunft, gesehen aus dem Homeoffice

April 2020

Seit Tagen in die eigene Wohnung verbannt, findet man Zeit und Ruhe, über Fragen nachzudenken, die sonst der alltäglichen Hektik zum Opfer fallen. Das Gefühl, relativ gut aufgehoben zu sein, wird hierzulande noch dadurch gesteigert, dass unsere Regierenden unaufgeregte Entschlossenheit und Kompetenz ausstrahlen.
Ich frage mich aber, und das beunruhigt mich dann doch: Ahnen die auch, wie’s weitergeht? Für die Situation, in welche nicht unser Land allein, sondern nahezu die ganze Welt geraten ist, liegen kaum relevante Erfahrungen vor. Ein bloßer konjunktureller Rückschlag ist es wohl nicht, der vielleicht mit staatlichem Deficit Spending zu bekämpfen wäre. Aus der Geschichte liegen andererseits Erfahrungen mit schrecklichen Seuchen vor: Doch zwischen der Infektion mit COVID-19 und einer mit dem Virus der Spanischen Grippe oder dem HIV bestehen wesentliche Unterschiede, besonders was Ansteckung, Ausbreitungswege, Schutzmaßnahmen und mittlerweile auch Möglichkeiten der Therapie betreffen. 
Temporären Schutz vor Ansteckung bietet aktuell die strenge Unterbrechung „sozialer“ Kontakte. Das ist eine Strategie, die bis zum Erreichen von „Herdenimmunität“ ziemlich lange benötigt. Bis zum Beispiel (angenommen) die Hälfte der Bevölkerung immun ist, müssten in Österreich noch einige Millionen Menschen mehr immunisiert sein, entweder weil sie die Erkrankung gut überstanden haben oder weil sie geimpft sind. Bisher ist noch keine Impfung zugelassen und ein weltweiter Wettlauf der Pharma-Industrien hat eingesetzt. 
Das radikale Unterbinden sozialer Kontakte, als der Ausbruch in Oberitalien den Ernst der Lage erkennen ließ, hat weitreichende wirtschaftliche Folgen. Der Verlust des Arbeitsplatzes und der Verdienstmöglichkeiten ist vielleicht die unmittelbarste. Er trifft ganz besonders Ein-Personen- und Kleinunternehmen im Dienstleistungsbereich, Freiberufler, Alleinverdiener, Gaststätten, Hotelpersonal, Taxis … Bei vielen geht die Liquidität zu Ende, aber Kosten laufen weiter.
Die Regierung setzt zur Eindämmung der drückendsten Sorgen Hilfen aller Art ein: „unbürokratisch“ (so wird versichert), zum (kleineren) Teil sogar nicht rückzahlbar. Das bewahrt vor menschlichen Katastrophen und mag einen noch tieferen Absturz der Konjunktur lindern, bis der „neue Aufschwung“ kommt. 
Erstaunliches tat sich in der Haltung der Bundesregierung: Bundeskanzler und Finanzminister betonten mehrmals die berühmte Ansage des damaligen Chefs der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, vom Juli 2012, die EZB werde „whatever it takes“ tun, um das gemeinsame Ganze von Euro und EU zu retten. Das fand zwar nie die Zustimmung der konservativen deutschen Bundesbank und der konservativen Ökonomie-Professoren, aber die nahezu grenzenlose Liquidität der Geldpolitik erreichte zumindest ihren unmittelbaren politischen Zweck.
Sich diese Ankündigung auffällig und ausdrücklich (message control!) zu eigen zu machen, hätte man den Türkisen wahrlich nicht zugetraut. Türkis hat schon mehrfach überrascht, dass dort offenbar Ideologie und Grundsätze weit hinter Marketing rangieren. Das Versprechen, angesichts der Ausbreitung des Corona-Virus, 38 Milliarden Euro für rasche und unbürokratische, ja teilweise großzügige Finanzhilfen aus öffentlichen Budgets in die Hand zu nehmen, untermauert wirkungsvoll die schon bisher wohlwollend aufgenommene, entschlossene Corona-Politik. Der wiederholte Appell an die gemeinsamen Interessen der Österreicherinnen und Österreicher (nicht etwa: Europäer oder andere Ausländer, die in Österreich leben und vielleicht auch Steuern zahlen!) – fand viel Zustimmung und machte den so oft kritisierten „Staat“ geradezu familiär. Die angebliche Effizienz der freien Marktwirtschaft wird dabei zurückgereiht. 
Der Gouverneur der Nationalbank, Prof. Holzmann, kam beim abrupten Schwenk nicht mit. Er verstieg sich zur Empfehlung, die „Reinigungskraft der Krise“ zu nutzen und „sicherzustellen, dass nur überlebensfähige Unternehmen überleben.“ Wer und wie tut man das? Gefährlicher ideologischer Unfug. Das erinnert an bedauernswerte italienische Intensivmediziner, die nicht über genügend Beatmungsgeräte für alle lebensbedrohlich Erkrankten verfügen und daher Todgeweihte selektieren müssen. 
Die Krise ließ nicht nur Schiwochen abbrechen und häusliche Quarantäne verordnen. Das Geschäft in den Après-Ski-Bars und in den anderen Gaststätten kam vollständig zum Erliegen oder wurde verboten; Sommerurlaube werden bis auf weiteres nicht gebucht, der Kauf des neuen Autos oder Smartphones zurückgestellt, Saisonarbeiter kommen nicht, obwohl Spargel und Erdbeeren reif werden. Wer kann, fasst den Vorsatz, private Notgroschen aufzustocken. Die Wirtschaft schreckt vor belebenden Ventures zurück. 
Was die Corona-Krise jedoch so unheimlich macht, ist, dass sie den ganzen Erdkreis erfasst. Gewichtige Regionen – USA oder Großbritannien – reagieren um Wochen verspätet und werden daher im Sommer besonders betroffen sein. „Corona ist Trumps Tschernobyl“ (New York Times), der Beginn des Endes der Sowjetunion und des „America First“. 
Überall werden Angebots- und Nachfragelücken aufgerissen, eingespielte Lieferketten unterbrochen und Standorte in Frage gestellt. Gleichzeitig bestärkt Corona generell vorsichtig gewordene Arbeitgeber, Investoren und Veranstalter. 

„Corona ist Trumps Tschernobyl“

New York Times

Leider muss man heute feststellen, dass die Gelegenheiten zur Stabilisierung des weltweiten Finanzsystems, die sich nach dem Kollaps 2008 ergeben hätten, nur oberflächlich genutzt wurden. Aktienindizes feierten noch im Februar historische Rekordwerte. Bis heute sind sie um 40 Prozent abgestürzt, der amerikanische Dow Jones hat seit Jahresbeginn ein Drittel verloren (and more is on the way). Das wird nicht ein Aufschwung, wie man ihn sich noch zu Jahresbeginn vorstellte. 
Die Welt ist – vor dem erschreckenden Bühnenbild des Corona-Dramas – eine andere geworden: Das Weltbild hat sich verändert, tiefgreifend wie nach der kopernikanischen Wende. Die Technologie ändert so rasant Lebens- und Arbeitsweise, dass bisher wertvolle Erfahrungen entbehrlich und neue Möglichkeiten für die ältere Generation unbegreiflich werden. Die Menschheit zerfällt nicht mehr in hochentwickelte Regionen einerseits und bedauernswert zurückbleibende andererseits. Die Corona-Krise ist die Ouvertüre zur Klimakrise. Sie wirft ein grelles Schlaglicht auf die bisher wenig populäre Tatsache einer menschlichen Schicksalsgemeinschaft. 

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