Andreas Dünser

Chefredakteur "thema vorarlberg" (andreas.duenser@themavorarlberg.at)

Wettbewerb treibt den Wandel

Juli 2026

Die Energiewende ist keine Zukunftsvision mehr, sondern längst Realität – davon ist der Energieexperte Tim Meyer überzeugt. Mit Wind, Solar und neuen Speichertechnologien entstehe derzeit ein neues Energiesystem, das klassische Strukturen grundlegend verändert. Für Meyer ist dieser Wandel weniger eine Klimafrage als eine industrielle Revolution – mit weitreichenden Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft.

In Bludenz, im drittgrößten Schokoladenwerk des internationalen Konzerns, erzeugt Mondelez International pro Tag eine Million Schokolade-Großtafeln, für Milka und für andere bekannte konzerneigene Marken wie Suchard oder Bensdorp. Der Energiebedarf ist entsprechend hoch. Doch Mondelez löst sich mit modernster, hocheffizienter Technologie von der starken Erdgas-Abhängigkeit: Seit Herbst 2024 wird das für die Produktionsprozesse benötigte Warmwasser mit zwei modernen Großwärmepumpen mit einer Leistung von jeweils rund 750 kW erzeugt.
Die smarte Nutzung der Abwärme aus den bestehenden Produktionsprozessen lässt die Großwärmepumpen dabei äußerst energieeffizient arbeiten. Gepaart mit weiteren Prozessoptimierungen gelingt hier eine bemerkenswerte Verbesserung: Während sich der Gasverbrauch um ca. 65 Prozent reduziert hat und man hier nun vielfach auf elektrische Energie setzt, kam es trotzdem nicht zu einer Erhöhung des Stromverbrauchs. An diesem Leuchtturmprojekt, welches von Mondelez in Kooperation mit der Wagner GmbH und weiteren lokalen Partnern umgesetzt wurde, zeigt sich die Effizienz und das große Potenzial der Wärmepumpentechnologie. Weitere Großwärmepumpen sind bereits geplant.

Beispiele aus Vorarlberg
Auch Tschabrun, Spezialist für Holzwerkstoffe, Baustoffe und Produkte für Handwerk, Handel und Industrie, setzt auf Unabhängigkeit und kalkulierbare Energiepreise: Auf dem Firmengebäude in Rankweil wurde eine Photovoltaik-Anlage mit fast einer Million Kilowattstunden Strom-Ertrag installiert. Ein großer Speicher ist in Planung, E-Stapler können dann in der Nacht geladen werden. Und auch die anderen firmeneigenen Standorte in Vorarlberg, in Tirol und in Salzburg sollen, wenn die neuen gesetzlichen Regelungen das bald zulassen, mit eigenem Strom aus der Rankler Photovoltaikanlage mitversorgt werden.
Ein Betrieb, der sich ebenfalls auf den Weg der Elektrifizierung gemacht hat, ist Collini: Hier plant man, die hochenergieintensiven Beschichtungsprozesse zu elektrifizieren, durch den Einsatz von Großwärmepumpen unabhängiger von volatilen Gaspreisen zu werden und dabei Energie- und CO2-Einsparungen zu erzielen. Auch wenn bei der Energieintensität des Betriebs der eigens erzeugte Strom nur einen Teil des Bedarfs decken kann, werden sämtliche Flächen zur Stromerzeugung genützt – so beispielsweise aktuell auch in einer modernen Photovoltaik-Fassade, die gleichzeitig beschattet, aber auch Licht durchlässt in das dahinter befindliche Parkhaus.
Das Voranschreiten der Elektrifizierung in Vorarlberger Unternehmen ist wiederum bei den Vorarlberger Linien-Busunternehmen sehr deutlich und auch für die Vorarlberger Bevölkerung sichtbar. So wurde etwa bei Niggbus bereits ein Drittel der Linienbusse auf Elektro-Busse umgestellt und durch die effizienten Elektromotoren viel Energie eingespart. Gerhard Pertoll, Geschäftsführer berichtete anlässlich seines 25 Jahre Ökoprofit-Jubiläums: „Wir haben dadurch 65 Prozent Energieeinsparungen erzielt und sowohl unsere Fahrer als auch die Gäste sind sehr zufrieden mit dem neuen Fahrgefühl.“
Das sind nur vier Beispiele. „Es ist vieles in Bewegung“, sagt Verena Lässer-Kemple, die Leiterin des Umwelt- und Klimamanagementprogramms Ökoprofit. „Was gerade in der Energiewelt passiert, ist eine handfeste industrielle Revolution“, sagt der deutsche Energieexperte Tim Meyer. Tatsächlich?
Auf Einladung der Ökoprofit-Experten referierte Meyer dieser Tage zum Thema Strom und sprach dabei „über Nostalgie, Zukunft und warum der Markt längst entschieden habe“. Der Bestsellerautor sieht die Energiewende nicht als politisches Projekt, sondern als unumkehrbare industrielle Transformation. Ihm zufolge befindet sich die Welt längst mitten in einem tiefgreifenden Wandel ihrer Energiesysteme. 

