Kurt Bereuter

56, studierte BWL, Philosophie und Politikwissenschaften. Organisationsberater und -entwickler, freier Journalist und Moderator, betreibt in Alberschwende das Vorholz-Institut für praktische Philosophie.

Hofnarren in die Politik?

Juli 2022

Ja klar, Hofnarren lebten lustig – aber auch gefährlich, waren sie doch die Überbringer der schlechten Nachrichten und machten sich auch noch lustig darüber. So manch einer habe es gar übertrieben und wurde um einen Kopf kürzer. Aber wertvoll waren sie allemal.
Und heute? Ich wäre gerne ein Hofnarr (gewesen).

Aus einer Andelsbucher Bauernfamilie stammte der vermutlich einzige deklarierte Hofnarr des Bregenzerwaldes: Hans Bach. Er war Ende des 16. Jahrhunderts Hofnarr der Württembergischen Herzogin und wurde von Herzog Friedrich als „Spielmann und des Fürsten kurzweiligen Rat“ bezeichnet.

Dem Hofnarren ist die Wahrheit erlaubt 

Hofnarren waren meist kuriose und auffällige Gestalten – manchmal mit der bekannten Narrenkappe – die den Hof mit ihren Späßen, Streichen, Versen aber auch mit Musik unterhielten. Dabei gab es für ihre geschulte Zunge und ihren scharfen – oft zynischen Geist – kaum Grenzen und sie durften aussprechen, was jedem anderen ernsthaften Gesellen Stellung, Kopf und Kragen kosten konnte. Die Wahrheit war zwar oft unangenehm zu hören – aber mitunter von großer Bedeutung für die Herrschenden. Denn die Herrschenden lebten in der isolierten Gesellschaft des Hofes im Zentrum der Macht, wo es sich anzupassen und tunlichst nicht die Inhaber der Macht zu beleidigen, zu verstören oder gar um ihren Schlaf zu bringen galt, wollte einer Günstling bleiben und im Kreise der Mächtigen sich durch Bewunderung dessen seine Stellung bewahren. Dem Hofnarren war erlaubt – ja es wurde von ihm sogar erwartet – die höfischen Regeln zu durchbrechen und durch Spott und Zynismus unangenehme Wahrheiten ans Licht zu bringen, um damit auf mögliche drohende Gefahren für den Hof hinzuweisen. 

Von Bubbles und Freidenkern

Heute reden wir von Bubbles, von Blasen, in denen sich jeder einzelne von uns geistig befindet, auch die heute Mächtigen. Von Unternehmensleitern bis zu Politikern, die sich alle allzu gerne mit Gleichgesinnten, Gleichdenkenden, „Jasagern“ umgeben und nach jenen suchen, die ihren Weg für den einzig richtigen erachten. Das gehört dann oft zur falsch verstandenen Loyalität. Nämlich loyal nicht zur Sache, sondern zum Herrscher, zu dem, der an den (vermeintlichen) Schalthebeln der Macht sitzt. Daneben gibt es die sogenannten Freidenker, die gewohnte Bahnen hinterfragen, Dinge ganz anders empfinden, anders einordnen und neue Wege erkennen und manch längst ausgetretene Pfade verlassen wollen. Als so „bunte Hunde“ wie die Farben der Narrenkappe werden sie anfänglich oft geachtet, um dann wieder vom „Hof“ gejagt zu werden, wenn das Spiel der „Narren“ vorbei ist, um die alte Ordnung – die bewährt und bequem zu sein scheint – wieder herzustellen. Eitel und karriereambitioniert darf so ein Hofnarr oder ein Freigeist nicht sein, denn er muss es gewohnt sein, weitergetrieben zu werden und seine unsichtbare Narrenkappe sichtbar zu tragen, sonst kann er seiner Rolle nicht gerecht werden. Aber im Auge behalten werden muss er, der Hofnarr, der Freidenker, denn er hat den Schlüssel zur Reflexion des Handelns der Mächtigen um den Hals hängen. 

Der Hofnarr als Rat

So wie Hans Bach auch als „kurzweiliger Rat“ bezeichnet wurde, ist es vielleicht auch klug, sich einen solchen „Hofnarren“, nennen wir ihn jetzt Freidenker, in die eigenen Reihen zu holen, um sich einerseits die Kritik hereinzuholen und quere Wege aufgezeigt zu bekommen und andererseits die Kritik an sich selbst heranzuholen und heranzulassen. Der deutsche Spitzenbanker Alfred Herrhausen, der in Schwarzenberg gerne urlaubte und 1989 das vermeintlich letzte Todesopfer der RAF wurde, hatte eine Schwäche für das kritische Denken und genau das machte ihn stark. Und er spielte noch kurz vor seinem Tod mit dem ernsthaften Gedanken, einen Innsbrucker Philosophen und Wirtschaftsethiker als solchen in sein Team zu holen. Einen, der die Fähigkeit hat, drinnen (im System) und draußen (in der Welt) zu sein, zu beobachten, in Worte zu fassen, zu begründen und zu argumentieren und im Diskurs zu bestehen. Oder unterzugehen, ohne daran zu zerbrechen. Eigentlich eine urdemokratische Angelegenheit. Das Streben nach Macht, nach Aufstieg und Geld darf dem Hofnarren nicht eigen sein, denn dies würde seiner Rolle widersprechen und ihn auch korrumpierbar machen, wodurch er sich von den anderen Günstlingen des Hofes nicht mehr unterscheiden würde. Loyalität zur Wahrheit und zur klaren Ansage sind seines. Geld und formale Macht kann ihn nicht in Versuchung bringen. Er bewahrt mit seiner wahrheitsgemäßen Kritik damit die Herrschenden vor ihrer eigenen Überheblichkeit, vor ihrem Gefängnis der eigenen Blase und vor ihrem Abgehobensein vom Rest der Bevölkerung. 

Zur historischen und gegenwärtigen Einordnung

Wenngleich historisch nicht überliefert ist, wie viele Hofnarren tatsächlich neben dem Spiel Bedeutendes bewirkt haben oder gar ihre Herrscher vor Unheil bewahrt haben, ist ihre Rolle zumindest faszinierend und erlaubt Gedanken wie die obigen. Seit der Aufklärung sollten die „Narren“ nicht mehr nötig sein und waren es dennoch, um vor großem Unheil zu warnen. Man denke nur an Charlie Chaplin als Imitator Hitlers oder an manches Kabarett, das den Politiker:innen den Spiegel ungeschminkt vorhält. Daneben gibt es auch noch die beratende Zunft, die sich an den Hofnarren ein Vorbild nehmen könnte. Nämlich, ohne persönliches Kalkül, auf die Wahrheit und die wunden Punkte hinzuweisen und nicht dem langjährigen Engagement zuliebe dem „Mund des Herren“ nachzureden, ganz nach dem Motto „Die Hand, die einen füttert, beißt man nicht“. Das nützt über die Länge weder dem Berater noch dem Beratenden und schon gar nicht der Sache. Fehlentwicklungen klar benennen, blinde Flecken sichtbar machen und mutig ansprechen wäre ihre Sache. Dann sollte nicht passieren, dass einer „zu lange zugeschaut“ hat. Ich wäre gerne ein Hofnarr (gewesen).

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