

Ein neues Weltwunder
Das Grand Egyptian Museum (GEM) eröffnete Ende 2025 unter Teilnahme von Königen, Staatschefs und internationaler Prominenz. Das GEM ist eines der weltweit größten und ambitioniertesten Museumsprojekte unserer Zeit – der neben den Pyramiden von Gizeh geschaffene Kulturkomplex soll das alte Ägypten in zeitgenössischem Gewand spektakulär präsentieren. Auf über 500.000 Quadrat-metern werden mehr als 100.000 Objekte präsentiert; darunter erstmals alle Funde aus dem Grab Tutanchamuns. Ägyptens „Neues Weltwunder“ stößt jedoch auch auf Kritik. Gerald A. Matt sprach mit Wilfried Seipel, dem ehemaligen Direktor des Kunsthistori-schen Museums, einem führenden Ägyptologen und Kenner der ägyptischen Kultur.
GEM, Grand Egyptian Museum – wie war Dein erster Eindruck?
Es ist überwältigend, wenn man hineinkommt, in eine riesige, einem Flugzeughangar ähnliche Halle, gigantische Größen, die aber die Objekte, die präsentiert werden sollen, leider verschwinden lassen. Ja, der erste Eindruck ist großartig, und das war ja wohl auch der Zweck, mit diesem Bau, der ja als das größte archäologische Museum der Welt gilt, hier eine neue Pyramide des Präsidenten Abd al-Fattah as-Sisi zu errichten. Es ist jedoch die Frage, ob es der Sinn eines Museums ist, mit überbordender Architektur eine Hochkultur mit ihren gewaltigen Pyramiden und riesigen Tempeln zu imitieren. Hätte man nicht besser den Versuch wagen sollen, den Geist, den Spirit der ägyptischen Kultur auf subtilere Weise als mit großen Beton- und Stahlkonstruktionen zu veranschaulichen?
Deine Kritik zielt darauf, dass sich die Architektur wichtiger nimmt als das, was sie zeigen soll – also Architektur vor Inhalt.
Ja, das ist ja heute überhaupt ein Trend in der Museumsgeschichte. Seit etwa 25 Jahren sind die Museen zum Objekt einer neuen architektonischen Begierde geworden. Jeder Architekt versucht mit seinem Museum nicht die Objekte, sondern seine architektonische Gestaltung in den Mittelpunkt zu rücken. Die Frage ist nur, ob man heute in ein Museum geht, um die Architektur zu bewundern oder eben ihrem ursprünglichen Zweck entsprechend auch die Objekte und die Botschaft der Objekte.
Bei aller Kritik – was wurde gut gemacht? Was sind für Dich die Highlights, die Dich dann doch fasziniert haben?
Großartig ist der Versuch, auf diese Weise ägyptische Kunst und Kultur, Geschichte, in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu bringen. Nach der Eröffnung kamen fast 20.000 Besucher jeden Tag. Das ganze Museumsprojekt, das von den Ägyptern stolz als das größte Museum der Welt bezeichnet wird, ist jedenfalls eine anerkennenswerte Leistung. Ich bin nur misstrauisch, ja skeptisch, wenn eben eine Gestaltung über den Inhalt gestülpt wird.
Konkret?
Das Highlight in diesem Museum, das ja nicht nur die großen Hallen, sondern auch insgesamt neun Galerien mit ägyptologischen Schwerpunkten umfasst, findet sich in der Galerie Nummer 7. Sie ist ganz dem Tutanchamun und seinen rund 5300 Objekten gewidmet. Das ist das erste Mal, dass die ganzen Grabschätze des Tutanchamun an einem Ort zu sehen sind, sodass es einem den Atem verschlägt. Die Beschriftungen sind etwas überraschend, nämlich dreisprachig: Englisch, ägyptisch-arabisch und Japanisch. Das als kleiner Dank an Japan, weil die Japaner an die 600 Millionen, also zwei Drittel der Gesamtkosten, vorausfinanziert haben. Was man aber auch nie vergessen darf: Die ägyptische Kunst und das, was wir in den Museen sehen, ist eine dem Jenseits zuzuordnende Ausformung. Die Maske des Tutanchamun war eine Totenmaske. Und alle Objekte seines Schatzes waren dafür bestimmt, im Jenseits eine entsprechende Weiterexistenz zu ermöglichen. Und der Respekt davor droht leider in den Massen der Besucher unterzugehen.
