Thomas Feurstein

Studium der Germanistik und Geografie, Bibliothekar an der Vorarlberger Landesbibliothek, Schwerpunkte: Landeskunde, Schule und Bibliothek

(Foto: © Gerhard Kresser/Vorarlberger Landesbibliothek)

 

Ein glühender Europäer

November 2018

Am 12. November 2018 feiert Altlandeshauptmann Dr. Martin Purtscher seinen 90. Geburtstag. Zu diesem Anlass wird am 9. November im Kuppelsaal der Vorarlberger Landesbibliothek gratuliert: Zahlreiche Weggefährten und Freunde haben in einer Festschrift, die an diesem Abend präsentiert wird, ihre Erinnerungen an Martin Purtscher festgehalten. Es ist kein Zufall, dass im Gallusstift gefeiert wird, war der Jubilar doch immer ein Förderer der Vorarlberger Landesbibliothek – so fiel etwa auch die Eröffnung des Kuppelsaals, der ehemaligen Stiftskirche, in seine Amtszeit.

Ein stichwortartiger Lebenslauf, von ihm selbst verfasst, skizziert seinen privaten und beruflichen Werdegang: geboren am 12. November 1928 in Thüringen – sechs Geschwister – Vater ist Kleinbauer, Volksschule in Thüringen (1934 bis 1942), Handelsschule in Feldkirch (1942 bis 1944), Einberufung im Juli 1944 – Handelsakademie 1945 bis 1948 – Matura – Angestellter bei Lorünser Leichtmetall – 1948: Jus-Studium als Werkstudent – Promotion Dr. jur 1953 – im selben Jahr Geschäftsführer bei Lorünser Leichtmetall – 9. September 1954 Hochzeit mit Gretl Hübner – drei Töchter: Sabine 1958, Vera 1961, Carola 1966 – 1964 Suchard Bludenz Geschäftsführer, nach Fusion mit Jakobs-Kaffee und Erwerb von Mirabell (Salzburg) und Bensdorp General Manager von Jakobs Suchard Österreich. Politik: Gemeindevertreter Thüringen 1954 bis 1968, Landtagsabgeordneter von 1964 bis 1987, davon Landtagspräsident 1974 bis 1987, Landeshauptmann 1987 bis 1997. Ruhestand: 1997 bis 2000 Regierungsbeauftragter für Vorbereitung, Gestaltung und Leitung der österreichischen Beteiligung an der Expo 2000 in Hannover, Aufsichtsratsvorsitzender der VIW und VKW von 1995 (Aktienerwerb) bis 2003. Stiftungsrat bei diversen Stiftungen.
Bei der Lektüre von Purtschers Memoiren wird schnell erkennbar, dass es während seiner Amtszeit als Landeshauptmann einige Schwerpunkte gab, die für ihn eine besondere Bedeutung hatten:

EU-Beitritt

In seiner Abschiedsrede vom Amt des Landeshauptmanns vom 2. April 1997 zog er im Landtag Bilanz über seine Amtszeit: „Als junge Menschen im Krieg träumten wir von einem Europa in Frieden durch Freiheit und Gerechtigkeit. Ein verwegener Traum angesichts Abermillionen getöteter, vertriebener, geschundener Menschen. Doch weitblickende Menschen reichten sich vor bald 50 Jahren die Hände und gingen beherzt daran, diesen Traum zu verwirklichen. Ein geeintes Europa in Frieden ist aber weder voll verwirklicht noch auf Dauer gesichert. Es ist auch unsere Aufgabe, daran mitzuwirken, es ist auch unsere Chance. Und deshalb war der Beitritt Österreichs mein größtes politisches Ziel. Die Herausforderungen sind zugegebenermaßen enorm: Die unbedingt notwendige Währungs-Union, die EU-Osterweiterung, die Sicherheitsfragen. Und entscheidend kommt es für mich auch darauf an, Europa vom Kopf auf die Füße zu stellen. Das Europa von morgen kann für mich nur ein ,Europa der Regionen‘ sein, ein Europa mit regionaler Identität. Wo sonst soll die Zukunft Europas liegen, wenn nicht in seinen Regionen, die weltoffen Heimat bieten?“
Da Purtscher schon als Vorsitzender der Europa-Kommission jahrelang damit betraut war, die Vor- und Nachteile eines Vollbeitritts zu analysieren, war es naheliegend, ihn auch bei den finalen Verhandlungen in Brüssel einzusetzen. Den 65-stündigen Verhandlungsmarathon, der der endgültigen Entscheidung voranging, beschreibt Purtscher in seinen Memoiren als das strapaziöseste und zugleich berührendste Erlebnis seines ganzen Berufslebens. Als glühender Verfechter der europäischen Idee, bezeichnet er den 12. Juni 1994 als persönlichen Freudentag, als die österreichische Bevölkerung mit 66 Prozent Zustimmung den Beitritt Österreichs zur Europäischen Union letztlich möglich machte.

Kauf der Illwerke

Den Tag, als es nach vielen Jahren langwieriger Verhandlungen dem Land Vorarlberg gelang, die Bundesanteile an den Vorarlberger Illwerken zu erwerben, bezeichnete Purtscher als den glücklichsten in seinem Leben – den Hochzeitstag allerdings ausgenommen. Am 9. November 1995 wurde im Kriegssaal des Finanzministeriums, dem ehemaligen Palais von Prinz Eugen, der Vertrag von Finanzminister Staribacher und Landeshauptmann Purtscher unterzeichnet. Ein besonderes Verdienst um den Kauf der Illwerke-Anteile gebührte laut Purtscher Landesstatthalter Herbert Mandl und Vorstandsdirektor Rainer Reich, die beide für ihre außerordentlichen Verdienste mit dem Goldenen Ehrenzeichen des Landes Vorarlberg ausgezeichnet wurden.

Gründung der Fachhochschule Vorarlberg

In seiner Antrittsrede vom 9. Juli 1987 kündigte Purtscher an, Vorarlberg zu einem Land der Bildungsoffensive machen zu wollen. Die Tatsache, dass von den Vorarlberger Studierenden damals nur 27 Prozent beabsichtigten, nach dem Studium wieder in ihr heimatliches Bundesland zurückkehren zu wollen, gab den Anstoß, den „Verein Technikum Vorarlberg“, eine Vorläuferinstitution zur „Fachhochschule Vorarlberg“ zu gründen. Mit dem Fachhochschulgesetz, 1993 im Parlament beschlossen, wurde der Weg frei für die „Fachhochschule Vor­arlberg“. Mit dem neuen Gesetz wurde es auch für Länder, Gemeinden, Interessensvertretungen und private Investoren möglich, als Fachhochschulträger zu fungieren. In seiner Eröffnungsrede am 30. September 1992 definierte Purtscher die ehrgeizigen Ziele der künftigen Fachhochschule: 1000 Studenten in den Bereichen Technik, Wirtschaft und kreativ orientierten Bereichen wie etwa Design oder Multimedia. Die Träume Purtschers wurden bei Weitem übertroffen, so sind im Moment 1350 Studierende an der FH Vorarlberg inskribiert.

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