Die vierte Energierevolution
Meyer zufolge erleben wir gerade: Die vierte Energierevolution. Die Energiewende ist in seiner Lesart kein Zukunftsprojekt mehr, sondern bereits Realität. In seinem Vortrag sprach der Wissenschaftler zunächst über die vorangegangenen drei Energierevolutionen, also über die Nutzung von Kohle mit Beginn der industriellen Revolution ab 1850, über die Nutzung von Erdöl ab etwa 1920 und die ab etwa einem Jahrzehnte später folgende industrielle Nutzung von Erdgas, dessen Nutzung weltweit weiter zunimmt, bedingt durch die hohe Bedeutung für industrielle Prozesse und Wärme.
Doch der weltweite Kohleverbrauch stagniere bereits, und der Verbrauch von Erdöl habe eine zumindest deutliche Bremsung erfahren, berichtete Meyer, „und es ist damit zu rechnen, dass der Verbrauch dieser Energieträger in den nächsten Jahren sinkt“. Doch was ist nun die vierte Energierevolution? Dem Experten zufolge ist das nicht die Atomkraft, deren globale Stromproduktion seit Jahrzehnten stagniere, sogar leicht rückläufig sei, allen wiederkehrenden Debatten von einer „Atom-Renaissance“ zum Trotz. „Atomkraft ist sicherlich keine Energierevolution“, sagte Meyer, „sie hat sich keine Nummer verdient.“

„Sie stellen die Märkte auf den Kopf“
Wer also ist dann für die vierte Energierevolution verantwortlich? Es ist: Die Wind- und Solarenergie. Deren weltweites Wachstum innerhalb der vergangenen 25 Jahre sei „das schnellste“, das die Menschheit bislang bei einer Energiequelle erlebt habe. „Sie stellen jetzt wirklich weltweit Energiesysteme und Märkte auf den Kopf.“ Globale Wachstumsraten bei Wind? 15 Prozent. Bei Solar? 30 Prozent. Bei Batterien und bei Elektroautos: Über 50 Prozent. Mittlerweile sei man an einem Punkt angelangt, „an dem die Investitionen in Wind und Sonne bereits das Vier- bis Fünffache der globalen Investitionen in Atomkraftwerke, Kohlekraftwerke und Gaskraftwerke zusammen betragen.“ Mehr als 90 Prozent der weltweit neu errichteten Stromerzeugungskapazität stammen bereits aus erneuerbaren Energien. „Und in drei, in vier, in fünf Jahren“, erklärte der Energieexperte, „werden wir vielleicht schon an dem Punkt sein, an dem die Menschheit als Ganzes mehr Nutzenergie aus Wind und Solar zieht als aus allem Erdöl – um das laufend Kriege geführt wird.“ Meyer ortet dort auch den Grund, warum – etwa in Deutschland – die Energiewende derzeit wieder scharfen Gegenwind erfährt: „Es ist ein Abwehrkampf milliardenschwerer Ölkonzerne, ein Rückzugsgefecht, das zwar zu Verunsicherung in der Bevölkerung führt, an der Realität aber nichts mehr ändern wird: Wir stecken längst in einem neuen Energiezeitalter.“
Schaue man auf diverse Prognosen vergangener Jahre, sehe man übrigens stets dasselbe Muster der Fehleinschätzungen, bei der Entwicklung der Solarenergie, bei der Elektromobilität, bei Batteriespeichern. „Aber das Neue hat bereits ein richtig relevantes Volumen – und es wächst immer noch exponentiell. Das Thema ist durch. Strom ist das Leitmedium, weil alles andere viel teurer ist und nicht klimaneutral.“