Das Museum blickt auf eine lange, ja überaus lange, 40-jährige Planungs-, Büro- und Bauzeit zurück. Es scheint ein Wunder, dass es jetzt doch noch fertiggestellt wurde?
Ich erinnere mich noch gut, wie Hans Hollein bei mir war und mir einen Entwurf für dieses Museum gezeigt hat, den ich sehr eindrucksvoll und aufregend gefunden habe. Später hat das österreichische Architekturbüro Coop Himmelblau unter mehr als 1600 Einreichungen den zweiten Platz gemacht. Ich war schon 2013 zur Eröffnung eingeladen. Ja, es war eine unendliche Geschichte, die ja durch den Arabischen Frühling, die Revolution und durch finanzielle Probleme Ägyptens immer wieder auf die lange Bank geschoben wurde. Aber nichtsdestotrotz: Präsident Abd al-Fattah as-Sisi hat es geschafft, mit diesem Pyramidenbau der Moderne die Aufmerksamkeit der Welt auf Ägypten zu lenken. Das kann man ihm auch nur positiv anrechnen. Die Finanzierungsfrage ist eine andere.
Ich bin mit dem Taxi zum Museum gefahren, und der Taxifahrer hat sich sehr kritisch gegenüber dem Museum und dessen Kosten geäußert und gleichzeitig die maroder werdende Gesundheitsversorgung beklagt. Hast Du die Erfahrung gemacht, dass das megalomanische Projekt sehr schlecht bei der Bevölkerung ankommt?
Ja, ohne Zweifel, es gibt eine schlechte Stimmung gegenüber der Regierung, die ja mit großem Aufwand durch polizeiliche und militärische Kontrolle im ganzen Land versucht, Ruhe und Frieden zu bewahren. Ein großer Fehler der Regierung war es, die über Jahrzehnte gegebenen Unterstützungen für den Brotpreis zu streichen. Das hat sehr viel böses Blut gemacht. Dem Geist des Widerstands der Bevölkerung steht aber auch die seit Jahrtausenden geübte Gewohnheit der Ägypter gegenüber, sich einzufügen und ein ruhiges Leben ohne Aufregung zu führen.
Zurück zum Museum. Inwieweit spiegelt das Museum für Dich als erfahrener, jahrzehntelang arbeitender Ägyptologe auch die Veränderungen in der Wissenschaft wider?
Die Ägyptologie, die ja nun seit rund 200 Jahren als Wissenschaft besteht, hat sich durch die zunehmende Anzahl und Qualität an Funden verändert, ja präzisiert. Was das Museum betrifft, sieht es sich ja als Aushängeschild der ägyptischen Wissenschaft. Interessant ist dabei die Reaktion einer Ägyptologin in Berlin auf das GEM. Für sie sind die vielen Objekte, die wir vielleicht früher noch nicht gekannt haben, primär ein Hinweis darauf, die Herkunft von auf unredliche Weise ins Ausland verbrachten Objekten zu rekonstruieren und diese wieder zusammenzuführen.
Lass mich auch die Frage ihrer Herkunft und Restitution noch ansprechen. Da kommt man insbesondere um die Frage nach der Restitution der berühmten Nofretete in Berlin nicht herum.
Die Nofretete wurde derartig medial gehypt, dass es schwierig ist, objektiv darauf zu antworten. Es ist überhaupt keine Frage, dass die Ausgrabung von Ludwig Borchardt in Ägypten und die Fundteilung völlig rechtmäßig erfolgt ist. Ägypten wurde hier sicher nicht um einen wichtigen Schatz betrogen. Die Ägypter entschieden sich damals für eine Altartafel aus der Zeit des Echnatons, aus der Zeit des Gemahls der Nofretete, und die Statue der Nofretete ging an die Berliner. Dies war auch gesetzlich durch das damalige Antikengesetz gedeckt. Und heute zu sagen, dass die Nofretete im GEM fehlt, ist rein populistisch, weil sie in Berlin eine viel größere und wichtigere Funktion hat als hier in Ägypten.
Und nun noch zum altehrwürdigen Nationalmuseum am Tahrirplatz, der alten Heimstätte der ägyptischen Schätze. Was soll sich jemand zuerst anschauen, wenn er nach Kairo fährt – das Nationalmuseum oder das GEM?
