Gerald A. Matt

Kunstmanager, Publizist und Gastprofessor an der Universität für angewandte Kunst Wien

Ein liebevoller Blick

September 2026

Es gibt Schriftstellerinnen, die Geschichten erfinden. Und es gibt jene wenigen, die Geschichten entdecken. Monika Helfer war eine von ihnen. Sie begegnete der Welt mit einer Aufmerksamkeit, die nichts Geringes kannte. Ein alter Mantel, eine Tasse, ein Gartenweg, ein Hund, der einem Menschen folgt, eine Frau auf einer Bank im Wald, ja und all die wundervollen Dinge, die sie auf Flohmärkten und in Antikgeschäften zusammentrug und die ihrem Umfeld die Atmosphäre einer Wunderkammer verliehen – all das konnte zum Anfang einer Erzählung werden. Nicht weil sie den Dingen Bedeutung verlieh, sondern weil sie überzeugt war, dass Bedeutung längst in ihnen wohnte. Vielleicht war das der Grund, weshalb ihre Bücher nie laut waren. Sie mussten nichts beweisen. Sie vertrauten darauf, dass die Wirklichkeit, wenn man sie nur genau genug betrachtet, interessanter, überwältigender, ja wunderbarer ist als jede Erfindung.
Als wir an unserem gemeinsamen Buch über Krawatten arbeiteten, durfte ich diese besondere Art des Sehens und Verstehens, aber auch das unglaubliche Einverständnis und die tiefe Verbundenheit von Monika Helfer und Michael Köhlmeier unmittelbar erleben. Ich hatte Michael von meiner Leidenschaft erzählt, Krawatten zu sammeln – einer Leidenschaft, die ich meinem Großvater verdanke, dessen Eleganz seine Krawatten vollendeten. Über Jahrzehnte war daraus eine Sammlung von mehreren tausend Exemplaren geworden, einst getragen von Männern, deren Namen meist längst vergessen waren. Stoffe aus den zwanziger bis in die siebziger Jahre, Gewebe voller Zeitgeschichte, Erinnerungsstücke einer versunkenen Welt.
Als Michael mich fragte: „Wer hat diese Krawatten getragen?“, hatten er und Monika das Buch bereits gedacht. Monika, die selbst ihre Eleganz mit Krawatten krönte, verstand augenblicklich, worum es ging, nicht um Mode, um das Sammeln, sondern um Menschen. Gemeinsam wählten wir mehr als fünfzig Krawatten aus. Alte Seide, schmale und breite Schnitte, kräftige und milde Farben, zurückhaltende und auffällige Muster. Für andere wären sie nicht mehr als schnöde, aus der Zeit gefallene Objekte gewesen. Für Monika und Michael waren sie Biografien, die darauf warteten, erzählt zu werden.
Sie betrachtete eine Krawatte wie andere das Gesicht eines Menschen. Jedes Muster, jede verblasste Farbe, jeder verbliebene Fleck schien ihr etwas mitzuteilen. Sie fragte nicht nach den Objekten, sie fragte nach dem Leben. Und plötzlich hatte die Krawatte einen Träger, einen Beruf, Hoffnungen, Niederlagen, Kindheit und Liebe. Meine Krawatten waren kein Kleidungsstück mehr, sie waren Menschen geworden, über die zu erzählen sich lohnte.
Denn Monika Helfer wusste, dass Erinnerung sich oft dort verbirgt, wo andere achtlos vorübergehen. Diese Fähigkeit machte sie zu einer der großen Erzählerinnen unserer Zeit. Während viele Schriftsteller ihren Figuren Außergewöhnliches widerfahren lassen, genügte Monika oft eine kleine Bewegung, ein Blick oder ein Satz, um ein ganzes Leben sichtbar werden zu lassen. Ihre Romane sind deshalb niemals spektakulär. Sie sind „wahr“.
