Gerold Strehle

geboren 1974 in Linz, Architekt, Gründer des Büros für Architektur und Umweltgestaltung in Bregenz und Wien

Siegfried Fink – ein Vordenker in Verkehrsfragen

März 2020

Eine bemerkenswerte Eigenschaft der Vorarlberger ist die Tatsache, dass man in der Geschichte dieses Landes immer wieder unvermittelt Querdenkern und Freigeistern begegnet. Es sind Menschen, die mit Beharrlichkeit und Geduld traditionelle Denkmuster hinterfragen und gewohnte Pfade verlassen – Menschen, die in der Lage sind, auf neue Gegebenheiten innovativ zu reagieren. Vor vielen Jahrzehnten waren es die Vorarlberger Baukünstler, die die Methodik des Planens und Bauens auf den Kopf stellten. Heute sind es sieben exemplarische Buswartehäuschen in Krumbach – von internationalen Architekturbüros gestaltet – die eine Werteverschiebung kleinster funktionaler und gestalterischer Aufgaben offenbaren. In diesen Belangen offenbart sich eine gewisse Beharrlichkeit, wie in Vorarlberg alltägliche Dinge und Abläufe reflektiert und hinterfragt werden. 
Ein Querdenker des öffentlichen Raums und des Verkehrs, seiner Nutzung und Gestaltung ist Siegfried Fink, von 1990 bis 1997 Gemeinderat und zuständig für Verkehrsangelegenheiten in Wolfurt. Meine erste Begegnung mit Siegi Finks Überlegungen zur Verkehrsplanung hatte ich im Jahr 2000, als ich nach einer zweitägigen Autofahrt über konzept- und vernunftbefreite Straßen aus dem äußersten Westen Europas nach Wolfurt gelangte. Auffallend für mich als junger Architekt war die Tatsache, dass die Wolfurter Dorfstraße zum Unterschied aller vorangegangener Straßenabschnitte außergewöhnlich funktional und optisch ansprechend gestaltet war: 
Durch den Wegfall des Hochbords, welches in der Regel die Fahrbahn vom Bürgersteig trennt, entsteht ein barrierefreier Verkehrsraum. Gleichzeitig können dadurch bei Gegenverkehr Kraftfahrzeuge auf den Bürgersteig ausweichen, womit die Hauptfahrbahn mit einem schmäleren Straßenquerschnitt auskommt. Die Ausführung der Straßen- beziehungsweise der Gehsteigoberflächen kommt mit nur zwei Materialien aus: Kopfsteinpflaster und einer Asphaltdecke. Das Kopfsteinpflaster dient einerseits zur Zonierung der Verkehrsteilnehmer (Radfahrer, Fußgänger, motorisierter Verkehr) und der Einfassung der einzelnen Funktionsflächen (Fußgängerquerung, Schwelle, Entwässerungsrinne) sowie andererseits zur Orientierung, da einbindende Querstraßen ebenfalls mit der gleichen Gestaltung einmünden. Heute wissen wir aus der Verkehrspsychologie, dass ein optisch zurückhaltender Fahrbahnraum die Verkehrssicherheit erhöht und den Fahrkomfort günstig beeinflusst.
Zusammengefasst handelt es sich bei Siegi Finks Gemeindestraßen um ein gelungenes Beispiel eines gestalteten öffentlichen Raums, der sämtliche Verkehrsteilnehmer einlädt, den gemeinsamen Straßenraum gleichberechtigt und gemäß seiner jeweiligen funktionalen Anforderungen zu nutzen. Heute sind die Vorarlberger Begegnungszonen nach den gleichen Gesichtspunkten durchdacht und ausgeführt, die in den 1990er Jahren bereits von Siegfried Fink in der Straßengestaltung ausgeführt wurden.
Siegi Fink war aber glücklicherweise nicht nur für die Überlegungen der Gestaltung der Dorfstraße zuständig, sondern prägte als Wolfurter Gemeinderat auch maßgeblich den Verkehrsausschuss und die dort lancierten regionalen Initiativen, die aus heutiger Sicht – dreißig Jahre später – absolut visionär erscheinen: 1986 Forderung an die zuständige Landesabteilung Verkehrszählungen durchzuführen und ein übergeordnetes Verkehrskonzept zu erstellen; 1990 Gründung der Initiative „Fahr Rad!“ zur Erhöhung des Radverkehrsanteiles zum Zwecke der Stärkung einer sanften, umweltfreundlichen Mobilität; ab 1993 Errichtung eines Fahrradstegs über die Bregenzer Ach sowie Adaptierung des stillgelegten Bregenzerwälderbahn Tunnels in Weidach als Radwegeverbindung zwischen Wolfurt und Bregenz gegen den Widerstand der Bregenzer Stadtpolitik; 1990 Markteinführung und Zulassung des Kinderfahrradanhängers „GoGo“ mit dem Schweizer Hersteller Leggero gegen die Widerstände der Bezirkshauptmannschaften (heute als „KiKi“ allgemein bekannt); 1990-97 Reduktion des motorisierten Verkehrs im Nahbereich von Schulen und öffentlichen Einrichtungen (unter anderem 2017 bei der Volksschule Bregenz Schendlingen als „Gut-Geh-Raum“ umgesetzt und als Modell in zahlreichen Regionen derzeit in Umsetzung); 1997 Vorarlberger Pilotprojekt zur gemeinschaftlichen Haltung und Nutzung von Autos (Vergleiche dazu das heute erfolgreiche Genossenschaftsmodell Caruso); Kindermalaktionen auf Gemeindestraßen (heute Aktion „Blühende Straßen“ des Landes Vorarlberg / Energieinstitut) und vieles mehr …
Alle diese Maßnahmen und Initiativen erfolgten nicht aus einer fundamentalistischen Ablehnung gegenüber dem motorisierten Individualverkehr, sondern – wie von Siegi Fink immer wieder betont wird – aus Entlastung und Solidarität gegenüber den lärm- und emissionsgeplagten Anrainern entlang der Hauptverkehrsrouten. Eine sanfte und zukunftsfähige Verkehrsentwicklung muss auf alle Verkehrsteilnehmer Rücksicht nehmen!
Einem gewissen Herbert Sausgruber – damals Verkehrslandesrat der Vorarlberger Landesregierung – blieben die diversen Aktionen des umtriebigen Siegi Finks nicht verborgen, und dieser unterstütze gemeinsam mit dem Büro für Zukunftsfragen ab Mitte der 1990er Jahre die Tätigkeit Siegi Finks im Rahmen der landesweiten Planungen innerhalb seines Ressorts. 
Peter Moosbrugger, seinerzeit Mitarbeiter der Straßenbauabteilung im Land und heute Radwegebeauftragter des Landes, führt den Erfolg der Arbeit von Siegi Fink vor allem darauf zurück, dass er seine Überlegungen nicht nur überzeugt und begeistert vermitteln konnte, sondern auch authentisch und vorbildhaft mit Leben füllte. Seiner Tätigkeit ist es unter anderem zu verdanken, dass die Hofsteiggemeinden in einzelnen Fragen der Raumplanung wie beispielsweise der Verkehrsproblematik erstmals zusammenarbeiteten und an einem Strang zogen!
In mancherlei Hinsicht braucht es in Vorarlberg oftmals einen Stein des Anstoßes … Siegfried Finks Aktionen und Initiativen sind Vorarl­bergs Lawinen des Anstoßes!

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