Thomas Feurstein

Studium der Germanistik und Geografie, Bibliothekar an der Vorarlberger Landesbibliothek, Schwerpunkte: Landeskunde, Schule und Bibliothek

(Foto: © Gerhard Kresser/Vorarlberger Landesbibliothek)

 

Tatort: Kilometer 9,3

Mai 2019

Im Jahr 1963 ging die Meldung von einem spektakulären Überfall auf einen Postzug nahe London um die Welt. Eine Bande von mindestens zwölf Räubern erbeutete damals über zwei Millionen Pfund. Die Tat und die darauffolgende Flucht waren so aufsehenerregend, dass in Deutschland 1965 der dreiteilige Fernsehfilm „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ gedreht wurde, der sich als wahrer Straßenfeger entpuppte. In den Hauptrollen als Drahtzieher des Raubes Horst Tappert (später „Derrick“) und als leitender Kriminalbeamter Siegfried Lowitz (später „Der Alte“). Niemand in Vorarlberg hätte sich träumen lassen, dass Ähnliches im friedlichen Ländle passieren könnte, was sich allerdings als großer Irrtum herausstellen sollte.

Denn am 10. September 1965 um 18.17 Uhr verließ das Wälderbähnle den Bahnhof Bezau und machte sich auf den Weg nach Bregenz. Mit dabei ein Waggon der Post, begleitet von einem einzigen Beamten, der mehr als eine Million Schilling aus den Postämtern des Bregenzerwaldes sicher nach Bregenz bringen sollte. Zwischen den Stationen Doren und Langen wurde allerdings die nur schwach gesicherte Türe des Waggons aufgebrochen und der Postbeamte von hinten mit Messerstichen attackiert. Es entspann sich ein Kampf zwischen dem Angreifer und dem Wächter, bei dem beide Männer schwer verletzt wurden. Bei Kilometer 9,3 der Bregenzerwaldbahn, in der Nähe des Rickenbachtunnels, konnte der Postbeamte die Notbremse ziehen und das Zugpersonal zu Hilfe rufen. Da der Täter schon längst ohne Beute geflüchtet war, setzte der Zug seine Fahrt fort, um den Verletzten so schnell wie möglich in ein Krankenhaus zu bringen.

Die sofort eingeleitete Fahndung nach dem Täter verlief zunächst ergebnislos, da ihm mehrere Fluchtwege offen standen. Auf der einen Seite der Bregenzerache ein Pfad nach Langen und auf der anderen Seite des Flusses ein Weg nach Buch, der über einen Steg erreichbar war. Als dann auch nach einigen Tagen der Täter immer noch flüchtig war, musste die kriminalistische Kleinarbeit beginnen. So brachte die Gendarmerie etwa in Erfahrung, dass im Gefängnis schon seit längerem darüber gesprochen wurde, dass es lukrativ wäre, das Wälderbähnle zu überfallen, da an jedem 10. des Monats große Summen an Bargeld praktisch unbewacht nach Bregenz transportiert würden. Außerdem seien in Wirtshäusern ähnliche Pläne geschmiedet worden.

Erste konkrete Hinweise kamen dann aus Rorschach: Die beiden Messer, die als Tatwaffen verwendet wurden, kaufte der Täter hier am frühen Nachmittag des 10. Septembers. Der Steckbrief, der aufgrund der Angaben des Verkäufers verfasst werden konnte, wurde dann in den „Vorarlberger Nachrichten“ vom 13. September veröffentlicht: „Circa 22 Jahre alt, etwa 175 cm groß, schlank bis kräftig, hat dunkles Haar. Er trug einen dunklen Rock und ein helles Hemd ohne Krawatte, er sprach österreichischen Dialekt mit Vorarlberger Einschlag.“ Für Hinweise wurde eine hohe Belohnung von 10.000 Schilling ausgesetzt. Vor allem die Fahrgäste aus den Personenwagen des betroffenen Zuges wurden aufgefordert, Beobachtungen über auffällige Fahrgäste der Gendarmerie weiterzugeben. Es wurde davon ausgegangen, dass der Täter sich zuerst als Fahrgast im Zug aufgehalten hatte, um dann den Postwaggon aufzusuchen. Es konnte allerdings auch nicht ausgeschlossen werden, dass er auf offener Strecke auf den langsam fahrenden Zug aufgesprungen war. Da der Täter bei dem Kampf an den Händen und im Gesicht erheblich verletzt worden war, wurden Arbeitgeber aufgefordert, Krankenstände zu melden, die am Tag der Tat begonnen hatten. Trotz der intensiven Fahndung in ganz Vorarlberg und im benachbarten Ausland konnte in den ersten Tagen kein Erfolg vermeldet werden. Auch die „Vorarlberger Nachrichten“ konnten es kaum glauben, dass ein verletzter Täter sich in Luft auflösen konnte: „Nicht nur erfahrene Kriminalbeamte stehen vor einem Rätsel, wie es einem Verletzten gelingen konnte, dermaßen spurlos zu verschwinden. Irgendjemand muss ja den Übeltäter gesehen haben, irgendjemand muss ihn ja zumindest mit Essen versorgen!“ Als nach zehn Tagen immer noch kein Fahndungserfolg eingetreten war, wurde die Suche auf Alpgebiete des Bregenzerwaldes ausgedehnt. Vier Doppelpatrouillen der Gendarmerie durchkämmten, unterstützt von einem Hubschrauber des Innenministeriums, die Heu- und Alp­hütten des vorderen Bregenzerwaldes. Aber letztlich blieben alle Maßnahmen erfolglos, der Täter blieb unauffindbar.

Ob der Täter je gefasst wurde, lässt sich aus heutiger Sicht nicht mehr rekonstruieren. Den entsprechenden Akt halten die Sicherheitsbehörden unter Verweis auf Daten- und Personenschutz unter Verschluss, wie auf Anfrage mitgeteilt wurde.
Wenn in Vorarlberg Spektakuläres passierte, über das es sich zu berichten lohnte, war der freie Fotograf Oskar Spang mit seiner Leica nicht weit weg. Der Überfall auf das Wälderbähnle lockte ihn an den Tatort, wo er den Waggon, die Gendarmerie und später im Krankenhaus auch den übel zugerichteten Postbeamten fotografierte. Diese Fotos befinden sich im Spang-Fotoarchiv, das im Moment in einer Kooperation des Stadtarchivs Bregenz mit der Vorarlberger Landesbibliothek digitalisiert und in der Folge der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

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