Meine Antwort als Ägyptologe ist klar: Unbedingt zuerst das Nationalmuseum am Tahrirplatz. In dem alten Museum, das immer zu Unrecht als Rumpelkammer verschrien war, sind noch immer die wichtigsten Objekte der ägyptischen Kunstgeschichte oder Geschichte zu sehen. (Vor zwei Jahren erhielt es eine neue Beleuchtung und Beschriftung.) Dort kann man die berühmte Narmer-Palette sehen, das wichtigste Objekt vom Beginn der ägyptischen Geschichte. Man zeigt dort den Falken Chephren, das ist der Inbegriff der ägyptischen Skulptur des Königtums des Pharaos. Oder die großen Statuen, die den König Echnaton zeigen, Amenophis IV., mit ihrer merkwürdigen Gestaltung, die aus seinem Tempel in Karnak stammen – das sind die besten Beispiele dafür. Davon ist aber im neuen Museum nichts zu sehen.
Also zuerst das Nationalmuseum und dann das GEM?
Ja, man könnte im Nationalmuseum beginnen und einen Rundgang machen, sich einführen lassen in die Kulturgeschichte und Kunstgeschichte Ägyptens, weil das sehr schön chronologisch aufgebaut ist. Und dann hinüber in das GEM, um sich von der Architektur beeindrucken und natürlich vom Tutanchamun-Schatz verzücken zu lassen, der dort ja wirklich sehr schön beleuchtet und ausgestellt ist.
Siehst Du das neue Museum auch als Identitätsstifter? Ist das Museum und die ägyptische Vergangenheit Teil der ägyptischen Identität heute?
Ja, auf jeden Fall. Es ist interessant zu sehen, wie sehr sich jetzt das politische oder auch das religiöse Verhältnis des islamischen Ägypten zum pharaonischen Ägypten geändert hat. Ich wollte dem damaligen österreichischen Botschafter vor 20 Jahren ein Museum in Mittelägypten zeigen. Das war in einem Rathaus der Stadt Minya untergebracht und von einem Polizeikordon umringt. Wir durften nicht hinein. Eine Woche später gelang es mir, es zu betreten. Das Museum war verwüstet, die Vitrinen zerstört, die Särge waren zerhackt. Was war passiert? Es war das Werk einer Gruppe von Islamisten, die die Verehrung des pharaonischen Ägypten als Götzendienst ansahen. Und wenn man sich erinnert: Bei der Präsidentschaft von Präsident Mursi hat sein damaliger Kulturminister gemeint, man sollte die Sphinx sprengen, weil das ein Symbol des Heidentums ist.
Das klingt nach dem Bildersturm der Taliban in Afghanistan und der Zerstörung der großen Buddha-Statuen von Bamiyan.
Man muss jetzt meinem Freund Zahi Hawass, dem Ägyptologen und langjährigen Kulturminister in Ägypten, danken, der es geschafft hat, die pharaonische Kultur den Kindern, beginnend in den Schulen und dann auch auf den Universitäten den Studenten, als einen wesentlichen Beitrag zur Werdung und Identität der ägyptischen Nation begreifbar zu machen. Und heute ist die pharaonische Kultur nicht mehr verfemt, sondern sie wird als wichtiger Teil der eigenen Geschichte gesehen.
Jetzt abschließend: Du warst ja sehr oft in Ägypten. Was liebst Du besonders an Ägypten?
Ich liebe die Menschen, ich liebe die Landschaft, und ich liebe diese Verquickung mit der Vergangenheit. Wenn man Zeit hat und durch die Wüste fährt, abseits der Touristenströme die Pyramiden von Dahschur oder Meidum besichtigt, wenn man durch die Felder des Nildeltas mit ihren Palmen und von Kanälen durchfluteten Feldern wandert, das sind unübertreffliche Eindrücke, die eben Ägypten von allen anderen Ländern der Welt unterscheiden.
Lieber Wilfried, danke!
Zur Person
Wilfried Seipel, *1944 in Wien, ist Ägyptologe. Er war von 1990 bis Ende 2008 Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums in Wien. Seipel hat Klassische Philologie, Assyriologie und Ägyptologie in Wien, Heidelberg und Hamburg studiert.









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