Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

Unter welchen Bedingungen Menschen kreativer sind

September 2022

Unser Wohlstand hängt von der Kreativität und der Innovation in unseren Unternehmen ab. Durch die Pandemie hat sich aber die Form der Zusammenarbeit massiv verändert. Immer größere Teile der offiziellen Arbeitszeit werden im Home­office verbracht. Damit einher gehen (unzählige) Videokonferenzen. Dass diese – im Vergleich zu persönlichem Austausch an einem gemeinsamen Ort – weniger geeignet für kreative Prozesse und Innovation sind, zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie im Wissenschaftsmagazin „Nature“.
Wer kennt sie nicht, die zahlreichen Videokonferenzen, die unseren Arbeitsalltag seit Beginn der Pandemie maßgeblich geprägt haben? Natürlich ist es ein Segen, dass die Pandemie zu einer Zeit begann, als die technischen Möglichkeiten für massenhaftes Arbeiten von zuhause bei gleichzeitiger Vernetzung mit den Kolleginnen und Kollegen im eigenen Unternehmen gegeben waren. Nicht auszudenken, wie stark unsere Arbeitsprozesse – und damit der wirtschaftliche Wohlstand – eingeschränkt worden wären, wenn der gegenwärtige Grad an Digitalisierung unserer Wirtschaft noch nicht erreicht gewesen wäre. Mittlerweile zeichnet sich eindeutig ab, dass die Pandemie nochmals einen starken Schub für die Digitalisierungsprozesse in Unternehmen gegeben hat und dass ein substanzieller Teil unserer Arbeitszeit in Zukunft von zuhause aus stattfinden wird. Damit verändert sich natürlich auch die Art der Zusammenarbeit. Teammeetings finden immer häufiger virtuell statt.
Eine kürzlich publizierte Forschungsarbeit von Melanie Brucks und Jonathon Levav ist der spannenden Frage nachgegangen, ob die Art der Zusammenarbeit – physisch im selben Raum oder virtuell vor dem Bildschirm – einen Einfluss auf die Kreativität hat. Diese Frage ist für Innovationsprozesse in Unternehmen von großer Bedeutung – und damit auch für den Wohlstand unserer Gesellschaft.
Wenn man physische Treffen und Videokonferenzen miteinander vergleicht, ist es nicht sofort klar, ob man Unterschiede hinsichtlich der Kreativität beim Herangehen an Probleme erwarten sollte. Videokonferenzen haben – im Gegensatz etwa zu Telefongesprächen, oder mehr noch im Vergleich zu E-Mails oder Briefen – den Vorteil, dass gleichzeitig Ton und Bild übermittelt werden, was bedeutet, dass auch nicht-verbale Signale (sofern sie im Bildausschnitt sichtbar sind) wahrgenommen werden können. Man kann dadurch Emotionen und Reaktionen des Senders und Empfängers von Nachrichten sehr schnell erkennen. Das ist wichtig, um Inhalte rasch erfassen und einordnen zu können.
Brucks und Levav haben für ihre Studie ungefähr 1500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines international operierenden Telekommunikationsunternehmens jeweils in Teams aus zwei Personen für eine Stunde über Lösungen für aktuelle Probleme im Unternehmen diskutieren lassen. Dabei waren die Teams entweder im selben Raum und saßen sich an einem Tisch gegenüber oder sie waren in zwei verschiedenen Räumen, konnten aber über eine Videokonferenz die jeweils andere Person (etwa ab Brusthöhe) auf ihrem Computer sehen und hören. Die Autoren der Studie ließen dann die aufgezeichneten Gespräche (sowohl die persönlichen als auch die Videokonferenzen) von mehreren Gutachtern analysieren im Hinblick auf die Anzahl der diskutierten Lösungen und deren Kreativität bezieh­ungsweise Innovationsgehalt.
Dabei zeigte sich, dass die Teams mit persönlicher Begegnung im selben Raum ungefähr 15 Prozent mehr Ideen erzeugten, deren Kreativität (auf einer Skala von 1 bis 7) auch um circa 15 Prozent höher eingeschätzt wurde. Dieselben qualitativen Ergebnisse fanden die Autoren auch in einer Laborstudie mit über 600 Studierenden.
Wie lassen sich diese Ergebnisse erklären? Brucks und Levav argumentieren, dass Videokonferenzen die Wahrnehmung und damit auch die kognitiven Prozesse einschränken. Bei den Videokonferenzen konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beispielsweise deutlich schlechter an andere Gegenstände in ihren jeweiligen Räumen erinnern, als das beim persönlichen Treffen in einem Raum der Fall war.
Videokonferenzen führten eher dazu, dass sich die Teilnehmer auf die Kästchen auf ihrem Bildschirm konzentrieren und den Rest ihrer Umgebung viel stärker ausblendeten. Dazu passt, dass es beim persönlichen Treffen im selben Raum viel häufiger vorkam, dass die Teilnehmerinnen auch einmal den Blick im Raum herumschweifen und dabei möglicherweise auch den Gedanken mehr Raum ließen, als das in Videokonferenzen der Fall war, bei denen fast doppelt so viel Zeit direkt ins Gesicht der anderen Person geschaut wurde. Tatsächlich ist es so, dass die Häufigkeit, mit der jemand den Blick im Raum herumwandern ließ, positiv korreliert mit der Anzahl der entwickelten Ideen war. Also nichts für ungut, wenn der Gesprächspartner beim nächsten Meeting nicht permanent auf sie fixiert ist.
Brucks und Levav zeigen, dass die unterschiedliche Kreativität bei physischen oder virtuellen Treffen nicht davon beeinflusst ist, ob man den Gesprächspartner kennt oder nicht, wie stark man ihm vertraut oder welche verbalen oder non-verbalen Inhalte jemand sendet. Es scheint vielmehr entscheidend zu sein, dass die Videokonferenzen es schwerer machen, über den Teller(Bildschirm-)rand hinauszuschauen, was bei kreativen Prozessen aber wichtig ist. Daraus schließen die Autoren, dass die Zeit physischer Meetings vor allem für kreative Prozesse genutzt werden sollte, weil diese im Rahmen von Videokonferenzen schwieriger zu gestalten sind. Interessanterweise zeigt sich, dass die Auswahl zwischen verschiedenen Ideen – wenn man also aus einer längeren Liste die beste wählen soll – sowohl bei physischen Treffen als auch bei Videokonferenzen gleich gut funktioniert. Es ist also das Generieren von Ideen, wofür die Art des Treffens bedeutsam ist.

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