J. Georg Friebe

Geboren 1963 in Mödling, aufgewachsen in Rankweil. Studium der Paläontologie und Geologie in Graz mit Dissertation über das Steirische Tertiärbecken. Seit 1993 Museumskurator an der Vorarlberger Naturschau bzw. der inatura Dornbirn.

(Foto: © J. Georg Friebe)

Die Goldene Wüste

März 2026

Es ist schon eine Crux mit Pflanzen und Tieren, die nach fremdsprachigen Forschern benannt sind. Gar nicht selten werden deren Namen anders ausgesprochen als es – nach unseren Gewohnheiten – ihrem Schriftbild entspricht. Im wissenschaftlichen Gespräch ist dies belanglos. Ist auch Latein vordergründig die weltumfassende Sprache wissenschaftlicher biologischer und paläontologischer Namen, so werden diese dennoch (je nach Herkunft des Sprechenden) manchmal recht merkwürdig entstellt. So dauerte es einige Zeit, bis ich begriff, dass mit „Porait-hiies“ eine fossile Koralle gemeint ist, die ich mit wissenschaftlichem Namen als Porites kennengelernt hatte. Umgekehrt bei der Forsythie: Niemand käme in unseren Landen auf die Idee, sich bei der Aussprache an der schottischen Herkunft des Namens zu orientieren.
Die Forsythie ist eine der ersten Pflanzen, die nach dem Winter etwas Farbe in die noch recht eintönig kahle Landschaft bringen. Benannt wurde sie zu Ehren von William Forsyth (1737-1804), einem schottischen Gärtner und Botaniker. Im Alter von 25 Jahren verließ er seine Heimat, um in London als Gärtner den Park eines Adelshauses zu betreuen. 1763 wechselte er zur Fortbildung an den Chelsea Physic Garden. Acht Jahre später wurde er Leiter dieses zweitältesten Botanischen Gartens Großbritanniens. Seine weitere Laufbahn führte ihn in die renommiertesten Gärten Londons, die Königlichen Gärten von St. James und des Kensington Palace. 1804 war er einer der Gründer der Royal Horticultural Society („Königliche Gartenbaugesellschaft“). Sein Wundverschluss für verletzte und von Pilzen infizierte Bäume („Forsyth’s Plaister“) brachte ihm gleichermaßen Ruhm wie Spott: Die britische Regierung gewährte ihm ein Erfolgshonorar von 1500 Pfund Sterling und eine Belobigung, wurden doch gesunde Bäume dringend für den Schiffsbau benötigt. Doch die Zusammensetzung des „Pflasters“ aus Kuhfladen, Urin, Holzasche, Sand und Kalkstaub ließ Zweifler an Schwindel denken. Zu Recht, denn die Mixtur erwies sich schlussendlich als unwirksam. Unbestritten hingegen sind seine Verdienste als Gärtner, sodass der norwegisch-dänische Botaniker Martin Vahl kurz vor seinem Tod 1804 die Gattung Forsythia zu Ehren Forsyths benannte.
Die Gattung umfasst zwölf Arten, die (mit Ausnahme von Forsythia europaea aus Südosteuropa) in Ostasien (meist China) beheimatet sind. Als lebenden Zierstrauch hatte sie weder Forsyth noch Vahl jemals zu Gesicht bekommen. Beide starben 40 Jahre bevor die ersten Exemplare von Forsythia suspensa (Hänge-Forsythie) in England gepflanzt wurden. Die Grüne Forsythie (Forsythia viridissima) hingegen war bereits 1817 in Leipzig eingetroffen. Die erfolgreiche Kreuzung dieser beiden Arten gelang in den 1860er-Jahren jenseits des Atlantiks in Philadelphia, hatte aber zunächst keine kommerziellen Folgen. Erst nachdem im Alten Botanischen Garten der Universität Göttingen Sämlinge mit vermischten Eigenschaften der beiden Arten auftauchten und die Hybride als Forsythia × intermedia beschrieben worden war, setzte auch der kommerzielle Erfolg ein. Fast alle heutigen Zier-Forsythien in unseren Gärten sind Hybride dieser beiden chinesischen Arten. Durch Weiterzucht ist eine Unzahl an Handelssorten entstanden.
Allen Garten-Forsythien ist eines gemeinsam: Sie blühen goldig gelb, was ihnen die Beinamen „Goldflieder“ und „Goldglöckchen“ eingebracht hat. Diese Farbe signalisiert potenziellen Bestäubern eine gute Nahrungsquelle. Dabei ist die Farbwahrnehmung der Bienen (und anderer Insekten) gegenüber dem menschlichen Farbempfinden verschoben. Sie sehen zwar einen Teil des Ultravioletten Lichts, können aber Rot nicht mehr wahrnehmen. Gelbe Blüten erscheinen für sie je nach Anteil des reflektierten UV-Lichts in drei völlig verschiedenen Farbtönen: „Bienengelb“ sowie zwei Varianten von „Bienenpurpur“. Grüne Blätter hingegen reflektieren alle für Bienen sichtbaren Farbbereiche gleich schwach. Sie werden als „Bienengrau“ wahrgenommen. Die Insekten sehen die Blüten daher als attraktive Farbtupfer vor einem unbunten Hintergrund. Doch die Sache hat einen Haken: Die Forsythie signalisiert zwar Nahrung, bietet aber keine. Zu einer Jahreszeit, in der nur wenige Nahrungsquellen zur Verfügung stehen, werden die Insekten in die Irre geleitet. Immer wieder fliegen sie die Blüten an in der Hoffnung, dort ihre Energievorräte auffüllen zu können, während sie diese in Wirklichkeit bis zur völligen Erschöpfung aufbrauchen. Die meisten Forsythien sind für Insekten eine tödliche Falle.
Unter all den Züchtungen bieten nur sehr wenige Sorten auch Pollen, unter ihnen die nordamerikanische „Beatrix Farrand“. Doch hier treten Unstimmigkeiten zu Tage. Gesichert ist, dass eine 1944 gezüchtete Sorte „Farrand“ genannt wurde. Die Namenspatin Beatrix Farrand, eine Landschaftsarchitektin, bestand später darauf, dass auch ihr Vorname in die Sortenbezeichnung aufgenommen wird. Unsicherheit hingegen besteht über die Wege, wie diese Zuchtform zustande kam. Darüber hinaus gibt es Zweifel, ob die heute unter diesem Namen vermarkteten Pflanzen überhaupt von der Züchtung des Jahres 1944 abstammen. Wie auch immer: An den (nicht duftenden) Blüten von „Beatrix Farrand“ finden nur wenige Insekten Nahrung. Überwiegend verzehren diese den eiweißbetonten Pollen an Ort und Stelle selbst. Den meisten Insekten aber genügt dies nicht. Für ihre bei niedrigen Temperaturen besonders kräftezehrenden Flüge benötigen sie die Kohlenhydrate des Nektars als schnell verfügbare Energie. Und den kann auch „Beatrix Farrand“ nicht bereitstellen.
So schön Forsythien dem menschlichen Auge erscheinen, so tödlich sind diese Pflanzen für Insekten. Darüber können auch alle Beteuerungen über den Wert von pollenspendenden Sorten nicht hinwegtäuschen.

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