Vielleicht erklärt sich daraus auch ihr später Erfolg. „Die Bagage“ erschien nicht mit großem Werbegetöse. Das Buch fand seine Leser, weil diese sich darin selbst fanden. Denn Familiengeschichten sind niemals nur Familiengeschichten. Sie erzählen von Herkunft, Scham, Liebe, Schweigen und von jener unsichtbaren Last, die jede Generation der nächsten übergibt. Monika erzählte von ihrer Familie – und die Menschen erinnerten sich an ihre eigene. Als ich sie fragte, weshalb sie immer wieder Außenseiter, Verwundete und gesellschaftlich Übersehene in den Mittelpunkt stelle, antwortete sie mit der präzisen Schlichtheit, die die größte Form der Klugheit ist: „Ich glaube, auch Außenseiter sollten eine Stimme haben. Jeder Mensch überhaupt.“
Dieser Satz ist vielleicht der schönste Kommentar zu ihrem gesamten Werk. Denn sie schrieb nicht über Helden, sie schrieb über Menschen, über Kinder, die herumgeschubst wurden, über Frauen, deren Stärke man übersah und verkannte, über Männer, die sich und an ihrer Zeit scheiterten, über Einsame, über Eigenbrötler, über Menschen, die mit sich selbst rangen und trotzdem ihre Würde bewahrten.
Monika Helfer verstand die Menschen. Sie wusste, dass Verstehen und Mitgefühl nicht viele Worte brauchen. Ihre Sprache war knapp, ihre Sätze wirkten beinahe durchsichtig. Kein Ornament störte den Blick auf das Wesentliche. Und gerade deshalb entfalten sie eine solche Kraft. Man liest sie und später erst bemerkt man, wie lange sie im Gedächtnis bleiben.
Ich habe Monika in einem Fernsehinterview einmal gefragt, was Schönheit für sie bedeute. Ihre Antwort überrascht bis heute durch ihre Einfachheit: Schönheit sei ihr wichtig – im Leben wie in der Literatur. Hässliches mache sie hoffnungslos. Es war ein Satz, den man leicht missverstehen könnte. Denn Monika meinte niemals nur glatte Schönheit, nicht Perfektion oder gar Dekoration. Sie meinte jene Schönheit, die aus Güte entsteht. Die Schönheit eines Menschen, der zuhört, und die Schönheit eines Satzes, der nichts beweisen muss. Die Schönheit einer Erinnerung, die einen anderen Menschen nicht bloßstellt, eine Literatur, die selbst den Verletzten ihre Würde lässt. Vielleicht konnte Monika deshalb Schönheit dort entdecken, wo andere nur das Alltägliche sahen. Schönheit war für sie kein Gegensatz zum Schmerz. Im Gegenteil. Gerade das Zerbrechliche, das Unvollkommene, das Vergängliche ließ sie mit einer Zärtlichkeit leuchten, die ihren Büchern jene stille Größe verleiht, die man nicht vergisst.
Ich durfte Monika Helfer und Michael Köhlmeier immer wieder begegnen. Jede dieser Begegnungen war ein Geschenk. Man verabschiedete sich jedes Mal mit jenem seltenen Gefühl, dass die Welt für eine Weile freundlicher, interessanter, menschlicher geworden war. Nicht weil das Leben – wie so oft im Smalltalk – zerredet wurde, sondern weil zwei Menschen etwas mitzuteilen hatten und dabei zeigten, wie viel Wärme, Neugier und Güte im Gespräch liegen können. Heute denke ich an einen Nachmittag zurück, in Bregenz, eine Begegnung mit Michael und Monika auf dem Vorplatz des Restaurants Petrus. Ich sehe Michael und Monika erzählen. Ich sehe Monika lächeln, aufmerksam, still, hellwach. Ich höre ihr leises Lachen. Ich sehe ihre Hände, mit denen sie sprach, ohne zu gestikulieren. Ich erinnere mich an ihre höfliche Zurückhaltung, an ihre Wärme, an jene unaufdringliche Eleganz, die nicht aus Kleidung entstand, sondern aus Haltung. Und Monika trug wie gesagt Krawatte, fast immer, in der Eleganz ihrer Erscheinung spiegelte sich auch die Eleganz ihrer Literatur. Auch deshalb war unser gemeinsames Buch über die Krawatten weit mehr als ein Buch über Kleidungsstücke.