„Das ist Industrielogik“
Und wie erklärt sich der Experte diese exponentiellen Wachstumskurven alternativer, erneuerbarer Energieträger? Das hat mit Klimaschutz nichts zu tun. Meyer sagt: „Wettbewerb treibt den Wandel. Nicht Klimaschutz.“ Es geht also um Märkte, um Wettbewerb, es geht um: Industrielle Massenfertigung. Während klassische Kraftwerke hochkomplexe Einzelprojekte mit langen Bauzeiten seien, würden Solarmodule, Batterien und andere Komponenten millionenfach in Fabriken hergestellt, und das in schnellem Tempo – und immer am Puls der Zeit, sprich mit Nutzung neuester Technologien. Dadurch sinken die Kosten kontinuierlich: „Das ist Volumenslogik. Das ist Industriedynamik. Das Ergebnis sind Lern- und Skaleneffekte, die fossile und nukleare Technologien nie erreichen können.“
Erneuerbare sind effizienter und günstiger, „und wenn günstige Erneuerbare in den Markt reinkommen, wird Teures, Ineffizientes rausgedrängt, das ist ganz normales Marktgeschehen. Und man sieht den Preisverfall bei Wind, bei Solar, bei Batterien, es ist nicht mehr aufzuhalten.“ 

Warnung vor Kipppunkten
Beispiel China? Elektroautos sind nicht nur effizienter, sie sind auch billiger als Verbrenner – dank industrieller Massenfertigung: „Die E-Mobilität ist gekommen, um zu bleiben, Verbrenner sind ausentwickelt, das Neue verdrängt jetzt das Alte.“ Doch ist das zugleich auch eine immense Herausforderung: „Ich war vor kurzem in China, es ist sehr beeindruckend zu sehen, mit welcher Innovationskraft dort Industrien agieren, da müssen wir Europäer sehr aufpassen, nicht abgehängt zu werden. Denn auch Industrien kennen Kipppunkte.“ Und der Wandel kann schnell passieren, sehr schnell. Meyer zeigte in seiner Präsentation zwei Bilder: Auf dem linken ist die Fifth Avenue in New York im Jahr 1900 zu sehen. Man sieht sehr viele Postkutschen und ein einziges Automobil. Das rechte Bild zeigt dieselbe Straße, nur 13 Jahre später. Zu sehen sind nur noch Autos. Und eine einzige, letzte Postkutsche. 

Neue Herausforderungen
Gleichzeitig bringt das schnelle Wachstum neue Herausforderungen mit sich. Der massive Ausbau von Wind- und Solarstrom führt zu sinkenden Strompreisen in Zeiten hoher Einspeisung und zu starken Preisschwankungen. Diese Volatilität belaste Unternehmen, eröffne aber auch neue Chancen. Wer flexibel Strom verbrauchen, speichern oder verschieben kann, profitiert zunehmend wirtschaftlich. Batteriespeicher spielen dabei eine Schlüsselrolle. Ihre Kosten sinken sogar noch schneller als jene der Solartechnik. 
Übrigens: Für Meyer ist „Flexibilität“ einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren der Energiewende. Soll heißen? Durch den starken Ausbau von Wind- und Solarenergie schwanken die Strompreise immer stärker, Unternehmen sollten ihren Verbrauch also an günstige Zeiten anpassen. Wer flexibel auf Preisunterschiede reagiert, kann durch Lastmanagement, Batteriespeicher oder das intelligente Laden von Elektrofahrzeugen erhebliche Kosten sparen. Gleichzeitig trägt Flexibilität dem Experten zufolge dazu bei, Stromnetze zu entlasten und erneuerbare Energien besser zu nutzen. Für Meyer ist Flexibilität deshalb „das neue Gold“ in einem zunehmend elektrifizierten Energiesystem.
Als größtes Problem Europas identifiziert Meyer weniger die Erzeugung erneuerbarer Energie als vielmehr die Infrastruktur. Stromnetze seien vielerorts veraltet, zu wenig digitalisiert und nicht auf die neue Dynamik vorbereitet. Statt den Ausbau zu beschleunigen, werde gerade in Deutschland über eine Verlangsamung der Energiewende diskutiert. Das sei aus seiner Sicht ein gefährlicher Fehler.

Standortfaktor
Für Unternehmen werde Stromverfügbarkeit künftig zu einem entscheidenden Standortfaktor. Viele Betriebe investieren deshalb bereits in eigene Photovoltaikanlagen, Speicher, Ladeinfrastruktur und Energiemanagementsysteme. Wenn politische Unsicherheit den Ausbau bremse, verlagerten sich Investitionen zunehmend „hinter den Zähler“ – also direkt auf Unternehmensstandorte. Am Ende seines Vortrags formulierte Meyer eine klare Einschätzung: Die Energiewende ist kein europäisches Klimaprojekt, sondern Teil einer globalen industriellen Revolution. In vielen Bereichen – vom Stromsektor über Heizungen bis zur Mobilität – habe der Markt seine Entscheidung bereits getroffen.
Die entscheidende Frage lautet Meyer zufolge also nicht mehr, ob dieser Wandel kommt. Sie lautet: Wer zu den Gewinnern der Transformation gehören wird.

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