Helmut Kramer

(*1939 in Bregenz)  war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ab 1990 Honorar­professor an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Rektor der Donau-­Universität Krems.
Foto: Robert Newald

 

Zeitenwende

April 2022

Mittlerweile wird die Zeitenwende, deren krisenhafte Vorgänge wir am Beginn des 21. Jahrhunderts meist leidvoll miterleben, mit einem exakten Kalenderdatum versehen: dem 24. Februar 2022; jenem Tag an dem Wladimir Putin seine Truppen in der Ukraine einmarschieren ließ – entsprechend einem europäischen „Nine-Eleven“.
Putin will die Weltgeltung des untergegangenen russischen Imperiums wieder herstellen. Welche politischen Perspektiven sich für Europa ergeben werden, wenn Putins verbrecherischer Krieg ein Ende gefunden haben wird, kann heute niemand voraussehen. Die Vorteile intensiver Wirtschaftsbeziehungen ließen im Westen offenbar eine strengere Beurteilung der Veränderungen innerhalb des russischen Staates, die Missachtung fundamentaler Menschenrechte und die Unterdrückung jeglicher Opposition in den Hintergrund treten. 
Aber schon vor dieser historischen Katastrophe war unsere Generation von heute mit einer ganzen Reihe aktueller, teils bedrohlicher Herausforderungen in Anspruch genommen: 
Vom weltweiten Umsichgreifen einer hartnäckigen Pandemie, vom Dilemma der bedrohlichen Veränderungen der natürlichen Umwelt, von islamistischen Konflikten und Freiheitsbewegungen. Diese wirkten sich in riesigen Flüchtlings- und Wanderungsströmen auf der lebensgefährlichen Suche nach Sicherheit und besseren Lebensaussichten im „Westen“ aus. Verschärft werden diese Herausforderungen durch die Schwäche der europäischen und globalen Institutionen, durch widersprüchliche und wirklichkeitsfremde wirtschaftspolitische Anschauungen und durch Populismus, der die Abwendung Großbritanniens von der EU brachte und Donald Trump die Präsidentenwahl in den USA gewinnen ließ. 
Die vorherrschenden wirtschaftspolitischen Denkmodelle und Ideologien vermochten weder die heraufziehende weltweite Finanzkrise in den Jahren vor 2008 zu erkennen; erst recht nicht die auf längere Sicht anzunehmenden Spannungen zwischen dem Wirtschaftssystem und den Grenzen der Natur oder die der ungleichen Verteilung von Reich und Arm auf der Erde durch deregulierte Märkte. 
Dennoch erzielte die Menschheit besonders seit der Industrialisierung und verstärkt nach dem Kriegsende 1945 einen epochalen Zuwachs an materiellem Wohlstand und an Fähigkeiten. Dass dieser um den Preis einer Belastung von Umweltkapital erkauft wurde und dieses auf einem Planeten wie der Erde physische Grenzen aufweisen muss, ist eine banale, jedoch erstaunlich spät im zu Ende gehenden 20. Jahrhundert sich durchsetzende politische Einsicht. Die Beobachtung des Klimawandels und bedrohliche Zukunftsperspektiven, die sich aus der Verantwortung von Menschen dafür ableiten lassen, schränken den Optimismus der typischen ökonomischen Denkmodelle ein. Diese meinten annehmen zu können, dass knapp werdendes Naturkapital fast immer durch innovative Alternativen und steigende Effizienz des Verbrauchs ersetzt werden kann. Das stellt aber die nahezu selbstverständlich erscheinende Entwicklungsorientierung moderner Gesellschaften in Frage. 
Die Einsicht in die letztlich begrenzte Verfügbarkeit grundlegender natürlicher Ressourcen wirft zwei weitere Konsequenzen einer langfristig orientierten, besonders auch einer ethisch fundierten Politik auf: die Nutzung durch heutige Nutznießer schließt zwar gegenwärtigen Verbrauch nicht aus, aber dieser darf den notwendigen Bedarf nachfolgender Generationen nicht einschränken (Prinzip der Nachhaltigkeit, „Brundtland-Report“ 1987). Und gleichzeitig, auch unabhängig von Rücksicht auf folgende Generationen, muss Fairness der Verteilung der knappen Ressource auch im Rahmen von unvermeidlichen Interessengegensätzen gewahrt werden. 
