Helmut Kramer

(*1939 in Bregenz) war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ab 1990 Honorar­professor an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Rektor der Donau-Universität Krems sowie Mitglied des Vorstands der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen ÖPIA.

Weder Modegag noch „Planetenrettung“

Juli 2021

Die letzte Ausgabe von Thema Vorarlberg (Juni 2021) brachte eine Fülle von Anregungen zur Aktualität von Klimaschutz und Nachhaltigkeit – mit Ausnahme des Beitrags des zornigen Andreas Unterberger, der die Initiative der EU-Kommission für einen „Green Deal“ als „Planetenrettung“ verspottet. Angeblich werde die EU immer autoritärer, obwohl man sich aus Anlass der Pandemie ganz im Gegenteil ein weniger zögerliches Vorgehen der europäischen Führung in Brüssel gewünscht hätte.  
Vor der Corona-Krise, die Themen wie Umwelt und Klima abrupt ins Out drängte, hatte besonders das Engagement von Jugendlichen in „Fridays for Future“, angeführt von Greta Thunberg, breitere Beachtung in der Bevölkerung gefunden. Nicht alle Reaktionen darauf waren zustimmend. Heute marschiert Greta angeblich nicht mehr mit, sondern besucht wieder die Schule. 
Was aber Zuversicht weckt, ist die Nüchternheit der Wortmeldungen zum Thema aus Sicht von Führungskräften der Vorarlberger Wirtschaft und der Wissenschaft: Klimapolitik ja, weil notwendig, aber durchdacht und vernünftig. Diese pragmatische Einstellung zeichnet seit jeher die politische Kultur in Vorarlberg aus. Ähnliches trifft übrigens – in der gleichen Ausgabe – für die Stellungnahmen führender Politiker (Martin Purtscher und Hans Peter Metzler) zum Thema „Europa“ zu. Auch „Europa“ ruft im Ländle nicht blinde Begeisterung hervor, aber doch nüchterne Einsicht in die Vorteile des historischen Projekts und signalisiert die Bereitschaft konstruktiv mitzuwirken. Unterschiede zu der Distanz, die in letzter Zeit in Wien zu gemeinsamen Positionen der EU eingenommen wird, werden immer auffälliger. Budapest liegt näher bei Wien als Brüssel.
Auf einem anderen Blatt steht, dass die Einsicht in die Notwendigkeit einer realistischen Klimapolitik in großen Teilen der Bevölkerung noch sehr schwach sachlich fundiert ist. Das gilt nicht nur für Österreich, sondern auch etwa für EU-Mitglieder wie Deutschland, Frankreich und die Niederlande und für das Nicht-Mitglied Schweiz. Relativ bescheidene Vorstöße in Richtung Kostenwahrheit, wie sie David Stadelmann vorschwebt, etwa bei fossilen Treibstoffen, rufen in Paris rabiate Gelbwesten auf die Straßen, in Deutschland rechtsextreme Demonstranten und werden in der Schweiz von einer Bevölkerungsmehrheit per Volksabstimmung abgelehnt. 
Hier ist eine der bedeutendsten Schwachstellen für eine wirkungsvolle Politik der Nachhaltigkeit und der Bekämpfung des weiteren Klimawandels zu erkennen. Das Bewusstsein dafür wurde durch die Fehler, Unerfahrenheit und divergierenden wissenschaftlichen Stellungnahmen zur Pandemie-Bekämpfung behindert. Ähnlich wie beim Verhängen von gesellschaftlichen Lockdowns lösen Änderungen der gewohnten Rahmenbedingungen des täglichen Lebens, die die Klimapolitik vermutlich nicht umgehen wird können, psychologische Reaktionen aus, die bisher noch wenig akut schienen. Das hat sich seit dem Aufschwung von Protestbewegungen gegen notwendige gesundheitspolitische Maßnahmen geändert.
Gesellschaftliche Psychologie ist eines der fruchtbarsten Forschungsgebiete der letzten Zeit. In die Öffentlichkeitsarbeit der Politik finden ihre Erkenntnisse aber nur selten Eingang, und wenn, dann eher aus kurzfristig-taktischen als aus sachlichen Gründen. 
Zu den psychologischen Stolpersteinen der Klimapolitik zählt, dass ihr einseitig notwendige Verhaltensänderungen besonders der Konsumenten vorgehalten werden: vegetarisch essen statt Wiener Schnitzel, Eisenbahnfahren mit der misera plebs, statt beliebig fliegen zu können, was Herrn Unterberger besonders stört. Dabei bin ich ganz bei ihm, dass Flugtickets natürlich nicht bürokratisch zuzuteilen sein dürfen, sondern nur, dass die Tarife zu Vollkosten einschließlich Klimakosten und weitgehend ohne Subventionen durch die Steuerzahler kalkuliert werden müssen (bei der Bahn übrigens auch). 
Was der Klimapolitik hingegen bis jetzt weitgehend abgeht, sind Hinweise, was von ihr an Fortschritt für die moderne Gesellschaft erwartet werden kann: bessere Gesundheit und Lebenserwartung, dank neuer Technologien weniger Stress, bessere Wohnungen und verbesserter öffentlicher Raum, Abbau sinnloser Arbeitsroutine, sinnvollere Lebensgestaltung zu Lasten des ungezügelten Konsumerismus und besonders langfristig gesicherte Energieversorgung auf Basis von Sonnenenergie. Dass dem Wachstum des Brutto-Inlandsprodukts und der materialwirtschaftlichen Produktivität Grenzen gesetzt würden, ist nicht als Nachteil zu verstehen, sondern im Gegenteil als Anstoß zur Verbesserung der Lebensqualität und zu einer brauchbareren Messung von Wohlstand.

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