Thomas Feurstein

Studium der Germanistik und Geografie, Bibliothekar an der Vorarlberger Landesbibliothek, Schwerpunkte: Landeskunde, Schule und Bibliothek

(Foto: © Gerhard Kresser/Vorarlberger Landesbibliothek)

 

Kabarett muss „Biss“ haben

Dezember 2019

Man widerspreche mir. Es gibt derzeit in Vorarlberg kein politisches Kabarett. Es gibt ausgezeichnete Kabarettisten und Kabarettistinnen. Aber sie machen griffiges Beziehungskabarett und schleichen um die brisanten politischen Themen wie Katzen um einen zu heißen Brei. Zu feige? Zu wenig sozio-politischer Background?“ Mit diesen Worten leitete 2012 Günther Hagen in der Zeitschrift „Kultur“ einen Artikel ein, in dem er an die „Wühlmäuse“ erinnert, die zwischen 1964 und 1988 mit ihrem bissigen Programm immer vor vollen Häusern spielten und pro Jahr zwischen 7000 und 10.000 Zuschauer in die Vorarlberger Säle lockten. In Rankweil hatte sich um das Ehepaar Heiner und Gertrud Linder eine 15-köpfige kreative Gruppe gebildet, zu der unter anderem Klaus Schöch und der Musiker Gerold Amann gehörten. Die Generallinie des Programms formulierte Heiner Linder wie folgt: „Wir versuchen ganz einfach dem Volk aufs Maul zu schauen. Wir sind nicht prinzipiell gegen etwas, aber gegen jedes Denken in Viererreihe. Was wir anstreben, ist: der Wahrheit eine Gasse.“ Diffamierung war den Wühlmäusen fremd, wenn Politiker und die Obrigkeit aufs Korn genommen wurden, bildeten umfangreiche Recherchen die Basis für die Pointen. So gelang es den Wühlmäusen all die Jahre ihrer kabarettistischen Aktivität ohne Anzeigen zu überstehen. Sie bewahrten immer ihre Unabhängigkeit, da sie nie Subventionen erhielten und sich ausschließlich über die Einspielergebnisse finanzierten.
Mitten in die „Immer wieder Österreich“-Euphorie rund um das legendäre Cordoba-Match während der Fußballweltmeisterschaft in Argentinien verfasste Werner Hagen folgenden Beitrag für die Wühlmäuse. In einem imaginären Gespräch mit dem dortigen Diktator Jorge Rafael Videla preist der heimische Fußballfan in Vorarlberger Mundart die Vorzüge der österreichischen Demokratie:
„Dio Militärdiktatura siond blöd. As kut doch viel billiger, a Theatorgruppo vo 183 Abgeordnata z’ erhaltod, wo dom Volk a Demokratie vorspilat, odr? As wio a starks Militär, wo d’ Gegnar varfolgat. Dio söllond doch d’ Opposition schwätzo lo, dämm muont’s Volk, as leab inam freio Staat, odr, und d’ Mehrheit ka doch tuo, was do Kreisky will, odr do Kesslar odr do Bilz odr do Mayer. Lioba Videlas, wenn i dor was säga darf, du muoßd do Schein wahren von ar Demokratie, dänn muoßt kuone macha.“
Die „Wühlmäuse“ waren ganz frühe Exponenten einer Bewegung, die die kulturelle Enge in Vorarlberg aufzubrechen versuchte. Das Musikfestival „Flint“ 1970 in Koblach, die Bregenzer Randspiele in den 80er Jahren, die Aktivitäten rund um das „Offene Haus“ in Dornbirn sowie etwa die Publikationen des Fink’s Verlag waren weitere Ausprägungen einer spürbaren Veränderung. „Mittendrin statt nur dabei“ Reinhold „Nolde“ Luger, der über viele Jahre hinweg das grafische Erscheinungsbild der gesamten Bewegung prägte. Die Plakate für die Aufführungen der Wühlmäuse zeugen von seiner intensiven Auseinandersetzung und Identifikation mit den Inhalten des Programms. Zudem betätigte sich Luger auch als Autor von Mundarttexten für die Wühlmäuse.
Günther Hagen wird mir verzeihen, wenn ich ihm tatsächlich widerspreche. Denn es gibt „Die Spechte“, die seit ungefähr 20 Jahren die Tradition des politischen Kabaretts in Vorarlberg pflegen. Wie die Wühlmäuse in Rankweil beheimatet, begeistern sie in unregelmäßigen Abständen mit ihrem „Vorwahlabend“ ihr Publikum. Die Wurzeln sind unverkennbar, ist doch ein „Specht“, Angelika Kerschhaggl-Linder, die Tochter der Wühlmäuse Heiner und Gertrud Linder.

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