Helmut Kramer

(*1939 in Bregenz) war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ab 1990 Honorar­professor an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Rektor der Donau-Universität Krems sowie Mitglied des Vorstands der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen ÖPIA.

Was, wenn das Klima tatsächlich unerträglich würde?

September 2021

Der jüngste Bericht des Klimarats der UN hat in den Medien für einige Schlagzeilen gesorgt: Der bedrohliche Klimawandel auf der Erde schreite rascher voran als bisher angenommen, er wird sich unvermeidlich weiter fortsetzen und ist auch kaum rückgängig zu machen. Der Klimawandel ist eindeutig auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen. Wirkungsvolle Politik, um noch schlimmere Perspektiven zu verhindern, müsste allerdings ohne weitere Verzögerung und mit bedeutendem Aufwand weltweit bewirkt werden. Nicht etwa nur auf dem Papier: Klimaschutz umfasst die vollständige Vermeidung von klimaschädlichen Emissionen, die vorausschauende Anpassung besonders der Infrastruktur und der Siedlungen an den unvermeidlichen Klimawandel sowie verstärkte technologische Innovationen zugunsten effizienter erneuerbarer Energien. Dies wäre mit tiefgreifenden Veränderungen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen verbunden. Nur so hätte die Menschheit Chancen, die weitere Erwärmung in erträglichen Grenzen zu halten. 
Der neueste Bericht beleuchtet grell, so man ihn überhaupt zur Kenntnis nimmt, eine der größten Herausforderungen, vor die sich die menschliche Gesellschaft je gestellt sah: Entweder man nimmt ihn ernst, da er ja wissenschaftlich gut gesichert ist, und besonders, da frühere Projektionen des Klimawandels sich in der Realität der letzten Jahre nicht nur als zutreffend, sondern sogar als unterschätzt herausgestellt haben. 
Andererseits nimmt zwar die ursprünglich bedeutende Zahl der Leugner des menschengemachten Klimawandels unter dem Eindruck von kaum für möglich gehaltenen Jahrhundert-Katastrophen ab. Aber Skeptiker befürworten auch nicht gleich eine konsequente Klimapolitik. Sie machen es wie der Vogel Strauß: Ob den untrüglichen Beobachtungen herannahender Gefahr stecken sie, besonders in den wohlhabenden Ländern, in denen die Früchte jahrzehntelangen materiellen Fortschritts zu genießen wären, den Kopf in den Sand. 
Durch radikalen Umbau der heutigen Verhältnisse den gewohnten Wohlstand aufs Spiel zu setzen, ist keine attraktive Option. Außerdem ist der immer ärger werdende Klimawandel zwar hochgradig wahrscheinlich; doch vielleicht fällt der naturwissenschaftlichen Forschung doch noch rechtzeitig ein Ausweg ein? Auch eine konsequente Klimapolitik, die die Klimaforscher (und die heranwachsende Jugend) vehement fordern, hat mit hohen Kosten und unwägbaren Risiken zu rechnen. 
Viele Menschen können sich einfach nicht vorstellen, dass die Lebensweise, wie wir sie gewohnt sind und die man in der Umgebung Mitteleuropas sehen kann, ein kurzes Ablaufdatum haben soll. Das verursacht auch noch in unserer Psychologie Widerstände: „Wir sind am Klimawandel nicht schuld“, „Wir haben nichts Unrechtes getan“, „Zuerst sollen es uns die Amerikaner oder die Chinesen vormachen“, „Ein kleines Land hat nur minimal Einfluss auf das globale Geschehen“. Generell wehren sich Völker und Gesellschaftsschichten, die etwas zu verlieren haben, gegen klimapolitische Konsequenzen. Und solche, die – wie die „Gelbwesten“ in Frankreich – eine Verteuerung der Monatskarten für die Öffis, begründet mit steigenden Treibstoffkosten der Verkehrsbetriebe um drei bis sieben Cent pro Liter Benzin oder Diesel, nicht hinnehmen wollen. Was, wenn sich Projektionen der Ökonomen als zutreffend herausstellen: Dass Klimapolitik ungefähr so viel Euro Treibstoffbesteuerung kosten würde, wie letzthin in Frankreich an Cent? Davor zuckt jede Politik zurück. 
Die österreichische Politik hat es bisher nicht der Mühe wert gefunden, dem Volk Hintergründe und Argumente sachlich und gemeinverständlich zu erläutern. Stattdessen wird mit hohlen Schlagworten („Vorreiter“, „keine neuen Steuern“, „sozial“, „unbürokratisch“) oder mit scheinbar epochalen Gesetzen herumgeworfen. Das kürzlich beschlossene Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG 2021) zählt 96 Seiten Bundesgesetzblatt und dazu noch 45 Seiten Erläuterungen. Nur darüber, wie der Ausbau finanziert wird oder wie er mit den Energieplänen der EU zusammenpasst, handelt das Gesetz nicht. 
Die Herausforderung dieser Generation durch den Klimawandel erfordert ein Umdenken weit über bürokratische und technokratische Pflichtübungen hinaus. „Klimawandel ist nicht ‚ein Problem‘, das ‚gelöst‘ werden muss. Er ist vielmehr ein ökologisches, kulturelles und politisches Phänomen, das die Art, wie wir über uns, über unsere Gesellschaft und über den Platz der Humanität auf der Erde denken, neu gestaltet.“ (M. Hulme, 2009). 
Der neue Bericht der Klimaforscher hält noch, wohl ein letztes Mal, daran fest, dass es für die heutigen Gesellschaften noch nicht zu spät ist, sinnvoll auf die näher gerückten epochalen Gefahren des Klimawandels zu reagieren. Wenn er auch deutlich macht, dass keine Zeit mehr verstreichen darf. Selten hat mich der Titel eines neuen Buches betroffener gemacht: „Was, wenn wir aufhören würden, uns vorzumachen, dass der Klimawandel noch gestoppt werden kann?“ (Autor Jonathan Franzen).

Mehr zur Warnung von Jonathan Franzen in der Oktober-Ausgabe von Thema Vorarlberg.

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