Die Ansprüche an die Politik wurden durch die fortschreitende Globalisierung der Unternehmens­tätigkeit, der Informationsübermittlung und der kulturellen Verflechtung, die sich in den letzten Jahrzehnten vor der Jahrhundertwende durchgesetzt hatten, gesteigert. Einer der Schwerpunkte war die Liberalisierung des internationalen Kapitalverkehrs. Der globale Standortwettbewerb führte zu weltweiten Verlagerungen und zur Bildung weltweiter Zulieferketten. Nationale Steuerbehörden suchten die Standortwahl international planender Unternehmen durch Wettlauf um günstige Unternehmensbesteuerung zu beeinflussen. Leistungsfähige digitale Technologien, die Aufbereitung großer Mengen an Daten und Informationen als „Rohstoff“ sowie immer mehr der zunehmende Einsatz von künstlicher Intelligenz ließen eine früher nicht gekannte Intensität der Globalisierung entstehen, die auf nationale politische Ziele und demokratische Institutionen nicht immer Rücksicht nimmt. 
Scheinbar unabhängig von der ökonomischen Ebene erfasste 2019 die rasante Ausbreitung einer Virus-Pandemie nahezu alle Länder der Erde und kostete bis jetzt mehrere Millionen Menschenleben. Vor einem solchen Ereignis war die Politik zwar immer wieder gewarnt worden. Es wurde zwar als wahrscheinlich angesehen, doch vermochten die Warnungen nicht die für die Abwehr nötigen Informationen über Vorkehrungen zu liefern. Außerdem traten dabei, als der Notfall eintrat, rasch internationale und innerstaatliche Interessengegensätze auf. Die hautnahe Lebensbedrohung für viele Menschen räumte der Bekämpfung der Krankheit jedoch politisch Vorrang vor weniger akut scheinenden Problemen ein. 
Neue, zum Teil fundamental veränderte Rahmenbedingungen der künftigen Entwicklung überfordern die heutige Politik und die Einsicht vieler Menschen. Sie tragen zu Unzufriedenheit und Misstrauen, zu absonderlichen Verschwörungstheorien und zu tiefen, heillosen Divergenzen in Staat und Gesellschaft bei. 
Sie überfordern leider auch die Nutzung und die Vermittlung von Erkenntnissen durch Wissenschaft und Bildungssystem. Die bisher gültigen Erklärungsmodelle sowohl der Natur- wie auch der Sozialwissenschaften genügen für überzeugende Schlussfolgerungen nicht. Obwohl sie eindrucksvolle Computermodelle benutzt und damit hohen Ansprüchen zu genügen scheinen, ist besonders der Wert von Aussagen auf Basis der gebräuchlichen ökonomischen Denkmodelle beklagenswert dürftig. Das hat unter anderem mit deren Standard-Annahmen über Gleichgewichtszustände und über Rationalität von Entscheidungen zu tun. Damit wurden bis vor kurzem die Wirkungen der menschlichen Psychologie oder die Auswertung historischer Zeitpfade vernachlässigt. Ganz besonders blieben die Voraussetzungen und Folgen dynamischer Evolution einer Gesellschaft ungeklärt. Mit der Gefahr eines gesellschaftlichen Kollapses wurden allerdings eine Anzahl wissenschaftlicher Schriftsteller reich. 
Etliche der in den vergangenen Jahren akut gewordenen Krisen weisen untereinander erkennbare Zusammenhänge auf – auch der Ausbruch der verheerenden Pandemie, welcher durch Klimaerwärmung und billige interkontinentale Reisen begünstigt wurde. Die Häufung von krisenhaften Vorgängen in den abgelaufenen zwei Jahrzehnten lässt erkennen, dass zwar nicht alle heute zu beachtenden Rahmenbedingungen miteinander vernetzt sind, sondern auch unabhängig davon ihre Wirkung entfalten können, aber dass sie doch Elemente eines Systems netzwerkartiger Zusammenhänge sein mögen.
Für dessen Analyse haben sich aus älteren Ansätzen der Kybernetik und der Systemtheorie in den letzten Jahren eine Reihe von Denkschulen der Komplexitätsforschung geradezu stürmisch entwickelt: sie nehmen „Systeme“ oder „Netzwerke“ an, deren Elemente in der Regel nicht-linear zusammenhängen, mehrere Gleichgewichte, Wechselwirkungen, Rückkoppelungen und Kipppunkte aufweisen und zu Selbststeuerung fähig sind. Daraus ergeben sich mathematische Aufgaben, die erst mit ausreichender Computer-Leistung und hohen Anforderungen an die Datenbasis lösbar erscheinen. 
Die Komplexität der Entwicklung der Menschheit hat im 21. Jahrhundert als Folge des Abbaus nationaler Grenzen, den Abbau traditioneller Autoritäten und durch die individuelle Verfügbarkeit von Computerleistung und Daten enorm zugenommen. Sie ist dabei nicht durch die überkommenen Schranken der akademischen Disziplinen behindert und erlaubt Hoffnung auf realistischere Anleitungen der Politik. In diesem Sinn kann man von Merkmalen einer Zeitenwende sprechen.

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