Helmut Kramer

(*1939 in Bregenz) war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ab 1990 Honorar­professor an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Rektor der Donau-Universität Krems sowie Mitglied des Vorstands der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen ÖPIA.

Krise oder Umbau der Wirtschaft

September 2020

Es ist zu früh, Bilanz zu ziehen. Wir haben’s noch nicht hinter uns, und wir wissen nicht, was wir noch vor uns haben könnten: das Virus, das eine Weltkrise ausgelöst hat, ist noch nicht besiegt. Es hat möglicherweise noch unbekannte Eigenschaften, die die Erholung der hart getroffenen Wirtschaft in Gefahr bringen könnten. Die Corona-Pandemie traf die ganze Welt, sie brachte sowohl die Nachfrage- als auch die Angebotsseite der Wirtschaft abrupt zum Stillstand, sie fand die Gesundheitspolitik ungenügend vorbereitet und die Wirtschaftspolitik umstritten, und sie wird auf längere Sicht Spuren im Verhalten der Menschen und in den Strukturen des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems hinterlassen. Prognosen sind noch unsicherer als ohnehin immer.
Die Politik steht vor extrem schwierigen Aufgaben: Sie muss abwägen zwischen Beschränkungen der persönlichen Freiheit und dem Schutz der Gesundheit, zwischen zwingend notwendiger Hilfe in sozialen Notfällen und dem Durchfüttern überholter Strukturen, zwischen Belebung und der Gefahr eines weiteren und bald kaum mehr kontrollierbaren Wandels des Klimas und der Umwelt, auch zwischen den Bedürfnissen einer alternden Gesellschaft und den Erwartungen der nachrückenden Jugend. Corona erinnerte daran, dass die Menschheit trotz aller faszinierenden Perspektiven der Technik die Natur nicht beherrschen kann, sondern ihre Grenzen nicht übersehen darf. 
Vorarlbergs Wirtschaft ist nicht in einem windgeschützten Winkel der Alpen tätig. Sie ist, im Gegenteil, mehr als die anderer Bundesländer vom internationalen Warenverkehr abhängig. Vorarlberg ist deutlich industriell geprägt. Abriegeln der nationalen Grenzen bedeutet daher eine besonders heikle Situation. Auch der Anteil der Gäste aus dem Ausland ist besonders hoch. Vorarlberg hat sich in der Krise bisher erstaunlich gut gehalten. Unvermeidlich ist Arbeitslosigkeit entstanden, aber sie liegt signifikant unter dem österreichischen Durchschnitt. 
Die Herausforderung an die heutige Gesellschaft ist noch nicht bestanden, die wirtschaftlichen und politischen Folgen können noch kaum abgeschätzt werden. Auf kurze Sicht steht die Wintersaison bevor, die den Angriff des Virus erleichtert: Aufenthalt in geschlossenen Räumen, in Klassenzimmern, verbreitet Erkältungskrankheiten, Mutationen des Virus, deren Wirkung sich nicht auf Atmungsorgane beschränken. 
Andererseits haben wir alle, auch die verantwortlichen Politiker, einiges aus der Krise gelernt: zu verhindern, dass sich Arbeitslosigkeit auf längere Sicht verfestigt, Projekte zu unterstützen, mit hochwertiger Bildung und Forschung dafür zu sorgen, dass der jugendliche Nachwuchs Aufgaben findet, soziale Notlagen abzufedern, aber dabei auch auf Eigeninitiative und Zuversicht zu bauen. 
 

In einem gewissen Sinn hat die Krise einen Vorteil: Sie zwingt zu Veränderungen, die ohne sie noch nicht realisiert würden.

