Matthias Wittrock
Thomas Feurstein

Studium der Germanistik und Geografie, Bibliothekar an der Vorarlberger Landesbibliothek, Schwerpunkte: Landeskunde, Schule und Bibliothek

(Foto: © Gerhard Kresser/Vorarlberger Landesbibliothek)

 

Ruhe, Sonne und viel frische Luft

März 2019

Die Wiener Krankheit, wie die Tuberkulose (TB) auch genannt wurde, ist in Europa mittlerweile fast in Vergessenheit geraten. So erkranken in Vorarlberg nur noch etwa 20 Menschen pro Jahr an der Infektionskrankheit und wo sie zum Ausbruch kommt, ist sie im Allgemeinen mit Antibiotika gut behandelbar.

Ganz anders war das in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als TB in der ganzen österreichischen Monarchie noch weit verbreitet war. Am Ende des 19. Jahrhunderts war TB in Wien für etwa 25 Prozent aller Todesfälle verantwortlich. Obwohl auch Vorarlberg von der ansteckenden Krankheit stark betroffen war, lehnte der zuständige Landesausschuss noch 1913 den Antrag auf eine eigene Heilstätte für Tuberkulosekranke aus finanziellen Gründen ab. Erst der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die vielen damit verbundenen Neuerkrankungen von Soldaten bewogen das Land Vorarlberg, ein Komitee einzusetzen, das sich mit der Einrichtung einer Heilstätte befasste. Den Anstoß dafür hatte der „Volksverein zur Bekämpfung der Tuberkulose in Tirol und Vorarl­berg“ gegeben.

Zunächst musste ein geeigneter Standort gefunden werden, der vor allem viel Sonne und gute Luft zu bieten hatte. Zudem sollte die Heilstätte verkehrsgünstig gelegen sein und sich mit einer eigenen Landwirtschaft versorgen können. Die Wahl fiel dann auf ein Areal an der Sonnenseite des Walgaus, an der Gemeindegrenze von Schlins und Bludesch. Willibald Braun, einem der renommiertesten Vorarlberger Architekten der damaligen Zeit, wurde die Bauleitung übertragen. Nach der offiziellen Eröffnung der Heilstätte am 11. August 1920 wurden sofort tuberkulosekranke Soldaten und wenig später auch Zivilisten zur Behandlung aufgenommen.

Da zur damaligen Zeit medikamentöse Behandlungen noch nicht genügend entwickelt waren, beschränkte man sich im Wesentlichen auf konservative Therapieformen. Den Kranken sollten möglichst optimale Bedingungen geboten werden, um sich zu erholen. Weitab von Arbeit und Alltag sollten Ruhe, viel frische Luft und eine gute Ernährung die Heilung beschleunigen. In Gaisbühel wurde diesen Anforderungen auch architektonisch Rechnung getragen, so wurde eine Freiluft-Liegehalle errichtet, in der die TB-Kranken viele Stunden des Tages verbringen mussten. Dies alles streng nach Geschlechtern getrennt: Wenn etwa die weiblichen Patientinnen ihre Spaziergänge machten, besuchten die Männer die Liegehalle.

Auf historischen Fotos von solchen Liegehallen sind häufig Fieberthermometer oder „stumme Schwestern“, also Thermometer ohne Gradeinteilung, zu sehen. Denn mit den Heilstätten veränderte sich die Diagnostik von Krankheiten insgesamt. In den Mittelpunkt rückte die objektive Messung von Körperdaten; die fehlenden Skalen sollten Simulationen verhindern, die TB-betroffenen Personen vor hysterischer Selbstdiagnose schützen und die Diagnosedaten zuerst der Medizin, erst dann den Betroffenen zugänglich machen. Zur Objektivierung von der Krankheit trugen zudem die Forschungen von Robert Koch (Bekanntgabe der Entdeckung des Erregers am 24. März 1882) und von Wilhelm Conrad Röntgen bei. Die von Röntgen 1895 entdeckten Strahlen sind auch heute noch diagnostischer Standard bei der Lungen-TB. Therapeutisch wurde 1944 mit Streptomycin ein wirksames Antibiotikum gegen Tuberkulose gefunden, dem später weitere folgten.

Während nach dem Ersten Weltkrieg hauptsächlich Kriegsheimkehrer von TB-Betroffen waren, sind heute mangelhaft behandelte HIV-/Aids-Betroffene ebenso gefährdet wie Menschen, die fehl- oder mangelernährt sind. Darum betrifft TB nicht die reichen Industriestaaten im globalen Norden, sondern Länder im globalen Süden, wo etwa HIV weit schlechter behandelt wird als in Österreich. Die ungleiche Krankheitsverteilung auf der Erde – TB ist mit über 1,5 Millionen Toten pro Jahr nach wie vor die gefährlichste bakterielle Infektionskrankheit – hat eine schwerwiegende Konsequenz. Diagnostische und therapeutische Fortschritte sind jahrzehntelang an der TB vorbeigegangen, weil sich die forschende Pharmaindustrie Investitionen in neue TB-Medikamente nicht leisten kann: Arme und ärmste Menschen haben zu wenig Geld, um neu entwickelte Tests und Medikamente zu bezahlen.

Darum wird TB seit Jahren mit dem gleichen Mix verschiedener Antibiotika behandelt, was kurzsichtig ist, da sich als Folge davon die Resistenzen gegen TB häufen. Die Kontrolle über Infektionskrankheiten bleibt damit eine medizinische und soziale Herausforderung. Wenn TB überall auf der Erde unter Kontrolle gebracht werden soll, ist ein systematisches Screening von Kontakten und Gruppen mit hohem TB-Risiko nötig. Und alle Menschen brauchen Zugang zu guter Behandlung. Wo Kinder, Häftlinge, Flüchtlinge, Arme oder Alte nicht mehr als Menschen gesehen, sondern als Krankheitsüberträger ausgegrenzt werden, wird eine frühe Fallfindung und Behandlung verhindert. 

Tuberkulose

Tuberkulose ist eine Pandemie, also eine sich verändernde globale Entwicklungsherausforderung, die alle Menschen auf unserer Erde betrifft. Darauf machte „plan:g – Partnerschaft für globale Gesundheit“ am 24. März letzten Jahres mit der Beleuchtung der Basilika in Rankweil aufmerksam. plan:g arbeitet als Stiftung der Diözese Feldkirch im Gesundheitssektor der Entwicklungszusammenarbeit. plan:g ist Teil der Stopp-TB-Partnerschaft der Vereinten Nationen und arbeitet menschenrechtsorientiert: Nur wenn alle Menschen das Recht auf bestmögliche Diagnose und Therapie haben, können alle Menschen so gesund wie möglich sein.

www.plan-g.at

 

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