Es war ein Buch über Erinnerungen, über vergangene Leben, über das, was bleibt, wenn Menschen längst gegangen sind. Monika konnte aus einem Objekt, aus einem Stück Seide einen Menschen und ein Leben hervortreten lassen. Sie konnte aus einem alten Foto und wenigen Sätzen wie in dem Katalogbuch, das ich zu einer Sammlung von Panoramabildern auch gemeinsam mit ihr und Michael Köhlmeier machte, eine Welt erschaffen, die größer war als die Geschichten vieler langatmiger Romane. Das Krawattenbuch war aber auch ein Buch eines unglaublichen gemeinsamen Einverständnisses, eines gegenseitigen Verstehens und Respekts, einer fortdauernden Liebe. Wer Monika und Michael gemeinsam erleben durfte, verstand bald, dass hier zwei Schriftsteller nicht nebeneinander lebten, sondern miteinander. Jeder schrieb seine eigenen Bücher, jeder hatte seine eigene Stimme. Und doch schien der eine ohne den anderen kaum denkbar.
Sie lasen sich ihre Manuskripte vor, sie widersprachen einander. Sie diskutierten über ihre Sätze, über den Rhythmus eines Absatzes, über eine Figur, die noch nicht ganz sie selbst geworden war. Ihre Kritik war jedoch niemals verletzend, sondern spiegelte ihr gegenseitiges unbedingtes Vertrauen. Michael sagte einmal, wenn Monika ihn kritisiere, wisse er, dass sie es gut mit ihm meine. Wahrscheinlich ist kaum etwas Treffenderes über ihre Beziehung gesagt worden. Auch darin lag etwas Wunderbares: die Freude am Gelingen des anderen.
Als „Die Bagage“ schließlich zu jenem unerwarteten literarischen Ereignis wurde, das Leserinnen und Leser weit über den deutschsprachigen Raum hinaus begeisterte, erzählte Michael die Geschichte von den Telefonanrufen mit sichtlichem Vergnügen. Jahrzehntelang hatte man nach ihm verlangt. Nun meldeten sich Verlage, Literaturhäuser und Journalisten – und wollten Monika sprechen. Er erzählte das nicht mit Ironie, sondern mit Stolz. Man konnte hören, wie glücklich ihn ihr Erfolg machte.
Monika selbst reagierte darauf, wie sie auf Lob immer reagierte: mit Staunen. Als ich sie fragte, ob sie der Erfolg verändert habe, sprach sie nicht von Verkaufszahlen, nicht von Übersetzungen und auch nicht von Preisen. Sie sprach von ihrer Familie. Von Michael, der lachend sagte: „Die Karten wurden eben neu gemischt.“ Von ihren Kindern, die sich mit ihr freuten. Erfolg bedeutete ihr nichts, wenn er nicht geteilt werden konnte. Als sie nach Heimat gefragt wurde, nannte sie keinen Ort. Sie sprach nicht von Vorarlberg, obwohl dessen Landschaften ihre Literatur durchziehen wie ein leises Atmen. Sie sagte: „Heimat ist mein Mann, meine Kinder, Paula auf der Treppe, unser Haus, mein Bett, meine Utensilien, der Garten.“
Es gibt Worte, die eine ganze Biografie enthalten. Paula war eines von ihnen. Wer Monikas Bücher aufmerksam liest, begegnet ihr immer wieder. Nicht als literarischer Figur, sondern wie einem sanften Lichtschein zwischen den Zeilen. Der Tod ihrer Tochter blieb eine Wunde, die niemals verschwand. Aber Monika machte aus diesem Verlust keine Anklage gegen das Leben. Sie schrieb auch darüber mit jener behutsamen Diskretion, die ihr eigen war. Schmerz durfte sichtbar werden. Ausgestellt wurde er nie. In einem Gespräch sagte sie mir, Schreiben sei keine Therapie. Schreiben war für sie keine Bewältigung, sondern eine Form des Daseins. Sie schrieb, weil sie die Welt nur schreibend ganz verstehen konnte und verstand gerade deshalb mehr von Menschen als viele andere.
Ihre Bücher werden gelesen werden, solange Menschen sich für andere Menschen interessieren. Solange Herkunft, Familie, Liebe, Verlust und Hoffnung zum Leben gehören. Solange jemand Trost sucht, ohne getröstet werden zu wollen. Denn Monika Helfer schenkte ihren Leserinnen und Lesern keine Antworten. Sie schenkte ihnen etwas Wertvolleres. Sie schenkte ihnen einen (liebevollen) Blick.

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