Helmut Kramer

(*1939 in Bregenz) war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ab 1990 Honorar­professor an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Rektor der Donau-Universität Krems sowie Mitglied des Vorstands der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen ÖPIA.

Krisen ohne Ende?

Mai 2020

Die Menschheit ist im 21. Jahrhundert in eine Epoche fundamentaler Umbrüche eingetreten. Diese kündigten sich mit einer Folge schockhafter Ereignisse an: brutaler Terror, Kollaps des Finanzsystems mit nachfolgender Rezession und Arbeitslosigkeit, Millionenflucht, Signale irreparabler ökologischer Schäden, weltpolitische Machtverschiebungen, Erlahmen politischer Ambitionen. Außerdem belasten die demografischen Perspektiven die jüngere Generation.
Das bisher vorherrschende Paradigma der Verbesserung des Lebens durch ständiges Wirtschaftswachstum ist in Zweifel geraten. Die Nutzung der umgebenden Natur durch die Aktivitäten einer rasch zunehmenden Bevölkerung lässt physische Grenzen des Planeten erkennen, die offenbar nicht gefahrlos überschritten werden können. Gleichzeitig hat die nationale Souveränität als Ordnungs- und Entscheidungsebene an Wirksamkeit eingebüßt, ohne dass sie auf der globalen Ebene ausreichend ersetzt werden konnte. Wirtschaftsstatistisch lässt sich zeigen, dass sich zwar das Gefälle zwischen dem materiellen Lebensschicksal in wohlhabenden Ländern und Gesellschaftsschichten und jenem der Armen und Bedürftigen im Durchschnitt verringert hat. Aber materielle Sättigung oder Luxus auf der einen Seite lassen uns das Elend der schon durch Geburt Benachteiligten immer mehr als unerträglich empfinden. 
Vor diesem düsteren Hintergrund ereilte die Welt am Beginn des laufenden Jahres unerwartet eine Pandemie, die, von China ausgehend, rasend schnell alle Staaten der Erde erfasste. Sie traf die meisten Verantwortlichen mangelhaft materiell und organisatorisch vorbereitet. Mittlerweile hat die Krankheit nahezu 200.000 Todesfälle gefordert, ohne dass die Gefahr der Infektion bisher anders als durch Vermeidung von Mensch-zu-Mensch-Kontakt verringert werden kann. 
Abrupt unterbrach die Eindämmung der Krankheit betriebliche Abläufe in Produktion und Nachfrage. Eine akute Krise der Wirtschaft wirkt wie ein Virus in alle Richtungen ansteckend. Um den völligen Zusammenbruch der Wirtschaft zu vermeiden und menschliche Not zu lindern, griffen Regierungen zunächst zu eher großzügiger finanzieller Überbrückung von Liquiditätsengpässen. Ansteckung durch das Virus durch strenge Quarantäne zu verhindern und andererseits die Lähmung der Wirtschaft möglichst bald zu überwinden, stehen zueinander in Widerspruch, zumal bei anhaltenden Gefahren Schäden entweder an Gesundheit oder an Wirtschaftsleistung exponentiell zunehmen. Je länger die krisenhafte Situation anhält, desto mehr steigt überdies die Gefahr einer neuerlichen internationalen Finanzkrise. Das Abwägen dieser Ziele verlangt sehr schwierige und riskante Entscheidungen. 

Das bisher vorherrschende Paradigma der Verbesserung des Lebens durch ständiges Wirtschaftswachstum ist in Zweifel geraten.

Durch Infektion mit dem Virus und durch ähnlich ansteckende Behinderung wirtschaftlicher Zusammenhänge geriet die Weltwirtschaft in wenigen Wochen in eine tiefe Rezession. 
Immerhin beschleunigt die plötzlich hereingebrochene Jahrhundertkrise den Einsatz moderner elektronischer Telekommunikation und Datenanalyse. Diese bietet eine innovative und leistungsfähige Alternative besonders zum Bedarf an persönlicher Anwesenheit und Begegnung an. Viele Unternehmen absolvieren einen wahren „Crash-Kurs“ in moderne Telekommunikation, in dem sie in kurzer Zeit in moderner Digitaltechnik „alphabetisiert“ werden. (FT, 25.4.). 
Die Coronakrise drängte die Aufmerksamkeit für die globale Klimaveränderung fast ganz in den Hintergrund. Klimapolitik ist von einem historischen Dilemma belastet: Einerseits drängen alarmierende ökologische Analysen zu enorm anspruchsvollen Schritten, vor allem zum Ersatz des fossilen Energiesystems durch „saubere“ Energien. Auf der anderen Seite versuchen die Wirtschaftszweige, deren fossile Energiebasis ihre Existenz bedroht sieht, konsequente Schritte der Klimapolitik durch geschicktes Lobbying zu verhindern. Sie suchen dabei auch die Zustimmung der Bevölkerung, die Konsequenzen für die gewohnte Lebensweise möglichst vermeiden will. 
Politik und Öffentlichkeit nehmen eine Vogel-Strauss-Haltung ein. Innenpolitische Mutlosigkeit hat bisher ernsthafte Klimapolitik schon weit aufgeschoben. Die politische Schizophrenie könnte verheerende historische Folgen haben, wenn die heute noch nicht sehr wahrscheinlichen Durchbrüche in der Energietechnik nicht rechtzeitig gelingen. Die paradoxe Situation wird nur durch eine ganze Reihe von Hemmungen der menschlichen Psychologie verständlich. 
Zwei Monate nach ihrem Ausbruch könnte die Coronakrise wirksame Klimapolitik zusätzlich behindern: in der Bevölkerung könnte der Drang, endlich wieder gewohnte Lebensumstände fortsetzen zu können, Widerhall finden. Die Transformation in eine postfossile Wirtschaft erlaubt keinen Aufschub. Ihre Finanzierung verfügt jedoch angesichts der üblichen Konditionen der Finanzmärkte und divergierender nationaler Standpunkte über wenig Platz und Unterstützung. 
Das Versäumen eines historischen Moments infolge Kurzsichtigkeit könnte dauerhafte, nicht wiedergutzumachende Schäden an Umwelt und Lebensbedingungen bedeuten. In dieser Situation läge es nahe, außergewöhnliche Ideen insbesondere zu sehr langfristigen Finanzierungsformen nicht mit dem Hinweis auf die Belastung künftiger Generationen abzutun. Auch in Österreich stünde eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit diesem wohlklingenden Argument an. Österreich ist sicher nicht das einzige Land, in dem Publicity die Politik kurzsichtig gemacht hat.  

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