Analysen der wirtschaftlichen Leistungen Vorarlbergs mit Hilfe harter Daten und Statistik enden häufig mit einem unerklärten, nicht quantitativ berechenbaren Rest: den Effekten des pragmatischen Zupackens, der im Ländle selbstverständlich ist, statt des anderswo üblichen Raunzens, dem Gemeinschaftsgeist (die Wissenschaft flüchtet in den Ausdruck „Sozialkapital“), Vermeidung von oberflächlicher, geschäftsmäßiger Routine, unaufdringliche Mitmenschlichkeit, im Handel Kundenbindung, im Tourismus oft langjährige Gästebindung, Austausch von Weltsicht anstelle von Vorurteilen. Alles nicht bezifferbar, wie gesagt.
Die Pandemie ist nicht die einzige Herausforderung, die uns eine fundamental veränderte Welt hinterlässt. Es geht nicht nur um Wiederbelebung der Wirtschaft, die kollabiert ist. Es geht um eine Wirtschaft, deren Strukturen sich tiefgreifend neu orientieren müssen. Da gibt es unbestreitbar und auch unvermeidlich Tätigkeiten, die nicht mehr wiederzubeleben sind: die Krisenverlierer. Und da gibt es Gewinner, denen es gelingt, neue Konzepte durchzusetzen, die Frage zu beantworten, wer wir sind und wofür wir stehen, und damit neue Märkte zu betreten. In einem gewissen Sinn hat die Krise einen Vorteil: Sie zwingt zu Veränderungen, die ohne sie noch nicht realisiert würden.
Der Kampf gegen die Epidemie gab von Anfang an einen kräftigen Anstoß, die Möglichkeiten digitaler Technologien, der dezentralen Kommunikation, Homeworking, Videokonferenzen und Versandhandel zu nutzen. Sehr rasch und fundiert auf die Entwicklungen der Pandemie reagieren zu müssen, hat sogar bewirkt, dass sich amtliche und betriebliche Bürokratien mit den digitalen Möglichkeiten erstaunlich innovativ auseinanderzusetzen hatten.
Mit der tiefsten Krise der Wirtschaft zurechtzukommen ist eine Herausforderung, die die Aufmerksamkeit für die übergeordneten Prioritäten scheinbar in den Hintergrund drängt. Die knapp vor Corona endlich in Fahrt gekommene Auseinandersetzung über die Dringlichkeit von Klimapolitik wurde durch die hautnahe Gefahr der Infektion mit dem Virus fast vollständig blockiert. Es ist sehr verständlich, dass die Bevölkerung nach den Belastungen durch Corona und der davon ausgelösten schweren Rezession den Krisenmodus gründlich satt hat: Sie neigt dazu, sich ein Leben ohne Krise auszumalen. Leider ein frommer Wunsch – nicht nur angesichts der Gefahr, dass die Rezession und die Überschuldung von Staatshaushalten und Unternehmen jederzeit auch den Kollaps des internationalen Finanzsystems nach sich ziehen könnte.
Die Ablöse der fossilen Energien durch klimaneutrale und überdies unerschöpfliche Energiequellen auf Basis der Sonneneinstrahlung bedeutet einen tiefen Umbau wirtschaftlicher Strukturen, der Berufswelt, der sozialen und politischen Verhältnisse und hohe Investitionen. Es gibt leichtere Aufgaben. Aber sie in Angriff zu nehmen verbindet den Abbau der Arbeitslosigkeit mit dem Übergang auf „saubere“ Energien. 
Es ist mehr als verständlich, dass die Bevölkerung nach den Belastungen durch Corona und der davon ausgelösten schweren Rezession eine Fortsetzung des Krisenmodus gründlich satt hat: Sie neigt dazu, sich ein Leben ohne Krise vorzustellen. In dieser Situation an die Dringlichkeit der Klimapolitik erinnert zu werden, freut weder die Bevölkerung noch die Politik. 
Krisen über Krisen? Nein. Wir sollten mit dem Wort „Krise“ sparsamer umgehen. Ja, wir stehen mitten in einem Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft. Umbauarbeiten im eigenen Haus sind meist wenig erfreulich für die Bewohner; aber rechtzeitig und überlegt in Angriff genommen, sichern sie die Lebensqualität auch für kommende Generationen. 

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