Helmut Kramer

(*1939 in Bregenz) war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ab 1990 Honorar­professor an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Rektor der Donau-Universität Krems sowie Mitglied des Vorstands der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen ÖPIA.

Österreicher sein: erkämpft oder geschenkt

November 2018

Als ich, Maturant des Bundesgymnasiums Bregenz-Gallusstraße, zu Beginn meines Studiums in Wien zum ersten Mal eine für einen Studenten passende Unterkunft suchte, geriet ich an die Wohnungstür einer, wie das Namensschild besagte, Witwe eines k.u.k.-Generalstabsoffiziers. Mein Anliegen löste die Rückfrage aus: „Sind Sie Ausländer? Ich nehme keine Ausländer.“ Ich bekannte mich als Vorarlberger. Darauf: „ich hab‘ Ihnen doch gesagt, ich nehme keine Ausländer.“ Türe zu, Riegel vor.

Ich bin sicher, heute käme das nicht mehr vor, nicht gegenüber einem Vorarlberger. Doch fühlte ich mich daran erinnert, als ich dieser Tage in einer Tageszeitung den Leserbrief einer Akademikerin (DDr., doppelte Doktorin) las: „Es ist unfassbar, wie wir Steuerzahler von Zuwanderern ausgenommen werden. Diese Menschen leisten keinen Beitrag zum Sozialsystem und sprechen auch nach Jahren nicht Deutsch. Wer die deutsche Sprache nicht beherrscht, sollte vom Arzt eben nicht behandelt werden, so einfach ist das. Jeder kann in sein Heimatland reisen und sich dort in seiner Muttersprache behandeln lassen.“
So einfach ist das! Ihnen, verehrte Leserin, geschätzter Leser, brauche ich nicht zu erklären, warum das nicht so einfach ist. Ich werde auch nicht, wozu ich als Ökonom neigen könnte, argumentieren, dass internationaler Wirtschaftsaustausch, internationale Wanderungen und das Kennenlernen „fremder“ Menschen neben einer Reihe anderer Faktoren, auch bei uns zum Wohlstand beigetragen haben. Ja, Zuwanderer können auch kosten, sie können sogar mühsam und lästig sein, sogar unverschämt. Aber das gilt ja auch für Inländer. Und gerade bei Ärzten, die heikle Diagnosen in lateinischer Sprache mitzuteilen pflegen, ist Deutsch zu sprechen nicht unbedingt ein Muss. Abgesehen davon, dass das ärztliche Berufsethos gegen Unmenschlichkeit spricht.

„Sind Sie Ausländer? Ich nehme keine Ausländer.“ Ich bekannte mich als Vorarlberger. Darauf: „Ich hab‘ Ihnen doch gesagt, ich nehme keine Ausländer.“ Türe zu, Riegel vor.

Wir leben in einer Welt immer enger werdender globaler Zusammenhänge: wirtschaftlich, ökologisch, kulturell. Dass diese Entwicklung zu einer Falle werden könnte, davor hat Hans-Peter Martin vor mehr als 20 Jahren gewarnt („Die Globalisierungsfalle“ Hans-Peter Marin, Harald Schumann, 1996). Teilweise hat er recht behalten. Geradezu seherisch sein abschließendes Kapitel über „Das Ende der Orientierungslosigkeit: Die anhaltende Welle der Fremdenfeindlichkeit in der europäischen und amerikanischen Bevölkerung ist ein untrügliches Zeichen, dem die Politik längst Rechnung trägt. Für Flüchtlinge und Migranten werden die Menschenrechte mit immer schärferen Einwanderungsgesetzen und immer strengeren Überwachungsmethoden in fast allen Ländern Europas und in den USA zusehends beschränkt“. Das schrieben Martin und Schumann 1996, nicht 20 Jahre später. Seither kam die Währungsunion, die Ost-Erweiterung der EU auf 28 (minus 1?), die Finanzkrise 2008 und ihre mühsame Bewältigung, die längst zweifelsfreie Klimaerwärmung und schließlich auch noch Donald Trump und der Brexit. 
Die Klimaveränderung droht einzelnen Staaten und Regionen infolge ihrer geografischen Lage mit unerträglichen Nachteilen, die zur Flucht vor Not und aussichtsloser Zukunft zwingen werden. Die Zeiten, in denen die Europäer „am Fenster stehen und ihr Gläschen austrinken konnten, während hinten, in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen“ (der Bürger in Goethes Faust) sind vorbei; spätestens seit die „Völker“ 2015 und 2016 zu Hundertausenden mit Kindern und wenigen Habseligkeiten in Plastiksäcken zum Marsch aufbrachen und hautnah an unseren Fenstern vorbeizogen. Mittlerweile erinnern manche Politiker daran, gleich erkannt zu haben, dass da irgendetwas nicht in Ordnung ist. Seither wurden die „Fremdengesetze“ verschärft. 

In Europa und in den USA finden biedermeierliche politische Vorstellungen immer mehr Anhänger: hinter einem Mäuerchen oder einem Gartenzaun, geschützt vor den Stürmen der Welt, ein hübsches, gepflegtes nationales Gärtchen genießen zu können. Das sind Wachträume und längst nicht mehr realistisch. Sie könnten fatale Auswirkungen haben. Wer aus der Geschichte nicht lernt, ist verdammt, sie zu wiederholen. 
Die florierende österreichische Wirtschaft, das Handwerk und der Tourismus leiden unter Mangel an Nachwuchs. Nicht wenige arbeitswillige und lernfähige junge Menschen nehmen ihre Ausbildung in einem Lehrberuf auf, während ihr Asylverfahren noch läuft. Wenn aber nach Ansicht der Fremdenpolizei der Asylantrag nicht zu genehmigen ist, gilt die positive Beurteilung der Antragsteller durch die Gemeinde, die Nachbarn, den Lehrherrn und die Mitschüler nichts: Abschiebung auf Staatskosten vor Abschluss der Ausbildung. Zu den Kosten des Rücktransports hinzuzurechnen: verlorener Aufwand für Lehre und Schule, verlorene Bemühungen, Sprache und Beruf zu lernen, tiefe Frustration der Betroffenen, Verlust einer dringend benötigten Nachwuchskraft und lebenslange Frustration gegen das Land, das ihn zurückwies. Nicht zuletzt: Die Verständnislosigkeit vieler Einheimischer für die Sturheit der Obrigkeit wird wieder einmal bestätigt. Wahrlich, es ist nicht leicht, in Österreich offiziell zugelassen zu werden. 
Wenn aber andererseits, wie den Südtirolern, die Staatsbürgerschaft gratis angeboten wird, dem ist das offenbar zu billig. Sie wenden sich desinteressiert ab, auch wenn das ungebetene Geschenk von Wiener Ministern persönlich in Bozen offeriert wird.

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